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Lauenburg Der Aufstand für bessere Straßen rollt an
Lokales Lauenburg Der Aufstand für bessere Straßen rollt an
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12:24 27.07.2013
Quelle: Grombein
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Klinkrade

Es kracht und knallt, während die Autos über die Schotterwüste rumpeln und ihre Reifen sich durch tiefe Einbuchtungen im Straßenbelag kämpfen. Die Felgen verschrammen während der Fahrt durch die abenteuerliche Asphaltlandschaft, auch die Achse wird stark in Mitleidenschaft gezogen.

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Wer nicht gerade mit einem Landrover über die L 199 fährt, beschädigt bei der Fahrt durch die kaputten Straßen zwangsläufig sein Auto. Kommt der Fahrer von der Hauptstraße L 92 und will auf die L 199 in Richtung Klinkrade abbiegen, wird es sogar richtig gefährlich. Die Autofahrer müssen nach der Kurve auf die linke Straßenseite in den Gegenverkehr ausweichen, da die Fahrbahn in dem Zustand nicht mehr befahrbar ist. Das Unfallrisiko ist bei solchen erzwungenen Geisterfahreraktionen besonders hoch.

„Es ist eine absolute Katastrophe, man muss hier ständig Schlaglöchern ausweichen und wirklich kreativ fahren, um sicher durchzukommen“, kritisiert Manfred Wulf (58) aus Klinkrade empört. Der Unternehmer hat genug und will jetzt sogar gerichtlich gegen den unzumutbaren Zustand der Straße vorgehen. Zusammen mit Unternehmerkollegen aus Duvensee und Klinkrade strebt er eine Sammelklage an.

Es wurden bereits zwei Rechtsanwälte engagiert, um die Angelegenheit rechtlich zu prüfen. Er müsse beruflich oft nach Mölln, und die kaputten Straßen seien geschäftsschädigend. Die kurzfristigen Verbesserungsarbeiten mit Kaltasphalt und Sand empfindet er als „eine Verschwendung von Steuergeldern“. „Das ist ja wie Pflaster auf Pocken kleben und in kürzester Zeit, spätestens nach dem nächsten Winter, sind die Löcher wieder da“, sagt der Klinkrader. Bei der Demonstration ist er selbstverständlich dabei.

So wie Manfred Wulf empfinden viele. Die Stimmung in den Gemeinden kocht. Die Bürger sind mittlerweile richtig wütend über den desolaten Zustand ihrer Straße. Die an der Straße gelegenen Gemeinden Kühsen, Duvensee und Klinkrade rufen deshalb auch zur Demonstration am 3. August auf (die LN berichteten). Gerd Vogler (59) und Alfred Petersen (63), Mitglieder des Gemeinderates Duvensee, bereiten einen Teil der Demonstration vor. Sie fertigen Protestschilder an und planen die Kundgebung. „Es hat hier einfach allen gereicht“, erklärt Vogler.

Aussagen des Ministerpräsidenten Torsten Albig kommen darauf auch zur Geltung: „Wissenschaft und Infrastruktur sind die Lebensadern für die Zukunft Schleswig-Holsteins“, heißt es auf dessen Homepage.

Das Schild „Lebensadern?“ ist beispielsweise eine solche Anspielung. „Der Haushalt hat ein Volumen von zwölf Milliarden Euro. Davon werden gerade mal mickrige 0,1 Prozent für die so genannten ,Lebensadern von Schleswig Holstein‘ ausgegeben“, kritisiert Vogler. Auch für den Tourismus seien die schlechten Straßen mehr als hinderlich.

Der Straßenzustandsbericht hätte das Fass zum Überlaufen gebracht, denn darin stehe, dass die kleinen Straßen aufgegeben werden sollen. „Das klingt für mich wie ein Hilferuf des Verkehrsministers“, sagt Vogler. Der stellvertretende Bürgermeister Alfred Petersen rechnet mit 300 bis 500 Teilnehmern an der Demo. Es gehe aber nicht nur darum, den Zustand der eigenen Straße zu verbessern, sondern insgesamt etwas an der Situation im Kreis zu ändern. „Wir wollen auch andere Gemeinden zum Aufstand bewegen, damit endlich etwas passiert“, erklärt Petersen. Bis jetzt habe die kaputte Straße „nur“ zu Sachschäden geführt, aber die schlechten Straßenbedingungen seien ein hohes Unfallrisiko. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert“, befürchtet Gerd Vogler.

Kühsens Bürgermeister Franz Josef Prüsmann glaubt nicht, dass die an den Fahrzeugen entstandenen Schäden ersetzt werden: „Das Land verweist dann auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen und dass sich die Bürger an die Straßengegebenheiten anzupassen haben.“ Aber immer Tempo 30 zu fahren, sei sehr hinderlich für die Bürger, wirft Prüsmann ein. Der Bürgermeister von Duvensee, Hans-Peter Grell, findet den Zustand der Straßen für ein modernes Industrieland erschreckend. „Die Straßen sind auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Es ist unfassbar, wie das Land seine Bürger behandelt“, sagt er.

Nicht nur Gemeinderäte und örtliche Unternehmer sind empört. Mit umgedrehter Baseballcap und in kurzer Hose sitzt Niklas Gehrling (20), einen Laptop auf dem Schoß, auf der Terrasse. „Schauen Sie mal.

Meine Freunde und ich haben die schlimmsten Schlaglochbilder in einer Facebook-Galerie gesammelt.“ Plakate malen ist nicht sein Ding. Doch übers Internet informiert er auch junge Leute vom Protest.

Der Gymnasiast aus Kühsen ist stolz auf seinen gebrauchten VW Passat, mit dem er jeden Tag nach Ratzeburg zur Schule fährt. Um so mehr muss er darauf achten, sich den heißgeliebten Wagen auf den Schlaglochpisten nicht zu demolieren. „Ich finde, das Maß ist jetzt einfach mal voll.“

Schäfer Jochen Martens (37) aus Duvensee ist schon wieder in Eile, als sich die Tür zu seinem Bauernhaus in Kühsen öffnet. Er fährt weite Strecken, um seinen Schafsherden zwei Mal täglich bei dieser Affenhitze Wasser zu bringen. Und gleich muss er wieder los. „Ich versuche, die schlechten Straßen zu meiden und habe viel längere Fahrzeiten“, erklärt er verärgert. Martens ist von der Situation der Landesstraßen also ebenfalls genervt. Die Demonstration findet seine vollste Zustimmung.

Auch Tatjana Brunk (40) aus Klinkrade will an der Demonstration teilnehmen. Die Mutter von drei kleinen Kindern hat jedes Mal Angst um ihr Auto, wenn sie zum Einkaufen oder zum Arzt fährt. „Die stellen einfach Schilder mit Tempobegrenzungen auf, anstatt die Straße zu reparieren. Das ist natürlich billiger“, regt sich die Klinkraderin auf.

Horst Britzke (57) aus Duvensee fragt sich, wofür er überhaupt Steuern zahlt. „Also ich zahle die Kfz-Steuer und gehe davon aus, dass davon die Straßen in Ordnung gehalten werden“, sagt Britzke. Auch sein Sohn Norbert (32) habe sich schon auf der Straße sein Auto kaputt gefahren. „Man kann von hier gar nicht mehr nach Mölln fahren, ohne die Achse zu verlieren“, beklagt sich Britzke. Es gebe keine Wahl. Entweder man ramme jemanden oder lande im Graben.

Die Demo beginnt am 3. August um 12 Uhr in den drei Dörfern an der L 199 und endet am Abzweiger Bergrade um 14 Uhr mit einer Kundgebung.

• Video zum Thema: www.ln-online.de.

Alessandra Röder und Florian Grombein