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Lauenburg Falscher Lottogewinn: Rentner in Ratzeburg wehrt sich gegen Abzocke
Lokales Lauenburg Falscher Lottogewinn: Rentner in Ratzeburg wehrt sich gegen Abzocke
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17:38 10.12.2018
Klaus-Jürgen von Kistowski sollte 49 000 Euro bekommen. Quelle: Jens Burmester
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Ratzeburg

Der Anruf am 4. Dezember nachmittags gegen 15.40 Uhr kam völlig überraschend. Klaus-Jürgen von Kistowski sollte 49 000 Euro in einer Lotterie gewonnen haben. So teilte es ihm eine weibliche Stimme am anderen Ende seines Handys in diesem Moment mit. Doch die Dame am Telefon und ihre Hintermänner hatten sich in diesem Fall das falsche Opfer ausgesucht, Klaus-Jürgen von Kistowski ist pensionierter Polizeibeamter, hatte viele Jahre in der Leitstelle der Polizei in Ratzeburg gearbeitet. Und an einer Lotterie hatte er auch nicht teilgenommen, konnte also gar nicht gewonnen haben. Er informierte seine ehemaligen Kollegen der Kriminalpolizei in Ratzeburg.

Gemeinsames Warten auf den Anruf

Uta Ulrich, Lebensgefährtin: Wir möchten vor solchen Betrügereien warnen." Quelle: Jens Burmester

„Ich möchte das an die Öffentlichkeit bringen, um andere Menschen vor solchen Tricks und Betrügereien zu warnen“, sagte Kistowskis Lebensgefährtin Uta Ulrich den Lübecker Nachrichten. Für diese Sache spielte der Pensionär gern mit. Gemeinsam mit unserem Reporter saß er am Freitagmorgen in seinem Wohnzimmer in Ratzeburg und wartete auf den zweiten Anruf der Betrüger.

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Verbraucherzentrale warnt

Wenn jemand anruft und zu einem Gewinn gratuliert, ist das ein Alarmzeichen, warnt die Verbraucherzentrale Schleswig Holstein. Immer häufiger nutzen dubiose Anbieter solche Tricks, um an Daten von Verbrauchern zu kommen. Statt des erhofften Geldgewinns komme dann ein neuer Stromvertrag oder ein Zeitschriften-Abo ins Haus. Wer angerufen wird, sollee auf keinen Fall Adresse oder Kontodaten preisgeben. Abzocker am Telefon würden zunehmend dreister und raffinierter auftreten. Das Ziel ist jedoch immer gleich: Mit Gewinnversprechen oder scheinbar harmlosen Plaudereien versuchen sie, Verbrauchern teure Verträge unterzuschieben.

Immer häufiger beschwerten sich auch Migranten bei der Verbraucherzentrale über untergeschobene Verträge und hinterhältige Tricks. „Einige berichten uns, dass sie am Telefon oder an der Haustür in ihrer Muttersprache angesprochen und zum Beispiel nach ihrem Geburtstag gefragt wurden. Kurz darauf kam ein angeblich abgeschlossener Vertrag per Post“, schildert Dr. Boris Wita, Jurist bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

Um an das Geld zu kommen, müsse er eine „Notargebühr“ von 900 Euro zahlen, wurde ihm am Telefon beim ersten Anruf gesagt. Das Geld werde ihm am Freitag, 7. Dezember, dann von einem Kurier direkt nach Hause gebracht. Die 900 Euro müsse er allerdings aus eigener Tasche berappen, das könne man nicht von der Gewinnsumme abziehen, so gab es die Frau an. Dazu müsse er sogenannte „Steam“-Karten“ eben im Wert von insgesamt 900 Euro erwerben. Kistowski wollte wissen, warum das so umständlich sei. Er bekam zur Antwort, dass das zwei verschiedene Geldtöpfe wären und man das nicht einfach von dem Gewinn wegnehmen könne. Nähere Informationen solle er dazu in drei Tagen bekommen.

Trügerische Aussicht auf Gewinn

Auf dieser Steamkarte sind 50 Euro Guthaben, die man im Internet mit dem freigerubbelten Pin einlösen kann. Quelle: jeb

„Ich hatte mir sogar mal überlegt, was ich mit 49 000 Euro anfangen würde. Da könnte ich ja zum Autohändler gehen und mir ein neues Auto kaufen und hätte sogar noch etwas über“, sinnierte Kistowski am Freitagmorgen. Gemeinsam mit unserem Reporter und seiner Lebensgefährtin Uta Ulrich wartete er nun auf den Anruf, der für die Zeit zwischen 9 und 11 Uhr avisiert war. Und um 9.59 Uhr klingelte das Handy, im Display erschien die Festnetznummer 2331590 mit der Berliner Vorwahl 030. Die Nummer beim ersten Anruf kam auch mit Berliner Vorwahl, sei aber definitiv eine andere gewesen.

Dieses Mal war ein Mann am Telefon, der sich Jens Lange nannte und vorgab, für ein Unternehmen CK-Security zu sprechen. Er beschrieb ganz genau, wie Kistowski angeblich an den Gewinn von 49 000 Euro kommen sollte. Der Mann gab ihm eine Nummer, mit der er das Sicherheitsschloss an einem Koffer öffnen könne. Er wies ihn an, das Geld nachzuzählen, ehe er es quittiere. Aber am wichtigsten war dem angeblichen Jens Lange am anderen Ende der Leitung, der mit leichtem Akzent sprach, wie Kistowski die 900 Euro zusammenbringen sollte.

900 Euro sollten eingezahlt werden

Nun waren es keine „Steam“-Karten, sondern „Playstation-Cards“, die er bei Aldi erwerben könne. Und sollten dort nicht genügen Karten verfügbar sein, könne er auch zu Netto, LIDL oder anderen Discountern gehen, um solche Karten zu kaufen. Wichtig sei nur, dass er insgesamt auf 900 Euro komme. Dafür gab er Kistowski 90 Minuten Zeit, um das zu erledigen. Dann sollte Kistowski ihn unter einer Berliner Nummer anrufen.

Mit dieser Guthabenkarte über 50 Euro kann man sich für seine Playstation beispielsweise neue Spiele im Internet kaufen. Quelle: jeb

Das aber tat das vermeintliche Opfer nicht. Mit dem Wissen, dass er hier betrogen werden sollte, war die Sache für ihn nun erledigt. Doch offenbar nicht für die Unbekannten, denn die meldeten sich noch einmal bei Kistowski und wollten wissen, ob er die Karten zusammen hätte. Das verneinte das vermeintliche Opfer und beendete das Gespräch. Seither ist Ruhe im Telefon von Klaus-Jürgen von Kistowski.

Michael Rieck von der Kriminalpolizei Ratzeburg erklärt: „Solche Anrufe über Gewinnversprechen kommen oftmals aus der Türkei. Dort sitzen in irgendwelchen Call-Centern solche Leute, die Menschen betrügen wollen.“ Im Telefonbuch suchten sich solche Täter ihre vermeintlichen Opfer nach Vornamen aus. Hinter älteren Vornamen steckten zumeist auch ältere Menschen und die suchten sich die Täter aus.

Über einen Server, der sicherlich auch im Ausland stehe, generieren die Täter eine beliebige Rufnummer. In diesem sogenannten Call-ID-Spoof-Verfahren könne man sogar die Rufnummern der Polizei, des Notrufes 110 und was immer man wolle, generieren. Da ist es natürlich nicht weiter verwunderlich, dass solche generierten Rufnummern wie die in Berlin in diesem Fall, überhaupt nicht existieren. „Ich habe das mal im Internet recherchiert und festgestellt, dass auf diese Betrugsmasche schon viele Menschen hereingefallen sind“, so Kistowski. Seine Lebensgefährtin Uta Ulrich ergänzt: „Wir möchten vor solchen Betrügereien warnen.“

Täter schwer zu fassen

„An die Täter kommt man in der Regel kaum heran. Sie lassen ihre Opfer die Nummern auf diesen Karten freirubbeln und sich die Nummern dann vorlesen. Anschließend leiten sie dann das Guthaben der Karten auf ihre Konten um. Danach sind die Karten für den, der sie gekauft hat, wertlos“, erklärt Rieck.

Auch die Verbraucherzentrale des Landes warnt auf ihrer Homepage vor solchen und ähnlichen Anrufen in ganz offenbar betrügerischer Absicht. „Am beste sofort auflegen“, empfiehlt Dr. Boris Wita, Jurist bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Sowohl bei Anrufen und Besuchen von Fremden an der Haustür sollten Verbraucher grundsätzlich vorsichtig sein. „Persönliche Daten wie Geburtstag oder Bankverbindung sollte man bei solchen Gelegenheiten auf keinen Fall preisgeben“, warnt der Experte (siehe Info-Kasten: Verbraucherzentrale warnt).

Ansprechpartner für Betroffene

Die Beratungsstellen der Verbraucherzentrale nehmen Beschwerden auf, sammeln Fälle und unterstützen Verbraucher mit Informationen, Musterbriefen und persönlicher Beratung.

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Jens Burmester