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Lauenburg Invasoren bedrohen heimische Pflanzen und Tiere
Lokales Lauenburg Invasoren bedrohen heimische Pflanzen und Tiere
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14:00 21.04.2019
Im Juli ist Hochsaison für den Krabbenfang. Quelle: Jens Büttner dpa
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Ratzeburg

Das Kieler Umweltministerium hat dem Sumpfbiber den Kampf angesagt. Als fremde Art eingeschleppt, droht die Nutria mangels natürlicher Feinde Deiche und Böschungen zu zerstören. Doch das putzig anmutende Tier ist nicht die einzige invasive Art, die das Gleichgewicht der Natur bedroht. Auch für den Nandu wird inzwischen geprüft, ob er bejagt werden soll.

Zu einer wahren Plage haben sich in der Elbe inzwischen die Wollhandkrabben entwickelt. Die Krabben hinterlassen große Fraßschäden beim Fischlaich und nehmen den einheimischen Fischen die Nahrung weg. Vor allem an der Fischtreppe am Geesthachter Stauwehr sorgten Millionen dieser Tiere schon für Aufsehen – ausgerecht dort, wo jetzt ein großes Wiederansiedlungsprojekt für den ausgestorbenen Stör geplant ist. Eingeschleppt nach Europa wurden die aus Asien stammenden Krabben vor etwa 100 Jahren vermutlich im Ballastwasser großer Frachtschiffe.

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Marderhund nicht genießbar

Für die Fischer sind die Wollhandkrabben auch, weil sie in der Lage sind, sich aus herkömmlichen Netzen und Reusen zu befreien, indem sie diese mit ihren Scheren zerstören. Soweit es den Fischern mit verstärkten Netzen und Reusen dennoch gelingt, die Tiere abzufischen, gibt es immerhin teilweise Abnehmer. Denn die Wollhandkrabbe gilt zumindest bei Asiaten als Delikatesse.

Das krasse Gegenteil zur Delikatesse Wollhandkrabbe ist der Marderhund. Das Fleisch des Alles- und damit auch Aasfressers gilt unter Jägern als ungenießbar. Doch die Jagd ist so ziemlich die einzige Möglichkeit, die Population des Eindringlings überhaupt einigermaßen in den Griff zu bekommen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts über Tierparks, den Handel oder für die Zucht erstmals eingeführt, wurde der Marderhund in Deutschland 1932 erstmals wild lebend nachgewiesen.

Waschbär räumt Schwarzstorch-Nest aus

Den Jägern und dem Kieler Umweltministerium, hier im Bericht zur biologischen Vielfalt, ist der Marderhund vor allem ein Dorn im Auge, weil er auch die Gelege von bedrohten und mit viel Aufwand geförderten Niederwildarten wie dem Rebhuhn aber auch seltene Brutvogelarten an den Küsten nicht verschmäht. Allein in der Jagdsaison 2016/17 regulierten die Jäger den Marderhund-Bestand durch mehr als 830 Abschüsse. Landesweit stieg die Jagdstrecke beim Marderhund im Jahr 2017/2018 um 36 Prozent auf über 7000 Tiere.

Ähnlich wie beim Marderhund bedroht auch der eingeschleppte Waschbär seltene Vogelarten. „Wir haben Aufnahmen von Überwachungskameras, wie bei uns ein Waschbär Nester des Schwarzstorches ausräumt. Da blutet einem einfach das Herz“, sagt Sebastian Seeliger von der Kreisjägerschaft. Schutz gebe es gegen solche Übergriffe kaum. „Der Waschbär ist einfach ein super Kletterer und kommt praktisch an jedes Nest ran“, sagt Seeliger und zeigt ein Foto, wie ein Waschbär tagsüber durch das von ihm betreute Lehrrevier in Mölln zieht.

Nandus noch keine Bedrohung

Zuletzt hatten die Jäger beim Jägersilvester auf Gut Basthorst mit einer Aktion zu einer anderen Art auf die Herausforderungen aufmerksam gemacht. Sie grillten Nutria-Fleisch. Die Nagetiere, einst vor allem zur Pelzverwertung aus Südamerika eingeführt und gezüchtet, bedrohen inzwischen in Ermangelung natürlicher Feinde Dämme und Deiche – vor allem auch im Lauenburgischen. Und die Jäger wollten zeigen, dass diese Tiere eben nicht nur geschossen werden, sondern sich auch das Fleisch wohlschmeckend verwerten lässt.

Eine andere Art, die inzwischen für erhebliche Schäden in der Landwirtschaft sorgt, ist der Nandu. Aus wenigen Tieren, die einst aus einem privaten Gehege bei Lübeck ausgebrochen sind, hat sich am Ostufer des Ratzeburger Sees inzwischen ein Bestand von nicht ganz 600 Tieren mit Stand Herbst 2018 entwickelt. Die Hoffnung, dass die Natur das Thema mit dem straußenartigen Federvieh selbst regelt und die wärmegewohnten Tiere nicht über die Winter kommen würden, erwies sich über die Jahre als falsch.

Fremde Pflanzen bedrohen heimische Flora

Derzeit haben die Nandus in der Landwirtschaft vor allem die frischen Triebe beim Raps als Delikatesse entdeckt und treiben die betroffenen Landwirte schlicht zur Verzweiflung. Für Mecklenburgs Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) Anlass klären zu lassen, ob der Nandu als invasive Art einzustufen ist. Bereits seit Jahresbeginn seien 17 Tiere, vor allem Hähne, getötet worden, sagte Backhaus (SPD) am Montag in Schlagsdorf. Weitere 40 bis 50 Tiere der einzigen wildlebenden Nandu-Population Europas sollen bis Jahresende erlegt werden.

Die Tiere sollen untersucht werden und danach solle geklärt werden, ob die Tiere künftig bejagt werden sollen oder den Jägern weiterhin die Hände gebunden sind. Denn da Nandus noch keine im Jagdrecht aufgeführte Art sind, dürfen sie auch nicht im Bestand reguliert werden. Auch können die Fraßschäden anders als bei Wildschweinen nicht als Wildschäden eingestuft und damit durch die Jagdpächter entschädigt werden. Und auch Autofahrer können bei einem Unfall mit einem Nandu auf den Kosten sitzen bleiben, weil die Versicherung diesen nicht als Wildunfall einstuft.

Neben den Tieren werden aber auch immer gebietsfremde Pflanzen zu einer Gefahr für die heimische Flora. Nicht alle sind dabei so hochgiftig wie der bis zu fünf Meter groß werdende Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum), der schon beim Kontakt mit der Haut hochgradig allergische Schocks bei Mensch und Tier auslösen kann. Viele lassen sich später nur mit hohem technischen Aufwand im Zaum halten.

Immer mehr Arten auf EU-Liste

Dazu gehört die aus Südamerika stammende Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes). Sie wird gerne auf Pflanzenmärkten, wie sie in den kommenden Wochen und Monaten vielerorts stattfinden, an Gartenfreunde für den heimischen Teich oder die wassergefüllte Zinkwanne verkauft – in der Regel stets mit dem Hinweis, dass die Pflanze den kalten Winter ohnehin nicht überlebe. Doch irgendwie gibt es dann doch immer mal wieder Pflanzen, die sich als deutlich kälteunempfindlicher erweisen. In der Unionsliste, der seit 2016 EU-weit geführten „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ werden als Gefahren eine starke Konkurrenz zu allen untergetaucht lebenden heimischen Pflanzen und sogar die Behinderung der Schifffahrt genannt.

Umfasste die erste Unionsliste vom August 2016 noch 37 Tier- und Pflanzenarten, sind in der aktuellen mit Stand 2917 vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Liste bereits 49 Arten geführt. Neu hinzugekommen sind bei den Wirbeltieren die Nilgans, der Bisam und eben auch der Marderhund, bei den Pflanzen neben dem Riesenbärenklau unter anderem die auch aus den lauenburgischen und ostholsteinischen Gewässern bekannte Schmalblättrige Wasserpest (Elodea nuttallii).

Holger Marohn