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Lauenburg Großfeuer von Koberg Thema im Brandstifter-Prozess
Lokales Lauenburg Großfeuer von Koberg Thema im Brandstifter-Prozess
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19:45 30.01.2020
Flammeninferno: Das Großfeuer auf dem Bauernhof in Koberg in der Nacht auf den 1. Mai 2019. Quelle: Timo Jann
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Lübeck/Koberg

Auf dem Gang des Landgerichts steht ein halbes Dutzend Opfer von Brandstiftungen. Sie sprechen über den Schock, als sie mitten in der Nacht von dem roten Leuchten geweckt wurden, das haushohe Flammen an ihren Höfen erzeugte. Es sind überwiegend Menschen aus der Landwirtschaft. Und immer wieder stellt sich sinngemäß die gleiche Frage: Wie kann ein Brandstifter in Kauf nehmen, dass Menschen und Tiere in Lebensgefahr geraten. Ein mutmaßlicher „Feuerteufel“ hatte auf seinem Weg durch die Kreise Herzogtum Lauenburg und Stormarn auch ihre Gebäude in Brand gesteckt. Noch mehr überrascht es sie, dass der nun wegen schwerer Brandstiftung angeklagte 51-Jährige als Feuerwehrmann tätig war. Die Opfer leiden teils finanziell noch immer darunter, weil die Versicherung nicht für alle Schäden aufkam. „Ich kann mich da nicht reinversetzen. Vielleicht hatte er Spaß daran, dass Tiere verbrennen“, mutmaßt eines der Opfer vor dem Gerichtssaal.

Der von der Brandstiftung in Koberg betroffene Landwirt berichtet im Zeugenstand über die Nacht vom Tanz in den Mai. Völlig erschöpft von der Arbeit sei er auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen. Als seine Ehefrau ihn gegen 0.30 Uhr weckte und aufgebracht gerufen habe, dass es brenne, sei die Nacht schon von Flammen erhellt gewesen. „Diesen Moment werde ich nie vergessen, als ich hochschreckte und das Feuer sah“, erklärte der Zeuge.

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Eines der verheerendsten Feuer der Serie war der Brand in Mühlenrade. Dabei verbrannten auch Tiere.

Nachbarn und Passanten hatten schon damit begonnen, die Tiere aus dem Stall zu treiben. Alle 15 Kälber konnten gerettet werden. „Zwei Kälberiglus sind leider trotzdem verkokelt“, sagt der Landwirt, der neben der Arbeit auf dem Hof auch noch in der Krankenpflege arbeitet. Das Jahr sei schrecklich trocken gewesen und deshalb hätten viele Landwirte – wie auch er – ihre Rundballen aus Angst, sie könnten gestohlen werden, vom Feld geholt und auf dem Hof in einer Miete eingelagert. Dort boten sie den Flammen reichlich Nahrung.

„Hinterher sah es aus, wie auf einem Schlachtfeld“

Ein Polizist im Zeugenstand schloss auf Nachfrage der Richterin Helga von Lukovicz aus, dass ein technischer Defekt oder Fahrlässigkeit zu dem Brand geführt habe. In der Halle war auch ein Traktor stark von den Flammen beschädigt worden. Mithilfe eines anderen Traktors habe er jedoch aus der Scheune gebracht werden können. „Ich habe versucht, zu retten,was zu retten war. Aber hinterher sah es aus, wie auf einem Schlachtfeld“, schildert der Landwirt. Von der Versicherung habe er lediglich zwei Drittel des entstandenen Schadens, zwischen 7000 und 8000 Euro, erstattet bekommen.

Dunkel gekleideter Mann rannte zu einem Auto

Mehrere Zeugen wollen in der Nacht auf dem Weg zum Koberger Hof einen dunklen Kleinwagen gesehen haben. Unter anderem eine Frau aus Walksfelde hatte angehalten, weil man die Flammen schon von weitem sah. Die Rückscheinwerfer des Kleinwagens brannten. Sie habe vermutet, dass es sich um einen anderen Helfer gehandelt habe. Doch bei der Hilfsaktion auf dem Bauerhof konnte dem dunklen Auto später niemand zugeordnet werden. Ein 15-jähriger Zeuge, der von einem Fest am Maifeuer abgeholt wurde, hatte einen dunkel gekleideten Mann zu dem Auto rennen sehen, dessen Motor die ganze Zeit lief.

Hühnerstall brannte in Reinbek

Außerdem ging es um einen Brand am 26. Juni 2019 in Reinbek – dem Ort, in dem der Angeklagte früher schon einmal als Feuerwehrmann tätig gewesen sein soll, bevor er Jahre später in die kleine Wehr im Amt Berkenthin in der Nähe von Ratzeburg eintrat. „Wir waren im Urlaub. Unser Junge war allein zuhause und hat uns über Whatsapp mitgeteilt, dass es bei uns brennt“, sagt die Frau im Zeugenstand. Ein Heulager und ein Hühnerstall unweit des Wohnhauses brannte aus. Kaum vorstellbar, was in der Mutter, die in Norwegen weilte, vorging, dass ihr Sohn unweit der Flammen im Hause schlief, als der Brandstifter zuschlug.

„Die Feuerwehr konnte die Hühner zum Glück retten“, sag die Reinbekerin. Sie berichtet jedoch auch, dass sie bis heute finanziell unter dem Feuer leide und sich im Gericht nun erstmals jemand für das Geschehene interessiere. Auf dem entstandenen Schaden sei die Familie allein sitzen geblieben. Auf die Frage an die Richterin, wer einem bei so etwas helfen könne, rät Helga von Lukovicz, sich einen Anwalt zu nehmen. Denn wie so oft in Prozessen geht es um Strafrecht – also weitgehend um die Zukunft des Täters.

Der Angeklagte, der die Aussage am ersten Prozesstag verweigert hatte, wurde in Hand und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt. Er machte sich fast unablässig Notizen und beriet sich mit seinem Verteidiger. Ein Großaufgebot der Feuerwehren aus der Region rückte seinerzeit beim Brand in Koberg zum Löschen an. Der Einsatz dauert damals bis in die Morgenstunden. Es war einer der letzten Brände, die der Serie von der Staatsanwaltschaft zugeordnet werden. Vier Wochen später wurde der jetzt Angeklagte unweit der Brandstelle in Kühsen geschnappt worden.

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Von Florian Grombein