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Lauenburg Je größer die Orte, desto grüner sind sie
Lokales Lauenburg Je größer die Orte, desto grüner sind sie
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17:13 27.05.2019
Vielerorts – wie hier in Rondeshagen – gab es eine „grüne Überraschung“ nach Auszählung der Stimmzettel bei der Europawahl. Quelle: Joachim Strunk
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Ratzeburg

Es sei „ein historisches Ergebnis“ für die Grünen im Herzogtum Lauenburg. „Wir danken all jenen, die uns mit ihrer Stimme geholfen haben, sensationelle 25,8 Prozent zu erreichen und damit zweitstärkste Kraft bei dieser Europa-Wahl zu werden“, teilte Marcus Worm, Sprecher des Kreisverbandes von Bündnis 90/Die Grünen, am Montagmittag mit.

Die Menschen im Lauenburgischen hätten sich für ein offenes und tolerantes Europa und gegen ein Europa der Hetzer und Klimaleugner ausgesprochen, so Worm weiter. Der Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz aus Mölln erklärte: „Wir werden demütig damit umgehen und hart für den Arten- und Klimaschutz, für eine offene, tolerante Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt streiten.“

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Granz: „Auftrag, Akzente zu setzen“

Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreistag, Annedore Granz, freute sich: „Dieses klare Signal für Europa und den Klimaschutz ist auch für uns im Kreistag Auftrag, hier Akzente für dieses Thema zu setzen. Wir werden in der nächsten Kreistagssitzung einen Antrag einbringen und den Klimanotstand ausrufen. Es ist unsere Pflicht gegenüber der jungen Generation, sie ernst zu nehmen und zu handeln.“

Anna Dorothea (Annedore) Granz, Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Grüne im Kreistag. Quelle: Holger Marohn

Für die SPD zeigte sich die Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende Nina Scheer enttäuscht. Es sei bei einer Europawahl schwer, regional „den bundesweiten Trend zu durchbrechen“. „Es zeigt sich zunehmend, wie schwer es auf Grundlage der Großen Koalition ist, die jeweiligen Schwerpunkte zu verdeutlichen. Das gilt auch für Themen, die aus der Sozialdemokratie heraus in die Bundespolitik hineingetragen wurden, aber zu wenig mit uns identifiziert wurden, Stichwort Klimaschutzgesetz. Ohne die SPD wäre das nicht in den Koalitionsvertrag hineingekommen.“

Scheer: „SPD-Handschrift nicht erkennbar“

Gleichwohl sei es „nicht erkennbar, dass die SPD diese Handschrift trägt, sondern die Klimaschutzpolitik ging offenkundig mit den Grünen nach Hause“. Sie beklagte diesbezüglich aber auch „Versäumnisse über die letzten Jahre“ – ohne Namen zu nennen oder Schuldzuweisungen machen zu wollen.

Nina Scheer, Kreisvorsitzende der SPD. Quelle: Holger Marohn

„Für die CDU ist es bitterenttäuschend. Wir müssen uns dringend darauf einstellen, was ein großer Teil der Bevölkerung offensichtlich will“, sagte Klaus Schlie (CDU), Landtagspräsident und 1. Vorsitzender des lauenburgischen CDU-Kreisverbandes.

Schlie: „Mehr Gestaltungswillen auf Bundesebene“

Da stehe an erster Stelle der Klimaschutz. Jedoch auch die Diskussion um die Uploadfilter habe eine Rolle gespielt. Die CDU habe dazu zügig klare Beschlüsse zu fassen. „Ich würde mir auch auf Bundesebene mehr Gestaltungswillen zu diesem Thema wünschen“, sagte der Möllner.

Klaus Schlie, Kreisvorsitzender der CDU im Herzogtum Lauenburg. Quelle: Holger Marohn

„So wie alle Volksparteien haben auch wir schwere Federn lassen müssen“, erklärte Norbert Brackmann, Bundestagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag. Die Verluste seien jedoch nicht so schlimm wie bei den Sozialdemokraten. Für die SPD sei das Ergebnis ein „Fiasko“.

Erdrutschartige Veränderung

Kreisweit konnten die Grünen ihre Wählerstimmen gegenüber der Europawahl von 2014 mehr als verdoppeln. Damals lagen sie mit 11,9 Prozent zwar an erster Stelle der „Verfolger“ der damaligen Volksparteien CDU (36,6) und SPD (31,4), doch tatsächlich um 20 und mehr Prozentpunkte weit distanziert.

Das hat sich nun erdrutschartig verändert. Zu den eigenen Gewinnen von kreisweit 13,9 Prozentpunkte auf 25,8 kamen die herben Verluste von CDU (-9,3) und SPD (-14,0), so dass Erstere mit 27,3 Prozent nur knapp vor den Grünen lagen, die SPD aber mit 17,5 Prozent schon fast abgeschlagen ist.

Viele Witzbolde stimmten für „Die Partei“

Die AfD legte im Kreis zwar auch etwas zu, aber bei Weitem nicht wie befürchtet. Sie steigerte ihr Ergebnis von 7,5 auf 9,2 Prozent. Die FDP kam immerhin auf 6,3, die Linke dagegen nur auf enttäuschende 3,5 Prozent. Immerhin scheint es noch erstaunlich viele Witzbolde, Optimisten oder Fatalisten im Kreisgebiet zu geben. Denn insgesamt 1875 Menschen gaben der Satire-Partei „Die Partei“ ihr Votum (2,1 Prozent).

Schaut man sich die verschiedenen Orts- und Dorflisten an, fallen mehrere Dinge auf. In besonders länd- oder bäuerlichen Kleingemeinden dominiert nach wie vor die CDU wie in Göldenitz, Amt Berkenthin (42,4 Prozent), Albsfelde (50) oder Seedorf (40 und 44 Prozent), beide im Amt Lauenburgische Seen, sowie in Linau oder Lüchow, beide Amt Sandesneben-Nusse mit 35,5 bzw. 35,6 Prozent.

Gesamtpolitische Einstellung

In anderen nicht minder kleinen Orten wie Bliestorf (Berkenthin, 35,4) oder Fredeburg (Lauenburgische Seen, 65,5) geht es aber auch genau anders herum – in Richtung Grüne. Hier besteht die Einwohnerschaft dann allerdings auch weniger aus Ur-Dörflern, sondern meist aus Zugezogenen mit entsprechenden „grünen“ Einstellungen.

Am Beispiel Krummesse (Amt Berkenthin) kann man auch gut nachvollziehen, wie vermutlich viele aus der (Hanse-)Stadt zugezogene Bürgerinnen und Bürger ihrem Willen nach mehr Naturnähe und Umweltschutz Ausdruck verleihen. Obwohl es im Ort gar keinen Ortsverein gibt, erzielten die Grünen hier mit 30,4 Prozent gegenüber 27,9 der CDU das Top-Ergebnis! An diesem Wert sieht man die aktuelle gesamtpolitische Einstellung der Leute – auch wenn sie kommunal- oder landespolitisch später angesichts konkreter und pragmatischer Projekte ganz anders votieren.

Alle Ergebnisse aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg finden Sie im Internet

Joachim Strunk und Florian Grombein