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Lauenburg Der Stuhl von Senator Peters
Lokales Lauenburg Der Stuhl von Senator Peters
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13:28 08.09.2018
Die Historiker und Archivare Dr. William Boehart und Christian Lopau (r.) haben recherchiert, dass ein 1927 übergebener Lederstuhl an Gustav Peters das Geschenk der Stadt an den Senator zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum war. Der Stuhl ist nun im Besitz von Boehart, der ihn restaurieren ließ. Quelle: Joachim Strunk
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Ratzeburg

 „Als ein Freund vor einigen Jahren umzog, entrümpelte er seine Wohnung. Dabei fand er einen alten Stuhl. Weil ich Historiker bin, dachte er, das ist genau das Richtige für mich, weil ich ja für alles Alte zuständig bin“, erzählt Dr. William Boehart den Beginn einer Recherche.

Auf Anhieb interessierte sich der gebürtige Amerikaner, der lange Jahre Archivar von Schwarzenbek, Geesthacht und Lauenburg war und auch weiterhin im Heimatbund und Geschichtsverein Herzogtum Lauenburg aktiv ist, für das Holzgestühl. Das war mit Leder bezogen und an der Rückenlehne war ein Stadtwappen mit den Jahreszahlen 1902 - 1927 eingeprägt. Sein Freund konnte ihn zunächst nicht weiter aufklären.

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Ein Stuhl und seine Geschichte

Suche in der Lauenburgischen Zeitung

Nach Rücksprache mit dem Ratzeburger Stadtarchivar Christian Lopau ergab sich schnell, dass es sich um das Wappen von Ratzeburg handelt. „Und die Zahlen 1902-1927 wiesen darauf hin, dass es sich um ein 25-jähriges Jubiläum gehandelt haben muss“, erklärt Boehart. Als Historiker machte er sich gleich auf ins Kreisarchiv, wo er den Jahresband von 1927 der „Lauenburgischen Zeitung“ durchblätterte.

Er hatte Glück, dass er schon in der Ausgabe vom 18. Januar auf den richtigen Hinweis stieß. Dort stand unter der Rubrik „Aus Kreis und Provinz“ und mit fetter Überschrift: „Das 25-jährige Amtsjubiläum“. Und weiter: „...des Herrn Senators Gustav Peters vereinte Magistrat und Stadtverordnetenkollegium unserer Stadt am Sonnabend zu einer Festsitzung im Rathaussaale“.

Laudatio von Saalfeld

Der damalige Bürgermeister Karl Saalfeld hielt die Laudatio: „Im Dezember 1901 wurden Sie von der Bürgerschaft in das Stadtverordnetenkollegium gewählt und am 16. Januar 1902 feierlich in Ihr Amt eingeführt. Auf Grund Ihres regen Interesses hatten Sie sich nach kurzer Amtszeit das Vertrauen Ihrer Mitbürger in so großem Maße erworben, dass Sie im Jahre 1909 in den Magistrat gewählt wurden, dem Sie seit dieser Zeit ununterbrochen angehört haben.“

Weitere Fragen

Historiker sind nie zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit. Insofern interessiert es Boehart und Lopau auch besonders, welcher Handwerker oder welche Firma damals diesen lederbezogenen Holzstuhl hergestellt hat.

Darüber hinaus fragen sich die Archivare auch, ob es vielleicht weitere, ähnliche Stühle oder Möbelstücke gibt, die sich noch in privatem Besitz befinden und die Hinweise auf historische Persönlichkeiten geben können.

Wer zur Person des Senators Gustav Peters, zu dem Stuhl, seinem Hersteller oder zu anderen Dingen rund um dieses Thema weitere Kenntnis oder gar Bildmaterial hat, möge sich bitte melden beim Stadtarchiv Ratzeburg, E-Mail: archiv-ratzeburg@t-online.de oder telefonisch unter 04541/803787.

Und weiter: „Ganz besondere Aufmerksamkeit und Arbeit widmeten Sie der Verwaltung des städtischen Grundbesitzes. Als Vorsitzender der Forst- und Wegekommission haben Sie die Verpachtung der Ländereien und Nutzungen, die Unterhaltung der Wege, die Pflege der Anlagen und der Stadtforst geleitet.“

Verdienste um Galgenberg

Saalfeld hob in seiner Rede insbesondere die „Verdienste“ des Jubilars „um die Erschließung des neuen städtischen Siedlungsgeländes“ auf dem so genannten Galgenberg, für die Peters intensiv eingesetzt hatte. Als Dank dafür wurde der Platz auf der Siedlung Dermin schon Jahre zuvor nach ihm benannt: Gustav-Peters-Platz.

Zum Schluss seiner Rede übergab Saalfeld dem Jubilar dann jenen Sessel. Mit den geschnitzten Verschnörkelungen an Arm- und Rückenlehne sowie dem ledernen Bezug war das ein Zeichen großer Wertschätzung für einen äußerst honorigen Bürger in der damaligen Zeit.

Kürzel GP im Hausgiebel

Peters war ursprünglich Kupferschmiede- und Brunnenbaumeister, am 29. November 1863 in Ratzeburg geboren und am 28. August 1930 hier auch gestorben (seine Grabstelle vermutet Archivar Christian Lopau auf einem der Ratzeburger Friedhöfe). Er wohnte in der Böterstraße 9 in Ratzeburg. Im Giebel seines Hauses befindet sich noch heute das Kürzel GP für Gustav Peters. Nach Auskunft seiner Urenkelin Helga Schlicht, die heute noch dort wohnt, hatte er den Stammsitz der Familie um 1900 zu seinem jetzigen Aussehen umgebaut und aufgestockt.

Sein Sohn, Hermann Peters, führte das Geschäft bis zu seinem Tod 1953 weiter; dessen Sohn Hans Peters – Vater von Helga Schlicht – gab die Kupferschmiedearbeit auf und arbeitete danach als Installateur.

Ratzeburger Tischlerei?

Die Familie Tegen war Nachbar in der Böterstraße. Sie betrieb ein Fuhrunternehmen und später einen Getränkehandel. Anzunehmen ist, dass der Stuhl irgendwann von Familie Peters zu den Tegens gekommen ist. Laut Auskunft der Familie Jatsch, Schmilau (Nachfahren der Familie Tegen), wurde der alte Hausstand in Ratzeburg in den 1990er Jahren aufgelöst und zum Teil verkauft - unter anderem jener Stuhl an Boeharts Freund.

„Bedauerlicherweise konnte die Firma nicht ermittelt werden, die den Stuhl hergestellt hatte“, sagt Boehart. Nach seiner Vermutung war es „höchstwahrscheinlich eine Ratzeburger Firma“. Vielleicht lässt sich dieser Ursprung über alte Kämmereiaufzeichnungen der Stadt Ratzeburg noch nachvollziehen.

Restauriert von Kollschegg

„Unglücklicherweise ist das Stadtarchiv nach dem Umzug 2014/15 in die alte Realschule immer noch eingelagert“, sagt Boehart. Der Geschichtswissenschaftler empfindet dies als „unbefriedigenden Zustand“, für den die Stadt baldmöglichst eine Lösung finden sollte.

Der Stuhl selbst wurde inzwischen vom Antiquitätenhändler Uwe Kollschegg aus Barnitz restauriert und steht in Boeharts Wohnzimmer. „Er ist kein Schreibtischstuhl mehr, sondern ein bequemer Lesestuhl, neben dem ein kleiner Tisch steht – darauf eine Leselampe und ein Glas Rotwein“, mit dem Boehart seine jeweilige Lektüre genießt.

Joachim Strunk

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