Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Bad Schwartau Weltweit einmalig: Der Bauhaus-Bauernhof am Pönitzer See
Lokales Bad Schwartau Weltweit einmalig: Der Bauhaus-Bauernhof am Pönitzer See
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:19 11.05.2019
Der Kuhstall auf Gut Garkau in Klingberg wurde nach Entwürfen des Bauhaus-Architekten Hugo Häring gebaut. Quelle: Sabine Latzel
Klingberg

 Am Ende einer recht holprigen Straße, direkt am Pönitzer See, liegen zwei berühmte Gebäude, die internationales Fachpublikum anlocken: der Kuhstall und die Scheune von Gut Garkau. Errichtet wurden sie zwischen 1924 und 1926, nach Plänen des Architekten Hugo Häring. Ihren ursprünglichen Zweck erfüllen die Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen, aber nicht mehr.

Fachleute aus ganz Europa sind von der Anlage fasziniert

„Die Anlage fasziniert die Menschen“, sagt Holm Dauscher, der auf Gut Garkau wohnt, in den Bauhaus-Objekten nach dem Rechten sieht und gelegentlich Besucher herumführt. „Neulich war eine Gruppe Architektur-Studenten aus Spanien hier“, berichtet er. Diese hätten sich für zwei Wochen in Lübeck eingemietet und seien jeden Tag zum Gut gekommen: „Sie haben alles begutachtet und vermessen und offenbar ein ganzes Buch darüber geschrieben.“ Dauscher hat auch schon Gäste aus Italien, England und Irland am Südwestufer des Großen Pönitzer Sees begrüßt. Was aber interessiert die Fachleute so sehr an einem Kuhstall und einer Scheune irgendwo auf dem Gebiet der Gemeinde Scharbeutz, auf einem Gut, das 1277 erstmals urkundlich erwähnt wird?

Von Walter Gropius gegründet

Das Bauhaus bestand von 1919 bis 1933 als Kunstschule in Weimar und Dessau. Gegründet von Walter Gropius, steht es für die damalige moderne Revolution von Architektur und Design. Grundgedanke ist das Zusammenwirken von Kunst und Handwerk. Die rationalen, funktionalen Entwürfe sind bis heute prägend. Bauhaus-Lehrer waren unter anderem Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky. In diesem Jahr feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum.

Die Konzeption von Gut Garkau gilt als Hauptwerk von Hugo Häring (1882 – 1958), der wiederum als einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten Neuen Bauens bezeichnet wird. Über den „einzigen modernen Bauernhof der Welt“, wie es im Deutschen Architektenblatt (DAB) heißt, sind zahlreiche Abhandlungen verfasst worden. Entworfen hat Häring die Anlage, die auf den damals neuesten Erkenntnissen landwirtschaftlichen Bauens beruhen sollte, im Auftrag von Otto Birtner, einem experimentierfreudigen Landwirt.

Eine Scheune wie ein Kirchenschiff

In der Tat kann sich der Besucher der Wirkung der roten, teils bläulich schimmernden Ziegelbauten mit der schwarzbraunen Holzverschalung und den weißen Betonbändern kaum entziehen. Das Dach der Scheune ist in Zollinger-Bauweise konstruiert, ein System, das den Verzicht auf Balken und Stützen ermöglich, weshalb der 13 Meter hohe Innenraum an ein Kirchenschiff erinnert. „Hier standen früher die Getreidesilos“ erklärt Holm Dauscher. Platz genug bietet die 40 mal 18 Meter große Grundfläche, die heute vor allem als Winterlager für Boote genutzt wird.

Besonders beeindruckend ist der Kuhstall mit seinem Grundriss in Form einer Birne: Seine teils rechtwinkligen, teils geschwungenen Formen lassen ihn von jeder Seite anders aussehen. Drinnen waren einst 42 Kühe untergebracht, rund um den Bullen, der in einer offenen Box stand. „Die Kühe haben wohl mehr Milch gegeben, wenn sie ihn gesehen haben“, meint Dauscher. Die offene Bullen-Box, eine schlichte Konstruktion aus Eisenrohren, gibt es noch – und sie wurde zwischenzeitlich auch schon mal nach Berlin transportiert, anlässlich einer Ausstellung zum Wirken Härings an der Akademie der Künste. Der Boden des Obergeschosses des Kuhstalls fällt schräg nach unten ab. „So ist das Raufutter nachgerutscht“, erklärt Dauscher. Es fiel dann durch Luken von oben auf den zentralen Futtertisch im Erdgeschoss.

Das gesamte Ensemble konnte nie gebaut werden

Dieses Konzept ist ein Beispiel dafür, dass mit Härings Gebäuden auf Gut Garkau die Abläufe im landwirtschaftlichen Betrieb optimiert werden sollten. Dabei sind Kuhstall und Scheune nur Teile eines größeren, nie verwirklichten Ensembles. Es gab zwar noch einen Schweinestall, der jedoch zum Wohnhaus umgebaut ist. Vorgesehen waren zudem ein Gutshaus, ein Pferde- und ein Hühnerstall und ein Dung-Lager. Doch die Bauhaus-Bewegung, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, fand 1933 mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland ihr Ende – und damit wurde auch das Vorhaben am Großen Pönitzer See nicht weiter verfolgt.

Die Scheune ist gewaltig, der Kuhstall überrascht durch verschiedene Ansichten – und die offene Bullen-Box ist letztlich eine schlichte Konstruktion aus Eisenrohren.

Kuhstall und Scheune wurden allerdings bis Mitte der 1970er-Jahre genutzt, dann lohnte es nicht mehr. „Ein Stall nur für 42 Kühe: Davon kann heute keiner mehr leben“, sagt Holm Dauscher. Den geplanten Abriss der Bauhaus-Gebäude verhinderte die Landesdenkmalpflege, deren Verantwortliche sich auch für die Restaurierung 1976 einsetzten. Eine Zeit lang kamen zahlreiche Besucher, bis der Andrang zu groß wurde. „Irgendwann standen mehrere Reisebusse auf dem Rasen, und hier liefen mehr als hundert Leute herum – das war zu viel“, sagt Holm Dauscher. Die Mieter in den übrigen Gebäuden des Gutes fühlten sich gestört, und der in Bayern lebende Eigentümer verweigerte weitere öffentliche Führungen.

Heute dienen Scheune und Kuhstall lediglich als Lager

Fachpublikum aber darf nach Anmeldung gern kommen und sich umsehen. Die Scheune und der Kuhstall, der ebenfalls lediglich als Lager dient, zeigen inzwischen allerdings wieder erste Verfallserscheinungen. Was aus den berühmten Gebäuden werden soll, scheint unklar. Aus Plänen von Gemeinde und Land, Gut Garkau in eine überregionale Kulturstätte umzuwandeln, ist nichts geworden. „Und zum Wohnhaus dürfen Kuhstall und Scheune offenbar auch nicht umgebaut werden“, meint Holm Dauscher.

So schlummert der weltweit einzige Bauernhof im Bauhaus-Stil weiterhin friedlich am Großen Pönitzer See. Als Zeugnis einer damals revolutionären Idee – und als Top-Adresse für Architektur-Interessierte, die sich von der laut DAB „archaischen Hof-Utopie“ faszinieren lassen.

100 Jahre Bauhaus

Ein ausführlicher Text zum Bauhaus in Weimar und Dessau findet sich hier.

Informationen über die Eröffnung des Bauhaus-Festivals stehen hier.

Der Bericht über Gut Garkau im Deutschen Architektenblatt ist hier nachzulesen.

Sabine Latzel

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Ostholstein Generalprobe im Maritim-Seehotel - Timmendorfer Strand im Udo-Lindenberg-Fieber

Seit zehn Tagen bereitet sich Udo Lindenberg mit seinem Panikorchester an der Ostsee auf die Tour 2019 vor. An diesem Wochenende erleben 3600 Fans die Probe-Shows im Seehotel.

11.05.2019

Er hat gerackert und wurde belohnt: Johannes Sommer ist in der Koch-Show eine Runde weiter gekommen. Der Sous-Chef aus Timmendorf stellt sich einer strengen Jury unter Eckart Witzigmann.

10.05.2019

Die Bewohnerinnen des Pflegezentrums haben ein neues Lieblingszimmer: die Vital-Stube unterm Dach. Dort findet sich seit Kurzem ein Fitnessstudio mit neun Geräten, die eifrig genutzt werden. Um einen Waschbrettbauch geht es dabei aber nicht.

10.05.2019