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Lauenburg „Lehren aus Geschichte nicht vergessen“
Lokales Lauenburg „Lehren aus Geschichte nicht vergessen“
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22:02 10.11.2014
Lichterzug — mit Kerzen und Fackeln machten sich die Gäste auf den Weg durch die Stadt Ratzeburg zum Dom. Fotos (5): Burmester
Ratzeburg

Im Anschluss an die Feierstunde pilgerten die mehr als 200 geladenen Gäste aus Politik, Verwaltung und gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam mit den Besuchern des Gottesdienstes in der St.-Petri-Kirche zum Dom. Dabei wurden sie von Mitgliedern der Feuerwehren aus Ratzeburg und Umgebung mit Fackeln begleitet.

In der knapp zweistündigen Feier machte Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) deutlich, dass die Grenzöffnung alle Deutschen, in Ost wie in West, verändert habe. Er selbst habe bei der Nachricht, dass die Grenze geöffnet werde, zunächst an einen Trick der damaligen SED-Führung geglaubt.

Er habe bewusst Ratzeburg als Ort der Feier gewählt, sagte Schlie. Hier hätten die Menschen die Folgen der deutschen Teilung und die Öffnung der Grenze hautnah miterlebt. Die Grenze zwischen dem Kreis Herzogtum Lauenburg und der DDR war 86 Kilometer lang.

Kreispräsident Meinhard Füllner fügte hinzu: „Ich freue mich, dass wir die Grenzöffnung an diesem Ort feiern. Gerade hier auf der Domhalbinsel haben wir ein Stück gemeinsame Geschichte von Schleswig-Holstein und Mecklenburg.“ „Genau einen Monat, nachdem die Mauer 1961 gebaut wurde, bin ich geboren“, begann Bischöfin Kirsten Fehrs ihre Grußworte. Ihr Bild sei 28 Jahre lang geprägt gewesen von Ost gegen West, von Kaltem Krieg, Kommunisten-, respektive Imperialistenbeschimpfung, Nato-Doppelbeschluss, persönlich auch von Trennung in der Familie. Kurz: von einem Leben mit Grenzen, die andere gemacht hatten. „Und dann stürzte sie, die Mauer. Gewaltfrei.“

Die Festrede hielt Hubertus Knabe, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Er erklärte: „Unsere Geschichte ist das einzige Lehrbuch, das man hat und in dem man feststellen und nachlesen kann, wozu es führt, wenn man bestimmte Ideologien umsetzt, wenn man bestimmte Systeme errichtet und auch wie sich Menschen unter bestimmten Bedingungen verhalten.“

Knabe warnte davor, die Lehren aus der DDR-Geschichte zu vergessen. „Die Zeugnisse der Diktatur müssen sichtbar bleiben, um nachfolgenden Generationen einen Eindruck des Unrechtsregimes zu geben“, so der Historiker. Er forderte unter dem Beifall der mehr als 200 Zuhörer, den Zeitzeugen mehr Raum zu geben und für einen vernünftigen Geschichtsunterricht an den Schulen zu sorgen. Die Unwissenheit über die DDR sei erschreckend. Das zu verändern, sei Aufgabe der Politik. Knabe schlug vor, Klassenfahrten zu den Gedenkstätten von NS- und SED-Diktatur sowie Besuche des Bundestages finanziell zu fördern.

Der Erste Polizeihauptkommissar Broder Feddersen von der Bundespolizei (früher Bundesgrenzschutz), erzählte von jenem Tag der Grenzöffnung bei Mustin. In seiner auf plattdeutsch gehaltenen Geschichte wurde deutlich, dass es eine bitterkalte Nacht war. Er erzählte von den völlig verstopften Straßen bei Mustin, über die DDR-Bürger, die mit Freudentränen in den Augen durch das Spalier der Menschen diesseits des Eisernen Vorhangs fuhren.

Im Anschluss an die Feier ging es zu Fuß zum Ratzeburger Dom, wo Domprobst Gert-Axel Reuß, Pröpstin Frauke Eiben, der neue Pfarrer der katholischen Gemeinde, Germain Gouèn, und Diözesanadministrator Ansgar Thim eine ökumenische Andacht hielten.

10000 Menschen feierten in Schlutup
Zweitaktgeknatter, Benzingeruch und dazwischen eine strahlende Ingrid Schatz. Die Leiterin des Grenzmuseums in Schlutup konnte ihre Emotionen nicht verbergen. Mehr als 10000 Menschen haben sich am Sonntag zum Grenzfest entlang der Mecklenburger Straße eingefunden. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls gab es keinen besseren Ort in Lübeck, um dieses bedeutende gesamtdeutsche Ereignis noch einmal zu feiern. Eine offizielle Feier, wie sie Lübeck nicht haben wollte, vermisste hier niemand.

Angeführt von Daniel Kahns bewegte sich am Mittag ein Corso aus 30 Trabis und zahlreichen Simson- und MZ-Mopeds aus Selmsdorf in Richtung Schlutup. Noch einmal wurde die frühere Staatsgrenze überquert.



Lübecks stellvertretender Stadtpräsident Klaus Puschaddel kritisierte, dass die Stadt es nicht geschafft habe, eine Feier zu organisieren. Nordwestmecklenburgs Landrätin Kerstin Weiss hatte sich gegen eine Feier in Schwerin und für Schlutup entschieden.
Erinnern in Lauenburg
Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Nina Scheer hat am Sonntag in Lauenburg an den Mauerfall erinnert und ist auf die Bedeutung der friedlichen Revolution für unser heutiges Handeln eingegangen. Neben Scheer teilten Bürgervorsteher Bernd Dittmer als ehemaliger Zollbeamter und Bürgermeister Andreas Thiede ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse mit den über 80 erschienenen Gästen. Ein Höhepunkt war der Beitrag des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Eckart Kuhlwein.

Jens Burmester