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Lauenburg Buchhorns Flucht aus der DDR über den vereisten Schaalsee
Lokales Lauenburg Buchhorns Flucht aus der DDR über den vereisten Schaalsee
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16:35 06.10.2014
Wolfgang Buchhorn (69) steht am Campingplatz Groß Zecher am Ufer des Schaalsees. Im Hintergrund ist ein Teil seines Fluchtwegs zu erkennen. Die Landzunge links im Bild ist der Kampenwerder. Rechts ist die Große Buhwiese zu sehen, eine Insel im Schaalsee. Auf der Karte ist der Fluchtweg der vier Männer mit einer roten Linie nachgezeichnet. Die schwarze Linie zeigt die ehemalige innerdeutsche Grenze.
Wolfgang Buchhorn (69) steht am Campingplatz Groß Zecher am Ufer des Schaalsees. Im Hintergrund ist ein Teil seines Fluchtwegs zu erkennen. Die Landzunge links im Bild ist der Kampenwerder. Rechts ist die Große Buhwiese zu sehen, eine Insel im Schaalsee. Auf der Karte ist der Fluchtweg der vier Männer mit einer roten Linie nachgezeichnet. Die schwarze Linie zeigt die ehemalige innerdeutsche Grenze. Quelle: Fotos: Grombein, privat
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Groß Zecher

Es ist ein eiskalter Winterabend am 20. Januar 1964, als vier junge Männer in Schwerin ihre Motorräder besteigen. Bei minus zehn Grad Celsius geht es nach Techin, direkt am Schaalsee. Die Motorräder lassen sie im Wald stehen. Ihr Anführer ist Wolfgang Buchhorn, aufgewachsen in Zarrentin. Denn nur er kennt die Gegend vom Angeln aus seiner Kindheit.

Es ist die Geschichte einer Flucht aus dem Mecklenburgischen ins Lauenburgische. Und es ist die Geschichte über Buchhorns Liebe zum Schaalsee, die sein ganzes Leben prägte. Damals hat der See ihm den Weg in die Freiheit geebnet — als eine dicke Schicht aus Eis Ost und West für ein paar Tage im Januar verband. Heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, verewigt der bekannte Naturfotograf die wunderbare Tierwelt im Biosphärenreservat zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein im Bild.

„Damals habe ich gespürt, was Angst ist. Ich habe gezittert und trotz der Kälte geschwitzt“, berichtet Buchhorn von der Flucht. An der heutigen Badestelle in Techin, wo sandiger Boden seicht ins Wasser läuft, begaben sich die vier Flüchtlinge auf das Eis. Sie kannten sich aus Wittenburg bei Schwerin, wo Buchhorn als Glaser arbeitete. Und alle teilten die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmtheit. In einer Reihe bahnten sie sich, eine Hand am Gürtel des Vordermannes, den Weg über das Eis Richtung Kampenwerder. Die Grenzposten kontrollierten vor allem den schmalen Damm, der die Insel in der Mitte mit dem Festland verbindet. Dass die Gruppe über das Eis, quasi in ihrem Rücken an die Grenze gehen würde, hatten die Soldaten in dieser Nacht nicht im Blick.

Auf dem Kampenwerder ließen sie den heutigen Acker im Osten liegen und trafen auf einen Weg. Es war der ehemalige Kolonnenweg. Den nutzten die Jünglinge als Orientierung. An einem Findling an der Waldkante, der dort noch heute liegt, tranken sich die verängstigten Männer mit einem Schnaps Mut an. „Wenn wir die Grenzer rufen hören, trennen sich unserer Wege. Sonst bleiben wir beieinander“, schworen sich die Anfang 20-Jährigen. Es ging in den Wald Richtung Westen. Am Ufer des Kampenwerders wartete die Freiheit. Vorsichtige Schritte im Gänsemarsch durch das dunkle Unterholz. Stundenlang zog sich die Flucht hin. Dann plötzlich der Tiefpunkt der Tour: „Wir waren im Kreis gelaufen, kamen wieder am Feldweg an“, sagt Buchhorn. Noch einmal schlugen sich die Vier in den Wald. Plötzlich stockte ihnen beim Anblick eines dunklen Schattens der Atem. Ein mit Sträuchern und Zweigen gesicherter Unterstand der DDR-Grenztruppen — zum Glück unbesetzt. Schwitzend und zitternd ging es weiter Richtung Westen. Dann plötzlich ein zweiter Unterstand — wieder leer. Es war ein unbeschreibliches Glück.

Die Männer erreichten schließlich am Westufer der Insel wieder das Eis. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen sie an der Echowiese an. „Campingplatz Groß Zecher“ stand dort bald auf einem Schild.

„Doch das wollten wir nicht glauben. Wir haben gedacht, vielleicht ist das eine Falle der Grenzer“, erklärt Buchhorn. Dann waren auf einmal in der Ferne Lichter eines Hofes zu erkennen. Buchhorn schlich leise in den Viehstall. Dort standen die Gummistiefel des Bauern. „Solche gab es in der DDR nicht. Uns war klar, wir haben es geschafft. Und dann haben wir geheult wie die Schlosshunde“, berichtet er und strahlt vor Freude. Mittlerweile war es fünf Uhr morgens.

Der Bauer Wilken nahm die Flüchtlinge herzlich auf und versorgte sie mit einem deftigen Frühstück. Sie wurden darauf vom Zoll verhört und für vier Tage in Lübeck in einem Hotel einquartiert. Täglich bekamen sie 20 D-Mark Handgeld. „Ich bin ins Kino gegangen und habe mir einen Western nach dem anderen angesehen“, erzählt Buchhorn. In einer Villa am Brinck in Lübeck verhörte der Verfassungsschutz die Männer. Später ging es dann vier Wochen in ein Auffanglager in Gießen. „Danach trennten sich die Wege. Wir haben uns nie wieder gesehen.“ Buchhorn ging zum Arbeiten zwei Jahre nach Düsseldorf. Doch lange hielt es ihn nicht in der Großstadt. Er stieg einfach ins Auto und fuhr nach Mölln. Noch auf der Kanalbrücke im Süden rief er am 6. 6. 1966 von der Telefonzelle einen örtlichen Glaser an, bekam sofort einen Job und blieb.

Heute steht Wolfgang Buchhorn wieder in Groß Zecher am Campingplatz und blickt auf den Schaalsee. Den 21. Januar, den Tag der Flucht, bezeichnet er als seinen zweiten Geburtstag. Der Schaalsee ist für ihn gleichermaßen Symbol für Freiheit und für die Repression in der DDR. Und: „Mein Herz hängt an der einmaligen Landschaft.“

Schaalsee: ehemalige Grenze, Heimat des Seeadlers
Der Naturpark Lauenburgische Seen bietet auf 474 Quadratkilometern eine vielfältige Natur- und Kulturlandschaft. Darunter besonders bekannt ist der Schaalsee, der tiefste See Norddeutschlands. „Diesen teilen wir uns mit Mecklenburg-Vorpommern. Die östliche Hälfte gehört zum dortigen Biosphärenreservat Schaalsee. Die Grenze verlief einst mitten durch den See", erklärt Frank Hadulla, Leiter des Naturparks.



Die Schönheit und Unberührtheit der Natur weiß der majestätische Seeadler zu schätzen. Mit seinen bis zu zweieinhalb Meter großen Schwingen kreist er eindrucksvoll über die Landschaft und brütet regelmäßig auf den zerklüfteten Halbinseln und den Werdern der Schaalseeregion.

Florian Grombein