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Lauenburg Gastro-Gewerkschaft kritisiert unbezahlte Überstunden
Lokales Lauenburg Gastro-Gewerkschaft kritisiert unbezahlte Überstunden
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13:01 30.08.2019
Positives Beispiel aus Mölln: Im Amadeus werden keine Überstunden gemacht. Laut Ramina Köhler, (42,links) und Florentine Schwartz (21) ist der Betrieb personell so aufgestellt, dass keine Überstunden entstehen. Quelle: Lennard Schröder
Ratzeburg

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schlägt Alarm: Wenn in der Branche richtig geschuftet werde, komme ein Überstunden-Berg heraus. Und der werde zu einem großen Teil nicht vergütet. Allein im Kreis Herzogtum Lauenburg würden die Beschäftigten im Gastronomiegewerbe rund 57 000 Überstunden leisten, etwa 44 Prozent davon ohne dafür bezahlt zu werden. Ihren Arbeitgebern würden die Mitarbeiter so pro Jahr mehr als 300 000 Euro „schenken“. Grundlage der Vorwürfe ist eine von der NGG beim Pestel-Institut in Auftrag gegebene Studie. Danach sei das Gastronomie-Gewerbe von der Tendenz besonders stark betroffen, da es dort viele Minijobber gebe.

Allein in Hotels und Gaststätten leisteten die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr rund 57 000 Überstunden. Das hat das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus berechnet. Die Wissenschaftler sind von bundesweiten Durchschnittswerten ausgegangen. Demnach waren 44 Prozent aller im Kreis Herzogtum Lauenburg geleisteten Überstunden im Gastgewerbe unbezahlt. Für 2018 bedeutet dies – bei 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber – ein „Lohn-Geschenk“ von 303 000 Euro.

Dehoga kann Vorwürfe nicht nachvollziehen

„Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 47 Prozent dieser Arbeitsplätze im Kreis Herzogtum Lauenburg Minijobs“, sagt NGG-Geschäftsführerin Silke Kettner. Das Problem der 450-Euro-Kräfte: Diese dürften keinen Euro hinzuverdienen. „Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt – bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen“, fordert Kettner.

Während die NGG starke Vorwürfe erhebt, kann Schleswig-Holsteins Dehoga-Chef Axel Stehl die Darstellungen so nicht nachvollziehen. „Man arbeitet, um Geld zu verdienen und da muss jede Stunde auch vergütet werden“, sagt Stehl. Die von der Gewerkschaft in diesen Ausmaßen beschriebenen Zustände könne er sich bei Mitgliedsbetrieben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) nicht vorstellen. Allerdings seien auch längst nicht alle Betriebe Verbandsmitglieder.

Freizeitausgleich oder Geld

Gastronom Lutz Frank aus Segeberg, Dehoga-Landesvize und segebergischer Kreisvorsitzender, streitet nicht ab, dass in der Saison im Gastronomiegewerbe Überstunden durchaus üblich seien. Allerdings würden die Mitarbeiter nicht mehr arbeiten, ohne dafür auch bezahlt zu werden.

Diese Überstunden bekämen die Mitarbeiter aber ausgezahlt oder könnten in der arbeitsschwächeren Zeit einen längeren Freizeitausgleich in Form eines Sonderurlaubes nehmen. Andere würden einige Stunden als „Zeitpuffer“ stehenlassen, um darauf bei unvorhergesehenen Situationen zugreifen und sich dann mal einen Tag freinehmen zu können. Jeder könne schließlich mal einen Tag frei gebrauchen.

Gute Mitarbeiter durch Anreize halten

„Wie das gehandhabt wird, ist letztlich auch immer eine Vereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber“, sagt Frank. Viele Mitarbeiter seien über derartige Regelungen und Möglichkeiten froh. Letztlich habe der Arbeitnehmer auch ein Interesse, durch diese Flexibilisierung einen Ganzjahresjob zu haben und nicht zum Arbeitsamt gehen zu müssen. Auch der Arbeitgeber habe nicht zuletzt in Zeiten des Fachkräftemangels ein Interesse, gute Mitarbeiter als Festangestellte zu halten. „Wenn ich heute einen guten Mitarbeiter habe, muss ich auf ihn zugehen und ihm auch mal einen Euro mehr für seine Arbeit bieten.“ Sonst bestehe die Gefahr, dass er weg sei.

Ähnlich sieht das auch die Dehoga-Kreisvorsitzende Anke Asmus aus Wotersen. „Überstunden dürfen eigentlich gar nicht erst in größerem Umfang anfallen“, sagt Asmus. In ihrem Betrieb arbeite sie ergänzend zum fest angestellten Personal mit vielen jungen Leuten als Aushilfen. Diese würden das gerne machen und dann einspringen, wenn er erforderlich sei. Dadurch würden beim Stammpersonal entsprechend wenig Überstunden anfallen, so Asmuss.

Überstunden

Für den Kreis Stormanhat das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus 76000 Überstunden berechnet. Dabei sind Wissenschaftler sind von bundesweiten Durchschnittswerten ausgegangen. Demnach waren 45 Prozent aller im Kreis Stormarn geleisteten Überstunden im Gastgewerbe unbezahlt. Für 2018 bedeutet dies, bei 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber, ein „Lohn-Geschenk“ von 406000 Euro, hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) errechnet.

Im Kreis Segebergsind es statistisch rund 97000 Überstunden im Gastgewerbe gewesen, von denen 44 Prozent unbezahlt geblieben seien. Dies entspreche 515 000 Euro, so die NGG.

Erstellt hat die Studiedas in Hannover ansässige Pestel-Institiut. Istituts-Sprecher Matthias Günther räumt dabei ein, dass die der Studie zugrunde liegende „Datenlage eigentlich nicht besonders gut ist“. So gebe es Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB der Bundesagentur für Arbeit. Diese beinhalte aber keine Branchendifferenzierung. Allerdings würden die Überstunden auch über den Mikrozensus, auf den sich auch unsere Auswertung stützt, erfasst. Andere Daten stünden bislang leider nicht zur Verfügung.

Erstellt hat die Studie das in Hannover ansässige Pestel-Institiut. Matthias Günther räumt dabei ein, dass die der Studie zugrunde liegende „Datenlage eigentlich nicht besonders gut ist“. So gebe es Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB der Bundesagentur für Arbeit. Diese beinhalte aber keine Branchendifferenzierung. Allerdings würden die Überstunden auch über den Mikrozensus, auf den sich auch unsere Auswertung stützt, erfasst. Andere Daten stünden bislang leider nicht zur Verfügung.

Überstundenzahl berechnet

Die dort enthaltenen Überstundenquoten auf Länderebene habe man dann vereinfachend für die kreisfreien Städte und Kreise übernommen, also heruntergerechnet. Als direkte Daten auf der Ebene der kreisfreien Städte und der Kreise sind dann die nach sozialversicherungspflichtig und geringfügig differenzierten Beschäftigtenzahlen des Statistischen Landesamtes eingeflossen.

Für die Gewerkschaft NGG ist die Studie Anlass, in Sachen Arbeitszeit „jetzt in die Offensive“ zu gehen. Denn den Beschäftigen drohe – über den aus Sicht der NGG verlorenen Lohn bei Umsonst-Überstunden hinaus – noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen, so der Vorwurf. „Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten“, kritisiert NGG-Geschäftsführerin Silke Kettner.

NGG: Betriebe setzen Arbeitszeitmodelle nicht um

Doch aus Sicht der NGG werde der Dehoga sich mit seinem Vorstoß „ein Eigentor schießen“. Denn das Hotel- und Gaststättengewerbe könnte durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität einbüßen. „Gerade junge Menschen werden dadurch verschreckt.

Im Gastgewerbe sei es bereits heute Gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. „Dazu kommt ein guter Flex-Faktor durch Arbeitszeitkonten. In Tarifverträgen hat die NGG mit dem Dehoga vielfältige Arbeitszeitmodelle vereinbart. Zu viele Betriebe setzen diese aber gar nicht in der Praxis um, sondern wollen einen Freifahrtschein. Wir fordern die Unternehmen auf, sich an diese Regelungen zu halten und die Dienstpläne frühzeitig und verlässlich zu schreiben“, so Gewerkschafterin Kettner.

Von Holger Marohn

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