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Lauenburg Lauenburgische China-Träume platzen
Lokales Lauenburg Lauenburgische China-Träume platzen
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14:00 29.08.2015
Wenn in China Vereinbarungen unterzeichnet werden, ist wie hier mit Wirtschaftsminister Reinhard Meyer immer auch gerne die große Politik dabei. Übrig geblieben ist von den schriftlich fixierten Worten allerdings nicht viel — in Schwarzenbek wie offenbar jetzt in Lauenburg.
Lauenburg

„PuRen lässt Träume wahr werden“: Keine vier Monate ist es her, dass Lauenburg und Kiel den chinesischen Investor Yongqiang Chen im Chor als großen Retter der chronisch klammen Elbestadt feiern. 100 Millionen Euro sollten in der strukturschwachen Stadt investiert, mehr als 130 Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch nun ist es aus mit den China-Millionen.

Im Zuge des Platzens der großen Wirtschaftsblase im Reich der Mitte haben sich auch die blumigen Pläne Chens offenbar in Luft aufgelöst. Eine Erfahrung, die für die Region nicht neu ist. Aus dem vor einigen Jahren in Schwarzenbek groß angekündigten 50-Millionen-Euro-schweren und 1000 Arbeitsplätze schaffenden Handelszentrum ist ein zum Showroom umgebauter Aldimarkt mit geschlossenem Eisentor geworden. Andreas Thiede — der Mann, der einst als Schwarzenbeker Wirtschaftsförderer und jetzt Lauenburger Bürgermeister beide Deals eingefädelte — wirkt heute nachdenklich.

„Wenn ich die Nachrichten so verfolge, dann bekomme ich schon Angst“, gesteht Thiede. Gerade erst diese Woche habe er über die landeseigene Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Gesellschaft Kontakt nach China gehabt. „Da war die wirtschaftliche Situation dort natürlich ein Thema“, sagt Thiede. Allerdings sei er kein Volkswirt. Fakt sei aber, dass Chen sein Investment in Lauenburg gecancelt habe. „Da liegt die Vermutung nahe, dass das mit der wirtschaftlichen Situation in China zu tun hat“, sagt Thiede. Gerade einmal vier Monate ist es her, dass Chens PuRen-Konsortium noch als „sehr liquide“ bejubelt wurde.

Ulf Hahn, seit Jahresbeginn Chef der kreiseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft: „Soweit ich das beurteilen kann, hat man bei dem Investor, mit dem man es in Lauenburg zu tun gehabt hat, vielleicht nicht auf den Richtigen gesetzt.“ Denn Chen zieht sich nicht nur in Lauenburg zurück.

Auch sein Engagement am Lübecker Flughafen, den er erst vor einem Jahr gekauft hatte, fährt er gerade zurück.

Die Situation in China mit dem Platzen der Wirtschaftsblase sieht Hahn allerdings relativ. Es gebe dort immer noch ein Wachstum von sechs bis sieben Prozent. China bleibe daher ein ganz wichtiger Markt. Allerdings hätten die Chinesen „inzwischen auch schon gemerkt, wie sie ihr Kapital ruinieren können“. Für die beiden Lauenburger Projekte, neben dem Fünf-Sterne-Hotel die Hefefabrik am nördlichen Ortseingang, sei er jedoch zuversichtlich, dass beide umgesetzt werden könnten. Ob das mit chinesischen Investoren sein werde, bleibe aber abzuwarten.

Deutlich schärfer geht Lauenburgs Stadtvertreter Niclas Fischer (LWG) mit Investor Chen ins Gericht. „Herr Chen sammelt offenbar dummes Kapital in China ein und lockt damit die Leute in Deutschland“, sagt Fischer. Ein ernstzunehmendes chinesisches Engagement in Lauenburg sehe er „inzwischen nicht mehr als sehr realistisch an“. Fischer: „Die haben ohnehin kein Interesse, hier Industrie aufzubauen, sondern wollen den Markt für ihre Produkte erschließen, die sie in China sehr viel günstiger herstellen können.“ Daher habe er keine große Hoffnung. Die Chance für die Hefefabrik gehe aus seiner Sicht „gegen Null“.

Nicht ganz auf Null ist das vor einigen Jahren gefeierte China-Investment in Schwarzenbek gefallen: Die Chinesen haben inzwischen einen leerstehenden Aldimarkt gekauft und einen zwei Meter hohen Zaun drumherum gebaut. Angekündigt war eine Investition von 50 Millionen Euro. 300 Firmen sollten sich ansiedeln und 1000 Arbeitsplätze entstehen.

Ein Mitarbeiter der Investoren bekam ein eigenes Büro im Schwarzenbeker Rathaus, die Politik diskutierte über eine chinesische Schule.

Auch in Lauenburg scheint sich die Euphorie zu verflüchtigen: Wann Vielflieger Thiede wieder nach China reisen wird, ist völlig offen: „Es gibt derzeit keine Planung dahingehend und auch keinen Anlass“, sagt Thiede.

Schwarzenbeks Traum von den China-Millionen
Während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Firma Fette 2008 knüpft Bürgermeister Frank Ruppert Kontakt nach China. Die Stadt ist damals hoch verschuldet.
Die chinesische Millionenstadt Haimen wird 2009 Partnerstadt von Schwarzenbek (16000 Einwohner).
In China wird 2010 im Beisein von Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen eine Vereinbarung über eine chinesische Investition von 50 Millionen Euro und die Schaffung von 1000 Arbeitsplätzen unterzeichnet.
In einem leerstehenden Aldimarkt eröffnen die Chinesen 2013 einen Showroom für Heimtextilien wie Bettwäsche.

Holger Marohn

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