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Lauenburg Der Kampf gegen den Atommeiler
Lokales Lauenburg Der Kampf gegen den Atommeiler
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15:00 22.07.2018
Schwarzenbek/Krümmel

„Wir haben alles versucht, alles legal, aber wir haben auch viel riskiert.“ Nachdenklich sitzt Jens Mulzer auf der Terrasse seine Hauses in Schwarzenbek. Im Garten ein großer Teich, direkt dahinter eine Wiese und der Wald. Vor 50 Jahren sah Mulzers Welt ganz anders aus. Über seine Dissertation war der angehende Zahnarzt auf die Gefahren radioaktiver Strahlung gestoßen. Und rund 800 Meter von seinem damaligen Wohnhaus am Kronsberg im Geesthachter Ortsteil Krümmel sollte der Atomreaktor Krümmel entstehen.

Sein halbes Leben lang hat Jens Mulzer aus Schwarzenbek gegen das Atomkraftwerk Krümmel gekämpft. Ab Dienstag können nun die Unterlagen zum Rückbau des Meilers eingesehen werden. Für den inzwischen 77-Jährigen kein Anlass zur Genugtuung.

„50 000 Mark habe ich für die Prozesse meiner Praxis und jungen Familie entzogen.“ Dr. Jens Mulzer, Zahnarzt und Atomkraft-Gegner

Mulzer war mit seinen Bedenken und Ängsten nicht alleine. Gemeinsam mit mehr oder weniger Gleichgesinnten gründete er die Bürgerinitiative gegen das Kernkraftwerk Krümmel und später daraus den eingetragenen Verein „Bürgerinitiative Umweltschutz Oberelbe“. Aus Angst vor Spitzeln habe es innerhalb der BI keine Strukturen, keine Protokolle gegeben. Unter den Mitgliedern und Unterstützern waren auch zahlreiche atomkritische Fachleute, auch Forscher der staatlichen Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS). Auch beim Geld ging es unorganisiert zu. Auf das Konto habe praktisch jeder Zugriff gehabt. „Und wir hatten Geld, sehr viel Geld“ , sagt Mulzer.

So haben Sie Krümmel noch nie gesehen: Die Bildergalerie zeigt, wie das Atomkraftwerk gebaut wurde. Da es heute nicht mehr aktiv ist, sind nun auch ganz neue Perspektiven zu entdecken.

Eines Abends hätten sie die Information bekommen, dass ein Bauer in Gorleben bereit sei, einen seiner Äcker für 200000 D-Mark an die Atomkraftgegner zu verkaufen. Innerhalb von 48 Stunden mussten sie den Kaufpreis auftreiben. „Der Kauf von strategisch wichtigen Sperrgrundstücken auch in anderen Regionen war damals ein bedeutendes Mittel des Widerstandes“, sagt Mulzer. Innerhalb von fünf Minuten hätten sie 11000 D-Mark zusammen gehabt. Doch die Ernüchterung folgte tags drauf. Als man den Kaufpreis wie vereinbart übergeben wollte, hieß es nur: Das Grundstück sei schon weg – für vier Millionen D-Mark. Die Atomkraft-Unternehmen hatten offenbar Wind von dem bevorstehenden Deal bekommen.

Ein anderer Ansatz waren die Klagen gegen den Atommeiler. Aber gegen die Pläne hatte es nur vier Einwendungen gegeben. Mulzer war 1968 nicht unter den Einwendern. Eine Klage war also nicht möglich.

„Von den Berechtigten hatten drei auf einmal gar kein Interesse mehr und der vierte kein Geld für einen Anwalt“, erinnert sich Mulzer. Mit Letzterem hätten sie schließlich einer Vereinbarung getroffen: Er klagt und die Bürgerinitiative trägt die Kosten. Damit das Geld auch wirklich zur Verfügung steht, hatten Mulzer und einige Mitstreiter zuvor dem „Verein zur Förderung juristischer Schritte gegen das Kernkraftwerk Krümmel“ gegründet und immer wieder finanziell ausgestattet.

Die Klage scheiterte. Aber Mulzer gab nicht auf. Gemeinsam mit Thomas Wüppesahl klagte er gegen 14 der 16 Teilbetriebsgenehmigungen des damals zuständigen Kieler Sozialministeriums und die eigentliche Betriebsgenehmigung. Teilweise zogen sie sogar bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Die Inbetriebnahme konnte Mulzer nicht verhindern, aber eine Reihe sicherheitsrelevanter Änderungen erreichen – und das Anlaufen des Reaktors um fünf Jahre verzögern. Rund 50000 D-Mark habe er damals für die Prozesskosten „seiner jungen Familie und seiner Zahnarztpraxis entzogen“. Der Rest kam durch Drittspender. Bereut hat er davon nichts. Allerdings denkt er auch an die Mitstreiter, die an ihrem Widerstand zerbrochen sind. „Mein Glück war, dass nie die Anwaltskosten der Gegenseite in Rechnung gestellt wurden“, sagt Mulzer.

Als späten Sieg sieht er den nun bevorstehenden Abriss allerdings nicht. „Ich bin eher erschüttert, dass alles viel schlimmer gekommen ist, als wir es erwartet haben“, sagt Mulzer im Hinblick auf die Endlagerproblematik. „Wer die Probleme damals erkannt hat, hat in Jahrmillionen gedacht.“

Der Rückbau

Im Verfahren um den – aus juristischen Gründen vom schwedischen Energiekonzern Vattenfall noch als „möglichen“ bezeichneten – Rückbau startet am Dienstag, 24. Juli, die öffentliche Auslegung der Unterlagen im Geesthachter Rathaus und im Internet.

Die Genehmigungsanträge, Kurzbeschreibungen, ein detaillierter Sicherheitsbericht und eine Umweltverträglichkeitsuntersuchung können für zwei Monate dann im Rathaus Geesthacht und bei der Atomaufsicht in Kiel sowie online im Internet eingesehen werden.

Die Erörterung der Einwendungen startet am 11. Dezember nichtöffentlich. Zugelassen sind alle, die Einwendungen erhoben haben. Wann die Atomaufsicht über die Anträge entscheidet, steht noch nicht fest.

Holger Marohn

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