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Lauenburg Die Rückkehr der Kraniche
Lokales Lauenburg Die Rückkehr der Kraniche
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12:36 11.06.2018
255 Kranich-Paare brüten allein in Lauenburg. Quelle: dpa
Lübeck/Salem

Kranichland Schleswig-Holstein: 550 Paare brüten hier mittlerweile. Dabei drohte der Kranich 1973 zu verschwinden, es gab noch elf Paare. Der Ratzeburger Naturforscher Thomas Neumann ist ein Pionier des Kranichschutzes im Norden. Bis heute ist er ihnen auf der Spur.

An diesem Tag will er die Jungvögel zählen. „Hier müssten welche sein“, brummt Neumann. Mit seinem Suzuki-Geländewagen kurvt er einen holperigen Landweg bei Kittlitz (Kreis Herzogtum Lauenburg) entlang. Plötzlich biegt er ab, steht auf einer wogenden Wiese. „Dahinten!“

Naturschützer Thomas Neumann beobachtet die Kraniche seit Jahrzehnten und gilt als Experte. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Er schaut durch sein Fernglas, reicht es herüber. „Man sieht nur die Köpfe“, sagt er und deutet auf den Waldrand, rund 150 Meter entfernt. Tatsächlich: Ruckartig bewegen sich die Hälse der großen Schreitvögel, die Körper sind vom hohen Gras verdeckt. „Wenn sie Junge haben, gehen sie langsam“, erklärt Neumann, „sie tragen den Kopf tief. An den seitlichen Kopfbewegungen sieht man, dass sie ihre Jungen füttern.“

Größte Vögel Europas

Bis zu 1,30 Meter groß werden die Vögel. Es sind die größten Europas, sie bringen es auf 2,20 Meter Flügelspannweite. Auf der Wiese suchen sie Kleinlebewesen. Häufig sieht man sie auf abgeernteten Feldern. „Kraniche fressen auch Getreide“, führt Neumann aus. „Zum Beispiel Mais. Aber die ersten vier Wochen sind wichtig für den Skelettaufbau der Jungvögel. Da brauchen sie Lebendfutter. Die Eltern verfüttern zum Beispiel Insekten.“

An einem See, nicht weit entfernt, vermutet der Naturschützer das nächste besetzte Nest. Doch zu sehen sind die Tiere wieder nicht. Die Annäherung misslingt. Schon von weitem haben sie die Menschen wahrgenommen und fliegen fort. Neumann lächelt. „Da rufen sie.“ Das Trompeten der Kraniche ist weithin zu hören. Doch sie bleiben unsichtbar. Neumann schüttelt den Kopf. „Sie sind zu vorsichtig. Und sie haben gute Sinne. Dabei riechen sie uns nicht, sie äugen uns! Das Volk der Samen in Skandinavien sagt: Der Kranich hat auf jeder Feder ein Auge. Das beschreibt es sehr gut.“

Übrigens seien die sogenannten Schwanzfedern in Wirklichkeit die Schmuckfedern der Flügel, doziert der Kranichexperte. „Der Federbusch wird in der Balz hochgestellt. Der Schwanz selbst ist kurz und grau.“ Vom Auto aus sieht man die hübschen Vögel mit den buschigen schwarzen Schmuckfedern ab und zu an der Straße. Doch Jungvögel zu beobachten, ist weit schwieriger.

Ihre Vorsicht hilft den Kranichen bei der erfolgreichen Aufzucht des Nachwuchses. Natürliche Feinde haben es schwer, einen kleinen Kranich zu erwischen. Dabei gibt es genug Räuber, die ihnen nachstellen. Auch die Nandus, die heute am Ostufer des Ratzeburger Sees in Nordwestmecklenburg in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Kranichen brüten, könnten ihnen theoretisch gefährlich werden. Konflikte mit Nandus aber gebe es kaum, erklärt Neumann: „Kraniche meiden die Nandus, das Risiko, dass sich ein Nandu einen Jungvogel schnappt, ist zu groß.“ Ausgewachsene Kraniche seien im übrigen sehr wehrhaft. „Füchse werden von erwachsenen Kranichen aktiv angegriffen und mit Tritten verscheucht.“

Unterstützung von WWF

Doch damit der Bestand in den letzten Jahren so anwachsen konnte, bedurfte es trotzdem aktiver menschlicher Hilfe – große Gebiete, wie im Bereich des Naturparks Lauenburgische Seen, wurden renaturiert. Dort wurden mit Unterstützung des Bundes und der Umweltorganisation WWF in großem Umfang Flächen angekauft, die heute von Landwirten nur extensiv und unter ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaftet werden dürfen.

4500 Hektar wurden auch vom Zweckverband Schaalseelandschaft, einer vom Bund geförderten Gemeinschaft der Landkreise, seit 1991 mit Hilfe des Bundes und Spenden von Privatleuten angekauft. Sie ermöglichten die Renaturierung von Wäldern, zuvor für die Landwirtschaft entwässerten Feuchtgebieten und Mooren – und diese sind der natürliche Lebensraum des Kranichs.

Und vieler anderer Arten, wie Neumann betont. „Wo der Kranich mit Erfolg seine Jungen aufzieht, gibt es kein Gift in der Landschaft, die Natur ist dort intakt.“
Im Salemer Moor (Kreis Herzogtum Lauenburg) leben so seltene Amphibien wie der Moorfrosch, der sich während der Laichzeit blau verfärbt, und die Rotbauchunke. Falter wie der Hochmoorbläuling oder der Schillerfalter kommen vor.

Die Wasserfledermaus ist dort zu Hause, Bunt- und Schwarzspecht ebenfalls. Auf dem Wasser ist die Gerandete Jagdspinne zu beobachten, es gibt Ringelnattern und Eidechsen und Libellen wie die Nordische Moosjungfer. Pflanzen wie die stark gefährdete Sumpf-Calla mit ihrem großen weißen Hüllblatt, die Rauschbeere – übrigens Futterpflanze der Raupen des Hochmoorbläulings – die Glockenheide und das Weiße Schnabelried machen das Schutzgebiet zu einem wertvollen Biotop.

Zwei Kraniche auf einer Wiese bei Kittlitz (Kreis Herzogtum Lauenburg). Quelle: Wolfgang Maxwitat

Im Salemer Moor ist Thomas Neumann mit seinem Wagen jetzt angekommen. Dort brüten auch drei Kranich-Paare, wie er bei einem früheren Besuch herausgefunden hat. Ob die Jungen sich sehen lassen? Neumann deutet in einen überfluteten Erlenbruch, eine grüne Wasserwildnis. „Das Nest ist genau da drin. Hier hat er erfolgreich gebrütet, zwei Junge habe ich schon beobachtet. Wenn man Glück hat, sieht man die Elterntiere mit ihnen schwimmen .“

255 Kranich-Paare brüten allein in Lauenburg

Am Plötscher See gibt es einen Beobachtungsturm für Besucher. Wollgras wächst am Ufer. Gerade hier, im Süden des Bundeslandes, seien die Bemühungen um die Wiederansiedlung besonders erfolgreich gewesen, sagt Neumann. „Lauenburg ist das Rückgrat des Kranich-Schutzes in Schleswig-Holstein.“ Dies liege nicht zuletzt an den Bruchwäldern. Kraniche brauchen Wald und Wiesen für die Nahrungsbeschaffung. „Im Bruchwald brüten sie, hier ist auch die Chance am größten, Jungvögel zu sehen.“ Die für den Norden typischen Niedermoore seien ein perfektes Kranichbrutgebiet. „Sie wandern durch die Wälder, sammeln Mistkäfer und andere Insekten.“

Das Bundesland hat zehn Prozent Wald, Lauenburg 25 Prozent. Darunter eindrucksvolle alte Eichen–Buchenwälder mit einer enorm hohen Artenvielfalt. Der Anteil der natürlich wachsenden, ohne menschlichen Einfluss gedeihenden Naturwaldflächen ist besonders hoch. Gerade Feuchtwälder – wie Birken- und Erlenbruchwälder – sind weit verbreitet, so dass landesweit die höchste Dichte an Kranichen verzeichnet werden kann. „255 Kranich-Paare brüten allein in Lauenburg“, sagt Neumann. „Das ist fast die Hälfte des Bestandes im Land.“
Der einst vom Aussterben bedrohte Kranich sei zum Charaktervogel des Kreises geworden.

Ein fliegender Kranich ziert das Wappen des Amtes Lauenburgische Seen und manche Pension. Denn nicht nur die Natur freut sich über die Rückkehr des Kranichs – als Teil einer intakten Natur ist er auch ein Touristenmagnet.

Von Marcus Stöcklin

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