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Lauenburg Hochwasser: Der Pegel stagniert
Lokales Lauenburg Hochwasser: Der Pegel stagniert
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16:25 12.06.2013
Die Elbe steigt immer höher an den Ufermauern in Lauenburg. Bewohner mussten bis gestern morgen ihre Häuser verlassen. Jetzt befürchtet die 12 000-Einwohner-Stadt das Schlimmste. Quelle: tja
Lauenburg

Die Anspannung in Lauenburg bleibt: Der Pegelstand der Elbe hat sich am Dienstagabend zentimeterweise auf 9,61 Meter erhöht. „Mittwoch dürften wir den Hochwasser-Scheitel mit 9,63 Meter erreichen“, sagte Feuerwehrsprecher Thomas Grimm. Das langjährige Mittel der Elbe liegt normalerweise bei etwa fünf Metern. In der Elbstraße steht das Wasser mittlerweile rund 70 Zentimeter hoch.  "Wir mussten nachts um 3 Uhr den zweiten Versuch, mit Pumpen etwas retten zu können, aufgeben", sagte Lauenburgs Feuerwehrchef Lars Heuer am Dienstag. 

Nur noch die Retter dürfen in den historischen Teil der Elbestadt.

Mittlerweile stagniert der Pegel - laut der Prognose des Umweltministeriums ist der Scheitelpunkt fast erreicht. Normalität bedeutet das noch lange nicht: Erst am nächsten Montag soll das Wasser soweit sinken, dass die Alarmstufe 4 aufgehoben werden kann.  „Jetzt heißt es beobachten und warten“, sagte ein Sprecher. Deichläufer und Hubschrauber inspizierten die Deiche auf Schäden.

Für chaotische Zustände in der Stadt sorgt die Prognose. "Das ist langsam unerträglich. Erst ging es von 10,60 Meter bis auf 9,20 Meter zurück, dann wieder auf 10,15 Meter hoch und nun, als wir schon mehr als 9,40 Meter hatten, sollten es Donnerstag maximal 9,30 Meter werden", erklärte ein Feuerwehrmann frustriert. Die Prognosen stammen von der Hochwasserzentrale in Magdeburg, die für die Elbanrainer diese Werte ermittelt. Doch Vorhersagen, die niedriger sind als aktuelle Ist-Werte, machen es den verantwortlichen im Katastrophenschutzstab schwer, sich einzustellen.

Appell von Bürgermeister Andreas Thiede

Entlang der Hafenstraße sind unterdessen mehrere Hochleistungspumpen von Feuerwehr und technischem Hilfswerk im Einsatz, um die voll mit zurückgestautem Hochwasser stehende Regenwasserkanalisation abzupumpen. Das klappt bisher, die Hafenstraße ist trocken, obwohl das Wasser schon über Niveau liegt. Ein Sandsackwall hindert das Wasser, direkt auf die Fahrbahn zu laufen.

In der überfluteten Straße waren Feuerwehrmänner am Dienstagvormittag damit beschäftigt, auftretende Löcher in der Fahrbahn mit Sandsäcken zu verfüllen. "Wir wissen nicht, wieso diese Löcher entstanden sind, das müssen wir uns ansehen, wenn das Wasser wieder zurück geht", sagte ein Feuerwehrsprecher. Die etwa 450 Anwohner der Altstadt wurden zurecht aus ihren Häusern evakuiert, denn seit Montag musste aufgrund des hohen Wasserstands der Strom abgeschaltet werden und die Wassermassen bahnen sich nun auch ihren Weg in die Erdgeschosse zahlreicher Häuser. 

Unterdessen kündigte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) schnelle und unbürokratische finanzielle Unterstützung für die Flutopfer in Schleswig-Holstein an. Dafür solle zunächst eine Million Euro in einer Art Schnellzugriffs- Topf bereitgestellt werden, sagte Albig, der am Montag in Lauenburg zu Besuch war, nach einer Kabinettssitzung in Berlin. Der Bürgermeister von Lauenburg werde auf das Geld zugreifen können. Einzelnen Familien könnten schon Beträge von wenigen hundert Euro enorm helfen. Später werde der Fonds möglicherweise aufgestockt.  

Zum Thema: „Hochwasserschutz hilft auch nicht“

Gemeinsam mit Innenminister Andreas Breitner (SPD) hatte er sich bereits am Montag beim Krisenstab informiert und dann einen Blick in die massiv bedrohte Altstadt geworfen. Lange durfte er sich da, mit einem großen Medien-Tross im Schlepptau, allerdings nicht aufhalten. „Wir haben die Situation nicht mehr unter Kontrolle. Die Straße könnte unterspült werden und jederzeit absacken, das hatten wir auch 2011“, sagte Natascha Pätzold, die Sprecherin der technischen Einsatzleitung des Kreisfeuerwehrverbandes. Deshalb ist die Altstadt komplett abgeriegelt.

Dennoch will Albig am Mittwoch gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Lauenburg kommen und sich über die Hochwasserlage informieren. Beide Politiker werden um 13 Uhr in der Stadt an der Elbe erwartet, teilte ein Sprecher der Landesregierung in Kiel mit.

Etwa 450 Menschen an der Elbstraße, an der Hafenstraße, an der Bahnhofstraße und am Großen Sandberg mussten bis gestern Morgen um 9 Uhr ihre Wohnungen und Häuser räumen. „Die letzten Bewohner waren schon nachts um 1.23 Uhr raus, zeigte sich Natascha Pätzold zufrieden. Im Vorwege hatte die Einsatzleitung Sorgen, dass sich Anwohner der Räumung widersetzen könnten. Der Landrat hatte eigens eine Anordnung nach dem Landeskatastrophenschutzgesetz getroffen. „Ich gehe ja freiwillig, aber ich hoffe, dass es noch etwas gibt, wenn ich zurückkehre“, sagte Heinz Speckrock. Der 73-Jährige bot mit seinem kleinen Köfferchen und einer Reisetasche einen traurigen Anblick.

Zum Thema: Krisenstab hält die Fäden in der Hand

Als Schwerpunkt des Einsatzes gilt derzeit die Sicherung des Industriegebiets östlich der Altstadt. „Wie es momentan aussieht, hält der Deich dort jedoch, und auch der Hochwasserschutz an der historischen Palmschleuse hat bis jetzt funktioniert“, sagte der Sprecher des Krisenstabes, Karsten Steffen. Deichläufer und Hubschrauber inspizierten die Deiche auf Schäden.

Am Nachmittag informierte sich Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck, bei der Technischen Einsatzleitung im Rathaus Lauenburg. „Unsere Gedanken und Fürbitten sind bei den Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten“, sagte die Bischöfin. „Ich bin beeindruckt von der logistischen Leistung, die die Einsatzkräfte hier vollbringen. Hier geht es ja um jeden Millimeter.“

Weit mehr als 1000 Einsatzkräfte kämpfen in Lauenburg gegen die Flut. Das größte Kontingent der Helfer stellen nach Angaben des Landesfeuerwehrverbands Schleswig-Holstein die Freiwilligen Feuerwehren, die Kräfte seien von ihren Arbeitgebern freigestellt worden. „Dieser Einsatz zeigt in beeindruckender Weise wieder einmal die Wichtigkeit eines funktionierenden Systems Freiwillige Feuerwehr. Dieses ist durch nichts zu ersetzen“, betonte Landesbrandmeister Detlef Radtke.  

Wegen des Einsatzes an der Hafenstraße ist jetzt auch die Bundesstraße 209 inklusive der Elbbrücke nach Hohnstorf gesperrt. Hier versuchen die Einsatzkräfte, einen Schutzwall am Ufer der Mündung des Elbe-Lübeck-Kanals in die Elbe zu errichten. Das Gelände liegt deutlich tiefer als der prognostizierte Höchststand der Flutwelle, der in der Nacht zu Donnerstag 10,15 Meter erreichen soll. Problematisch wird es, weil das Wasser auch an der Palmschleuse höher steigen wird, als die mobile Schutzwand sichern könnte.

In Geesthacht wirkt die Lage deutlich entspannter. Zwar steht das Hochwasser bereits bis zur Kante der Elbuferstraße, doch es bedroht nur wenige Häuser. Auch der Menzer-Werft-Platz und weitere tief gelegene Gebiete werden überschwemmt werden. Das zuletzt 2002 massiv bedrohte Industriegebiet in Düneberg ist mittlerweile durch einen 5,3 Millionen Euro teuren Deich gesichert. Der Schutz muss sich jetzt erstmals bewähren.

Zugverkehr eingestellt
Das Hochwasser schränkt das öffentliche Leben und den Verkehr in Lauenburg immer weiter ein. Nachdem der öffentliche Personennahverkehr in weiten Teilen der Stadt bereits eingestellt werden musste, folgte jetzt auch der Zugverkehr zwischen Lüneburg und Büchen. Damit müssen Reisende aus Ratzeburg, Mölln und Büchen weite Umwege in Kauf nehmen. Die Sperrung der Lauenburger Elbbrücke für den Fahrzeugverkehr hat unterdessen bereits Auswirkungen auch auf den Verkehr in Geesthacht. Dort gilt die Elbbrücke oberhalb des Stauwehrs als offizielle Umfahrung, denn wegen des Hochwassers haben bereits sämtliche Elbfähren den Verkehr eingestellt. Die Anleger sind überflutet. Unterhalb der Elbbrücke sind die beiden Seiten des Stauwehrs bereits beinahe auf einem Niveau. Eigentlich staut das Wehr den Fluss auf, um ihn bis Lauenburg schiffbar zu halten. Jetzt rauschen mehr als 4000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde elbabwärts — so viel wie noch nie.
Bürger-Hotline
Die Stadt Lauenburg informiert im Internet unter www.lauenburg.de über die aktuellen Entwicklungen und die Entscheidungen des Katastrophenstabes. Ein Bürgertelefon (0 41 53/59 09 320) ist rund um die Uhr freigeschaltet.
Sporthalle kaum genutzt
Die Sporthalle der Hasenbergschule gilt als offizielles Notquartier für die 450 aus der Altstadt evakuierten Menschen. „Bisher sind da aber nur fünf Betroffene aufgeschlagen“, sagt Natascha Pätzold, die Sprecherin der technischen Einsatzleitung. Helfer von DLRG und DRK kümmern sich um die Betroffenen. „Alle anderen sind bei Freunden und Verwandten untergekommen, aber auch leer stehende Wohnungen wurden genutzt“, berichtet sie. tja
Das Hochwasser an der Elbe - alle Scheitelpunkte im Überblick

 

Timo Jann

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