Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Coworking in Bliestorf: Labor für die Zukunft der Arbeit
Lokales Lauenburg Coworking in Bliestorf: Labor für die Zukunft der Arbeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 21.08.2019
Studentin Alissa Leuterer (31) und Unternehmensberater Hauke Gastmeyer (39) nutzen den Coworking-Space in Bliestorf für ihre Arbeit. Quelle: Holger Marohn
Bliestorf

„Ich nutze das hier, um einfach mal rauszukommen und am Stück ohne Ablenkung an meiner Bachelorarbeit zu arbeiten“, sagt Alissa Leuterer. Die 31-Jährige kommt eigentlich aus Bremen und ist Mutter von drei Kindern. Sie ist einer von mehreren Dutzend Nutzern, die das alternative Arbeitsplatzkonzept bislang ausprobiert haben. Einige kommen für ein paar Stunden vorbei, andere haben sich wie Alissa gleich für ein paar Tage angemeldet.

„Zu Hause fehlt mir im Tagesablauf einfach die Ruhe, um meine anstehende Bachelorarbeit überhaupt zu strukturieren“, sagt Alissa. Über ihre Freundin Jule Lietzau, die die Coworking-Idee gemeinsam mit Florian Matzke in Bliestorf initiiert hat, sei sie auf das Projekt gestoßen.

Alternative zum Pendeln

Bei mir in der Nähe in Bremen gibt es wohl auch so etwas, aber das ist nur ein sehr kleiner „schrubbeliger“ Raum. „Da habe ich meine Kinder bei meiner Schwiegermutter untergebracht und besuche nun für drei Tage meine Freundin Jule und arbeite gemeinsam mit ihr hier im Coworking-Space.“

Noch bis zum 25. August 2019 stehet der Bürocontainer als Coworking-Popup in Bliestorf. Quelle: Holger Marohn

Coworking ist eine moderne Arbeitsform, die sich bereits in den Großstädten etabliert hat. Für den ländlichen Raum gilt das Konzept, bei dem sich Arbeitnehmer oder Selbstständige an einem temporären Arbeitsplatz treffen als mögliche Alternative zum Pendeln.

Modernes Arbeiten

„Heute haben die Bürger seltener den einen Job fürs Leben“, sagt Prof. Dr. Ulrich Reinhardt. Die Arbeitswelt ist geprägt von schnellen Veränderungen und hoher Flexibilität. Im Coworking Space hat man direkt ein Netzwerk zu anderen Unternehmen, man kann Synergien nutzen und sich gegenseitig unterstützen. Zudem erlaubt so ein Büro sehr flexible und spontane Anpassung an die eigene Situation sowie die Möglichkeit Kosten zu sparen – heute Büro, morgen Kundentermin, übermorgen Urlaub.

Coworking wird unterstützt durch zahlreiche gesellschaftliche Entwicklungen. So wünschen sich immer mehr Bürger im Job vor allem Spaß und eine gute Atmosphäre. Zudem ist das Heimatgefühl stärker ausgeprägt, mehr Kinder ziehen wieder in die Nähe ihrer Eltern. Und auch der Wunsch nach Geselligkeit nimmt in unserer anonymen Welt stetig zu.

Die Stiftung für Zukunftsfragen, eine Initiative von British American Tobacco, will einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft leisten. Zu diesem Zweck initiieren wir die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen sowie die Entwicklung von Ansätzen zur nachhaltigen Lösung künftiger Herausforderungen unserer Gesellschaft, heißt es in der Selbstbeschreibung.

Neben Alissa sitzt Hauke Gastmeyer. Der 39-jährige Lübecker war 16 Jahre bei einem Medizintechnik-Unternehmen angestellt, bevor er sich vor drei Jahren im Bereich Unternehmensberatung selbstständig gemacht hat. Er ist mit dem Fahrrad von Lübeck nach Bliestorf gekommen. „Es ist die Möglichkeit, mal in einer anderen Umgebung zu arbeiten. Und hier ist es einfach schön.“ Außerdem lerne man andere interessante Menschen kennen, sagt Hauke, schnappt sich seinen Laptop und geht auf die Terrasse des umgebauten Seecontainers in die Sonne.

Der „Torfhub“, das Coworking-Camp in Bliestorf ist eröffnet. Bis Ende August können sich Bürger für einen Tag in dem Container einbuchen.

Alissa und Hauke sind nur einige der zahlreichen Nutzer des Coworking-Spaces der vergangenen Wochen. Hinzu kamen viele Besucher der fast täglichen Veranstaltungen. „Wir hatten Leute aus Hamburg, Bad Segeberg oder Lübeck hier“, sagt Jule. Dank des Glasfaserausbaus sei hier in Bliestorf das Internet besser als in Teilen Hamburgs. Mit den abendlichen Angeboten rund um modernes Arbeiten bis hin zu einem Meditation-Workshop oder Vorträgen zur Persönlichkeitsbildung habe man außerdem ein sehr breites Publikum angesprochen.

„Wir merken, was es für den Ort bedeutet“

„Wir wollten zeigen, was geht“, sagt Jule. Und da sei es schon auch für sie beeindruckend gewesen, als dann 25 Bürgermeister und Kommunalpolitiker zu einem Vortrag modernes Arbeiten am Coworking-Container zusammengekommen seien und intensiv diskutiert hätten.

Coworking im Selbstversuch: LN-Redakteur Holger Marohn testet den Coworking-Popup in Bliestorf bei Jule Lietzau für einen Tag. Quelle: LB

Auch im Dorf sei der Coworking-Space zunehmend wahrgenommen worden und anfänglich vielleicht vorhandene Berührungsängste hätten sich abgebaut. „Man traut sich inzwischen, uns hier auch einfach mal anzusprechen“, sagt Jule. Auch hätten die Bürger festgestellt, dass sich das Angebot nicht nur an Computer bezogen arbeitende Menschen richte. „Wir hatten auch eine Lehrerin, die hier über mehrere Tage ihre Unterrichtsvorbereitung gemacht hat, weil es ihr zu Hause einfach zu einsam war.“ Und inzwischen werde deutlich, dass es etwas für den Ort bedeuten könne, „wenn hier wieder so ein Anlaufpunkt ist. Es ist wieder jemand tagsüber da.“

Konzept für dauerhaftes Angebot

Kurz nach Mittag kommt Gemeindearbeiter Martin Lindenberg mit dem Fahrrad vorbei und schaut nach dem Rechten. „Es ist doch schön, dass hier mal etwas los ist“, sagt Lindenberg und fragt neugierig, wie es wohl nach den vier Wochen weitergehen wird. „Es wäre schön, wenn das klappt, aber dafür muss dann natürlich auch etwas los sein. Es bringt ja nicht nichts, wenn Jule da dann alleine sitzt.“

Genau diese Herausforderung sieht auch Jule. „Es ist total wichtig, dass wir jetzt in die nächste Phase gehen und versuchen, das zu verstetigen“, sagt Jule. Eine wichtige Frage sei dabei, ob die Leute auch bereit sind, für einen Coworking-Platz zu bezahlen und wie die Stimmung sei, wenn es „nass und kalt ist“. Auch müsste ein dauerhaftes Angebot zuverlässig betreut werden.

Moderne Arbeitsform ist Gesprächsthema

Florian und ich sind derzeit aufgrund von seiner Elternzeit und meiner Masterarbeit einfach in einer Ausnahmesituation, die es uns ermöglicht, dass Angebot für eine begrenzte Zeit in dieser Form zu betreuen“, so Jule. Und dennoch hätte der mobile Coworking-Space aus Jules Sicht gut noch vier Wochen länger stehen können. Letztlich sei aber noch viel wichtiger, dass diese neue Arbeitsform durch die Präsenz des Pilotprojektes nun im Gespräch ist – und das weit über die Grenzen Bliestorfs hinaus.

Auch Ulf Hahn, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herzogtum Lauenburg (WfL) nutzt den Coworking-Space, um die Zeit zwischen einem Termin im Nordkreis und einer Veranstaltung in Bliestorf zu überbrücken. Die Fahrt zurück ins Büro nach Ratzeburg hätte sich kaum gelohnt. Quelle: Holger Marohn

Am Nachmittag taucht in Bliestorf überraschend auch Ulf Hahn, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herzogtum Lauenburg (WfL), auf. Er hatte einen Termin in der Nähe und wird später Vertretern lauenburgischer Firmen das Coworking-Konzept in Bliestorf vorstellen. „Zwischendurch ins Büro nach Ratzeburg zurückzufahren hätte sich kaum gelohnt“, sagt Hahn.

Alissa aus Bremen würde gerne noch länger bleiben. Aber zu Hause in Bremen sehnen sich auch schon ihre drei Kinder nach der Mama. Ob sie in Bremen einen Coworking-Space nutzen wird, weiß sie noch nicht. „Wahrscheinlich gehe ich dort dann doch wieder ins Café. Das ist gemütlicher als in den dort vorhandenen Coworking-Einrichtungen.“

Mehr Informationen

Hier gibt es mehr Infos zum Thema Coworking:

Das steckt hinter Coworking-Spaces

Coworking-Projekt kommt nach Schwarzenbek und Bliestorf

Arbeiten in der Bürogemeinschaft: Der Trend zum Coworking

In Bliestorf steht jetzt ein Coworking-Camp

Von Holger Marohn

Herbstliche Erlebnistage für die ganze Familie werden es sein, wenn Enno Freiherr von Ruffin und seine Tochter Milana vom 6. bis 8. September (11 bis 19 Uhr) auf ihr Gut Basthorst zum „Leben auf dem Lande“ einladen.

21.08.2019

Ein aus ungeklärter Ursache ausgebrochenes Feuer hat am Dienstagabend den Dachstuhl eines Einfamilienhauses am Gartenweg in Harmsdorf zerstört. Zahlreiche Feuerwehrleute waren im Einsatz.

20.08.2019

Mit den besten Teams der Feuerwehren aus aller Welt messen sich Schwarzenbeker Feuerwehrleute vom 12. bis 15. September in Frankreich. Sie sind als Deutscher Meister am Start.

20.08.2019