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Lauenburg „Die Leute sollen über den Tellerrand blicken“
Lokales Lauenburg „Die Leute sollen über den Tellerrand blicken“
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20:21 29.08.2015
Schwarzenbek

Schwarzenbek — An diesem Wochenende steht Schwarzenbek Kopf. Während des Verbrüderungstreffens mit den vier Partnerstädten aus Italien, Frankreich, Belgien und der Schweiz ist die ganze Stadt auf den Beinen. Verbrüderungssekretärin Christine Uhde atmet heute schon ein wenig auf. Ein Großteil des Programms ist gelaufen.

Lübecker Nachrichten: Wie sind Sie zu Ihrem Job gekommen?

Christine Uhde: Ich arbeite in der Kulturabteilung der Stadtverwaltung, spreche mehrere Sprachen. 2003 war ich erstmalig als Dolmetscherin für eine italienische Gruppe dabei und 2005 als Begleitung in Zelzate. 2011 habe ich die Stadt als Verbrüderungssekretärin nach Aubenas begleitet.

LN: Sie haben jetzt 80 Gäste aus den Partnerstädten unterbringen müssen. War das ein Problem?

Uhde: Nein. Es haben sich genügend gastfreundliche Bürger gemeldet, einige aus dem Kreis der Europa Union stellen seit Jahren ein Bett zur Verfügung.

LN: Die 20 Jugendlichen sind in der Turnhalle der Regionalschule Nordost untergebracht. Warum?

Uhde: Ein Grund ist, dass es unsere Logistik gesprengt hätte, der wichtigere aber, dass die Jugendlichen gern unter sich sein möchten.

LN: Sie haben ein pralles Programm vorbereitet. Dazu gehört auch ein Besuch der Ganztagsstadtteilschule Mümmelmannsberg in Hamburg. Wie kam es dazu?

Uhde: Das Verbrüderungstreffen steht unter dem Thema „Migration und Integration“. Die Schule kenne ich über einen ehemaligen Lehrer, der in Bröthen wohnt und unsere Gruppe auch dorthin begleitet hat. Schüler aus 35 Nationen werden dort unterrichtet. Der Gruppe wird das Konzept vorgestellt. Das passt doch wunderbar zu unserem Thema. Es werden übrigens auch neun Flüchtlinge mitfahren.

LN: Was kostet die Veranstaltung — und kann sich eine Konsolidierungsgemeinde so etwas leisten?

Uhde: Die Kosten betragen rund 50000 Euro. Teuer sind die Busse, denn alle Gäste müssen vom Flughafen abgeholt werden. Auch für die Ausflüge brauchen wir die Busse. Wir hatten einen EU-Zuschuss beantragt, den aber nicht bekommen. Schwarzenbek war einer von rund 800 Antragstellern. Die Stadtverordnetenversammlung hat die Kosten genehmigt. Freundschaft mit Menschen aus anderen Ländern ist heute wichtiger denn je. Und Gastfreundschaft kostet nun mal Geld. Immerhin bestehen die Partnerschaften seit 60 Jahren.

LN: Haben Sie eigene Erfahrungen mit Gästen aus Partnerstädten?

Uhde: Ja, wir haben durch die Begegnungen Freunde aus Italien und Frankreich gewonnen. Es ist eine große Bereicherung, die Gastfamilien zu besuchen und nicht vergleichbar mit Reisebüro-Angeboten.

Wenn man Menschen aus dem jeweiligen Besuchsland kennt, lernt man das Land erst richtig kennen.

LN: Sie haben Ihren deutschen Mann in Italien kennen gelernt. Wie kam das?

Uhde: Ich war als Jugendliche als Aupair-Mädchen in Italien und habe immer noch Kontakte zu meiner damaligen Gastfamilie. Vor einigen Jahren war ich mit meiner Gastmutter bei einem Konzert. Mein Mann hatte bei diesem Konzert mitgesungen.

LN: Nach der Verbrüderungs-Euphorie in den 1960er Jahren war die Welle etwas abgeebbt. Das niederländische Delfzijl ist inzwischen aus dem Verbund ausgetreten. Wie sieht es heute mit dem Interesse der Bürger aus, Menschen aus den Partnerstädten kennen zu lernen?

Uhde: Wir bemühen uns, die Schwarzenbeker Bürger neugierig zu machen, und spüren, dass das Interesse wieder wächst. Wer an den Verbrüderungsfahrten teilnimmt, konsumiert nicht nur, sondern erlebt Menschen und ihr Land auf besondere Weise. Man bekommt plötzlich Verständnis für Dinge, die man mit ganz anderen Augen betrachtet. Es ist zunächst etwas Mühe, den Fremden kennen zu lernen, aber wer etwas Bereitschaft zeigt und offen ist, bekommt ganz viel zurück.

LN: Ist es angesichts der Flüchtlingsproblematik nicht besonders wichtig, den Wunsch des damaligen Bürgermeisters und Initiators der Verbrüderung, Hans Koch, nach einem vereinten, freien Europa in seinem Sinne fortzusetzen?

Uhde: Ja, definitiv. Schwarzenbek muss nicht nur offen sein für Bürger unserer Partnerstädte, sondern auch für Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten.

LN: Haben Sie auch deshalb das Thema Migration und Integration gewählt?

Uhde: Wir wollten ein Signal setzen und die Leute bewegen, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

LN: Gestern gab es verschiedene Workshops zu diesem Thema. Das Treffen war also nicht nur Vergnügen.

Uhde: Ja, wir wollten, dass die Teilnehmer über die Problematik reflektieren. Gastredner war übrigens Stefan Schmidt, der heutige Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes und damalige Kapitän der Cap Anamur, der 2004 37 afrikanische Flüchtlinge an Bord genommen und in Sizilien an Land gebracht hat. Wegen dieser Hilfsaktion wurde er jahrelang mit einem Prozess wegen Schlepperei überzogen und erst 2009 von einem sizilianischen Gericht freigesprochen.

LN: Schwarzenbek tut alles, um ein guter Gastgeber zu sein. Wie haben Sie das Verbrüderungstreffen vor zwei Jahren in Cesenatico erlebt?

Uhde: Das mediterrane Flair in Italien hat alles in ein besonderes Licht gesetzt. Bei gutem Essen spätabends draußen zu sitzen, ist wunderbar. Wir haben sehr viele Ausflüge gemacht. Cesenatico war ein guter Gastgeber. Allerdings ist es eine von Tourismus geprägte Stadt, so dass wir in Hotels, nicht privat, untergebracht waren. Dennoch hat es gute Kontakte zu den Menschen dort gegeben.

Silke Geercken

Zur Person
Seit 2011 ist Christine Uhde offiziell Verbrüderungssekretärin der Stadt Schwarzenbek. Sie arbeitet in der Kulturabteilung der Stadtverwaltung, ist auch für das Veranstaltungsprogramm der Kleinen Bühne verantwortlich. Uhde ist verheiratet, lebt mit ihrem Mann in Büchen, singt im VHS-Chor „Sing, Sang, Song“. Ihre Leidenschaft gilt Italien.

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