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Lauenburg Ein stiller Meister des Augenblicks
Lokales Lauenburg Ein stiller Meister des Augenblicks
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12:15 30.06.2014
Willy Brandt, 1992. Achtung: Vervielfältung nur mit Genehmigung der aktuellen Rechteinhaber gestattet. Quelle: Hans-Jürgen Wohlfahrt
Ratzeburg

„Sein fotografischer Nachlass ist ein noch gar nicht zu ermessender Schatz für zukünftige Generationen. Nicht nur seine Bilder werden uns weiter an Hans-Jürgen Wohlfahrt erinnern.“ Mit diesen Worten endet ein Nachruf, mit dem Bürgervorsteher Ottfried Feußner und Bürgermeister Rainer Voß den am Dienstag verstorbenen Fotografen und Journalisten (die LN berichteten) gewürdigt haben.

Die beiden Repräsentanten der Stadt Ratzeburg sagen, dass Wohlfahrts Lebenswerk „gar nicht hoch genug einzuschätzen“ sei. Den größten Teil seines Lebens habe der 1937 in Güstrow geborene und mit Mecklenburg „immer in ganz besonderer Weise verbundene“ Fotograf in Ratzeburg verbracht. Mit seinem Buch „ . . . das ist ein eigenes Nest, dies Ratzeburg“ habe Hans-Jürgen Wohlfahrt der Inselstadt eine sehr persönliche Liebeserklärung hinterlassen.

Feußner und Voß weiter: „Als aufmerksamer Beobachter hat er mit seiner Kamera besondere Ereignisse und Entwicklungen in Ratzeburg festgehalten. Zahlreiche Bücher und andere Publikationen hat er mit seinen Bildern gestaltet und ihnen dadurch ein besonderes Gepräge verliehen. Als ein Beispiel sei hier nur sein Buch über A. Paul Weber genannt, dem er freundschaftlich verbunden war und den er bis zu seinem Tod 1980 mit seiner Kamera begleitet hat.“ Wohlfahrt sei ein Zeitzeuge gewesen: „Er war in Ratzeburg präsent und er wird vielen fehlen.“

Pfarrer Felix Evers hat auf eine Stelle in Wohlfahrts Buch „A. Paul Weber — foto-grafisch“ hingewiesen, die das Schaffen des Verstorbenen „wunderbar zusammenfasst“. Dort hieß es: „Gerüchteweise war durchgedrungen, daß der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann am 1. Dezember 1970 einen privaten Besuch bei Weber in Schretstaken plane. Ein Anruf bei APW bestätigte das Gerücht. Wie es denn mit einem Foto sei, erkundigte ich mich vorsichtig. Weber berief sich auf den Wunsch des hohen Gastes, den ganz privaten Charakter des Besuches, und bat mich um Verständnis."

"Ich respektierte den Wunsch — und fuhr nach Schretstaken — auf Verdacht und in der Hoffnung, vielleicht doch noch irgendwie zu einem Foto der beiden alten Herren zu kommen. Einige Kollegen, die sich nach und nach ebenfalls vor Webers Haus eingefunden hatten, müssen ähnlich gedacht haben. Jedenfalls fand der private ,Staatsbesuch‘ im kleinen Groß-Schretstaken nicht ganz so privat und schon gar nicht ohne Pressefotografen statt, wie es sich der als fotoscheu geltende Heinemann erhofft hatte. Nach dem Motto ,Einigkeit macht stark‘ wurde der mit uns vor dem Haus antichambrierende persönliche Referent des Bundespräsidenten schließlich gebeten, drinnen doch ein gutes Wort für die Fotografen einzulegen."

"Mit düsterer Miene kam der Dunkelgekleidete bald wieder heraus und verkündete das Ergebnis seiner Bemühungen: der Bundespräsident habe zwar nichts gegen ein Foto — aber Herr Weber . . . der habe einem Fotografen aus Ratzeburg doch bereits eine Absage erteilt und nun könne man doch nicht . . . Ich gab zu erkennen, daß es sich wohl um mich handeln könne. Erleichterung ringsum — und wir durften hinein. Weber strahlte mich an: ,Schön, daß Sie doch da sind.‘ Der Bundespräsident empfing die kleine Meute: ,So, Sie wollen uns nun also knipsen?‘ ,Das dürfen Sie doch nicht sagen!‘ unterbrach Weber da seinen Gast, und ich ergänzte nur: ,Wir würden gern FOTOGRAFIEREN, Herr Bundespräsident!‘“

LN