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Lauenburg Mit den Briten muss auch Bürgermeister Iain Macnab gehen
Lokales Lauenburg Mit den Briten muss auch Bürgermeister Iain Macnab gehen
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12:44 24.04.2019
Seit 2008 Bürgermeister der Gemeinde Brunsmark im Amt Lauenburgische Seen: der noch-EU-Bürger und Schotte Iain Macnab (69). Im Falle des Brexit müsste er zurücktreten.
Seit 2008 Bürgermeister der Gemeinde Brunsmark im Amt Lauenburgische Seen: der noch-EU-Bürger und Schotte Iain Macnab (69). Im Falle des Brexit müsste er zurücktreten.
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Brunsmark

Vor der jüngsten Kommunalwahl, im Mai 2018, ließ sich Iain Macnab nur als Bürgermeisterkandidat aufstellen unter dem Vorbehalt, dass er bei einem „Brexit“ sein Amt niederlegen werde. Denn Nicht-EU-Bürger haben in Deutschland kein aktives und passives Wahlrecht. Macnab trat dennoch an, weil er insgeheim hofft und glaubt, dass der Austritt in letzter Minute noch abgewendet werden kann. Dabei sieht er die EU als Staatenbund durchaus kritisch: „Als Organisation schießt sie zunehmend über das Ziel hinaus. So ziehen 10 000 EU-Beamte und -Politiker in einem Monat von Brüssel nach Straßburg und zurück. Und alle Vorgänge müssen in 24 Sprachen übersetzt werden. Das kostet alles. Es ist eine Ressourcenvernichtung. Und wir müssen es bezahlen.“

Keine Fake-News

Weiterhin glaubt er, dass „zu viele Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fallen, massiv beeinflusst durch Lobbyisten“. Unfair findet Macnab auch, dass Beamte der mittleren EU-Ebene mehr verdienten als die britische Premierministerin. Das seien alles keine „Fake-News“, so Macnab. „Das habe ich auf der speziellen Webseite der Washington Post recherchiert.“

Zur Person

Iain Macnabwurde im Juli 1949 in Dundee an der Ostküste Schottlands geboren und wuchs dann im kleinen Dorf Achiltibuie an der äußersten Nordwestküste Schottlands auf.

Nach der Schulzeit volontierte er bei einer Zeitung in Perth, etwa 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Edinburgh. Dort arbeitete er auch anschließend als Redakteur. Nebenher machte er Musik.

Als in den 1970er Jahren die schottischen Zeitungen in eine Krise schlitterten, gelangte er über seine Rockmusik-Kontakte nach Hamburg, wo er zunächst als Tontechniker arbeitete. 1979 machte sich Macnab zunächst mit einem Übersetzungsbüro selbstständig, eröffnete ein Jahr später mit einem Kumpel die Kneipe „Igel“ und wurde 1986 Business Development Manager für ein Unternehmen. 2000 machte sich erneut selbstständig –diesmal und seitdem mit einem IT-Büro für Internet-Hosting. Seit 1992 lebt Macnab in Brunsmark, wo er mit einem Freund ein Haus kaufte. 2003 kam er für die Allgemeine Brunsmarker Freie Wählergemeinschaft in die Gemeindevertretung – fünf Jahre später wurde er Bürgermeister.

Den größten Sinn sieht Macnab in der EU nur als ökonomisches Bündnis. „Jahrhundertelang kam es durch den Handel zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Austausch.“ Politisch und kulturell sollte jedes Land individuell handeln und entscheiden können. Das Hauptproblem für die aktuelle Uneinigkeit des Parlaments in London, ob es jetzt einen geregelten oder einen chaotischen Austritt, einen ohne Abkommen oder möglicherweise sogar gar keinen mehr, also einen Verbleib in der EU, geben kann, liegt laut Macnab „in der Spaltung innerhalb aller großen Parteien“. Bei den Konservativen spiele besonders die nordirische, protestantische DUP-Partei (Democratic Unionist Party) das Zünglein an der Waage.

Mehrheit gegen den Ausstieg

„Kreis-Briten“

Viele hier lebenden Engländer, Waliser, Schotten oder Nordiren, kurz: alle Briten im Kreis Herzogtum Lauenburg, sind unsicher, wie es für sie im Falle des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union hier weiter geht. Eine Anfrage beim Kreis beantwortete Sprecher Tobias Frohnert folgendermaßen:

Das Schleswig-Holsteinische Justizministerium arbeitete zuletzt an einem Gesetzesentwurf für einen ,geregelten Brexit’, der Übergangsregelungen für britische Staatsbürger vorsieht. Also alle, bei denen der Antrag noch nicht zu einer Einbürgerung geführt hat, hätten dann voraussichtlich nichts zu befürchten. Das betrifft nicht nur die Mitgliedschaft in Gemeindevertretungen.

Beim „No-Deal“, also einem Austritt ohne Abkommen, wird es auch keine Übergangsregelung mehr geben. „Für Macnab bedeutet dies, dass er seinen BGM-Posten verlieren wird, ob er einen Antrag stellt oder nicht. Eine Einbürgerung ist in der Regel nicht kurzfristig umsetzbar“, so Frohnert, sondern brauche circa fünf Monate.

Derzeit leben 154 Briten im Kreis Herzogtum Lauenburg. Im Jahr 2018 wurden 21 Einbürgerungsanträge von Briten gestellt und davon bisher neun erfolgreich.

Diese lehnt einen Zusammenschluss mit dem katholischen Irland kategorisch ab. Aber: „Sie akzeptiert auch keine harte Grenze zwischen Irland als EU-Gebiet und Nordirland als Bestandteil Großbritanniens. Nur eine offene Grenze wie bisher“ sei okay. Anderenfalls sieht der Schotte die Gefahr neuer gewalttätiger Auseinandersetzungen. Für Macnab war schon das erste Referendum, das zum Brexit führen soll, ein Riesenfehler. „Die Leute waren völlig falsch informiert, was alles auf sie zukommen kann.“ Er selbst „will ein zweites Referendum. Und zwar zu der Frage Ausstieg oder Bleiben“. Hier gäbe es eine klare Mehrheit gegen den Ausstieg. Das hätten zahlreiche Umfragen ergeben. Auch wenn es im Unterhaus, dem britischen Parlament, „zu einer freien Abstimmung, also ohne Fraktionszwang kommt, würden die ,Remainers’ die Mehrheit haben“. Am Ende, glaubt der Brunsmarker Bürgermeister, „wird der Brexit abgeblasen. Entweder durch ein zweites Referendum oder durch Artikel 50 des Lissabonner Vertrags“, wo festgehalten ist, dass ein Land vom angekündigten Austritt auch wieder zurücktreten kann.

Noch sind etwa 60 Tage Zeit. Sollte es wider seinem Erwarten aber doch nicht passieren, „dann trete ich sofort zurück“. Der Verlust des lieb gewonnenen Amtes wäre die einzige Konsequenz für ihn, weitere muss er nicht fürchten. „Wir sind jetzt fast 20 Jahre verheiratet. Die Greencard hat er damit schon“, erklärt seine Frau Inge fröhlich.

Joachim Strunk