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Lauenburg Nervosität im Corona-Hotspot Schwarzenbek – Inzidenz lag bei über 400
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Nervosität im Corona-Hotspot Schwarzenbek im Herzogtum Lauenburg

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12:14 17.04.2021
Schwarzenbek ist derzeit ein Corona-Hotspot. In der Stadt gibt es auch eine Teststation mit Bürger-Schnelltests.
Schwarzenbek ist derzeit ein Corona-Hotspot. In der Stadt gibt es auch eine Teststation mit Bürger-Schnelltests. Quelle: Holger Marohn
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Schwarzenbek

Der Freitagnachmittag ist in Schwarzenbek eigentlich eine umtriebige Zeit. Doch derzeit scheint in der 16 000-Einwohner-Stadt, die vor wenigen Tagen noch mit einer 7-Tage-Inzidenz von weit über 400 in die Schlagzeilen geraten war, vieles anders zu sein. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Die Geschäfte sind – wie nach der seit knapp einer Woche kreisweit geltenden Notbremse ohnehin dicht. Auf einer Bank auf dem Platz vor dem Rathaus sitzen zwei Männer und unterhalten sich – einer mit Maske, ein anderer ohne. An die Maskenpflicht halten sich viele, aber eben nicht alle.

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„Wir stehen hier unter Hochspannung“, sagt Bürgermeister Norbert Lütjens (parteilos) im etwa 30 Meter Luftlinie entfernten Rathaus. Mit einem dringenden Appell, die Corona-Regeln einzuhalten und Kontakte zu reduzieren, hatte sich der Verwaltungschef am Donnerstagnachmittag an die Bürger gewandt. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man morgens fast noch unter der Dusche steht und dann schon den Radiosender am Telefon hat“, sagt Lütjens. Und auch sich vor Fernsehkameras rechtfertigen zu müssen, sei für ihn eine neue Situation.

Ein positiver Schnelltest pro Tag

Mit seinen Mitarbeitern sucht Lütjens seit Tagen nach Gründen, warum die Zahl der Neuinfektionen so in die Höhe schnellen konnte. 70 Fälle oder 421,8 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen zählte das Ratzeburger Gesundheitsamt in der Pendlerstadt im Zentrum des Kreises. In der Woche vor Ostern hatte der größte Arbeitgeber am Ort aufgrund zahlreicher Infektionen seinen Betrieb für vier Tage eingestellt. Inzwischen läuft die Produktion wieder, aber aufs Betriebsgelände kommt seitdem niemand mehr ohne vorherigen Schnelltest.

Corona-Bußgelder

Seit Ausbruch der Pandemie hat der Kreis 810 Bußgeldverfahren eingeleitet. Dabei wurden insgesamt fast 178 000 Euro an Bußgeld verhängt. 93 Verfahren wurden eingestellt. Die Verfahren verteilen sich auf das Jahr 2020 mit 425 und das Jahr 2021 mit bisher 385 Fällen. Hinzu kommen acht festgestellte Straftaten, die an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurden.

Das höchste Einzelbußgeldwurde an einen Einzelhändler verhängt. Dieser hatte trotz Verbotes seine Filialen geöffnet gehalten. Ebenfalls ein Bußgeld in der Höhe von 10 000 Euro musste eine symptomatisch corona-positiv Getesteter zahlen. Dieser hatte seine häusliche Isolierung an mehreren Tagen zum Einkaufen und für einen Arztbesuch, der nicht im Zusammenhang mit seiner Corona-Erkrankung stand, verlassen.

Unter den weiteren Tatbeständenwaren 148 Ansammlungen im privaten Raum einschließlich Privatgärten, wobei sich die Anzahl der Tatbestände auf die Zahl der Betroffenen und nicht die Treffen bezieht. Außerdem ahndete der Kreis 116 Quarantäneverstöße, 106 Gruppierungen im öffentlichen Raum, 74 sogenannte Corona-Partys, 35 Ansammlungen im öffentlichen Raum bei gleichzeitiger Missachtung der Maskenpflicht, 34 Ansammlungen öffentlicher Raum 34 sowie 29 Ansammlungen in einer Wohnung 29. Außerdem wurde in 27 Fällen wegen des Nichttragens eines Maske und in 21 Fällen aufgrund nicht erlaubter touristischer Einreisen ein Bußgeld verhängt.

15 Bußgeldverfahrenwurden an andere Behörden abgegeben. In 430 Fällen wurden Bußgeldbescheide erstellt. 98 Verfahren wurden eingestellt und in 93 Fällen kein Verfahren eingeleitet. Insgesamt 174 Fälle befinden sich noch in der Prüfung.

Die hohe Zahl an Schnelltests sind für Lütjens und sein Team eine Erklärung für die zahlreichen entdeckten Corona-Infektionen. Bis zu 180 am Tag, an einigen auch nur 120 Schnelltests werden seit einigen Wochen in der alten Realschule gemacht. Fast im Fünf-Minuten-Takt kommen die Bürger in die Teststation, um einen sogenannten Bürgertest zu machen. Auch Kita-Mitarbeiter und Lehrer können sich in der seit Jahren leer stehenden Schule testen lassen.

Mehr Kontrollen

„Durchschnittlich haben wir hier vielleicht einen positiven Test pro Tag, manchmal auch zwei“, sagt Teststation-Leiterin und Apothekerin Katrin Witzke. Zusammen macht das vielleicht sieben bis zehn entdeckte Infektionen innerhalb von sieben Tagen. Die Quote der firmeneigenen Teststation vor dem Werkstor ist nicht bekannt.

Leandra Sziegoleit testet in der alten Realschule in Schwarzenbek Bürger mit Schnelltests. Quelle: Holger Marohn

Lütjens hat in Absprache mit der Polizei inzwischen die Kontrollen durch den städtischen Ordnungsdienst und die Beamten verstärken lassen. „Quarantänebrecher scheinen nicht der Auslöser für die Infektionen zu sein. Die haben wir ausnahmslos bei den Kontrollen auch zu Hause angetroffen“, sagt Lütjens fast hörbar achselzuckend am Telefon.

Bürgermeister ermahnt Bürger auf der Straße

Auch die Maskenpflicht im Stadtzentrum werde weitgehend eingehalten. „Auch ich spreche Menschen an, wenn ich sehe, dass mal keine Mund-Nasen-Bedeckung getragen wird“, sagt Lütjens. Zumindest die meisten seien einsichtig. Ohnehin gilt nach Einschätzung von Aerosolforschern die Corona-Infektionsgefahr an der frischen Luft als deutlich geringer. Andererseits gilt die britische Mutante aufgrund der höheren Viruslast als deutlich ansteckender, so dass schon flüchtige Kontakte für eine Übertragung ausreichen sollen.

So ganz langsam scheint sich die Lage zu entspannen. Am dritten Tag in Folge wird die Inzidenz am Sonnabend voraussichtlich fallen. So zumindest die Lage am Freitagnachmittag im Ratzeburger Gesundheitsamt.

Inzidenz im Hotspot fällt langsam

Norbert Lütjens (parteilos) ist seit Dezember 2020 neuer Bürgermeister in Schwarzenbek. Quelle: Holger Marohn

Auch die Infektionen, die in Schwarzenbek am vergangenen Sonnabend zu einem sprunghaften Anstieg der Inzidenz geführt haben, werden spätestens Sonntag aus der Berechnung fallen. Zunächst – Stand Freitagnachmittag, 15 Uhr – ist laut Kreissprecher Tobias Frohnert für Sonnabend eine Inzidenz von 265,1 vorausgesagt. „Natürlich ist es schön, einen solchen Trend zu sehen“, sagt Bürgermeister Lütjens. „Ob wir etwas entspannen können, wird sich wohl erst in zehn Tagen zeigen“, prognostiziert der aktuelle Krisenmanager.

Schwarzenbek nähert sich damit von der Infektionslage her langsam der Situation in der Nachbarstadt Geesthacht (211,8 am Sonnabend) an. In Lauenburg liegt die Inzidenz am Sonnabend laut Gesundheitsamt voraussichtlich bei 140,9, in Büchen bei 97,7. Gerade Büchen hat Erfahrungen als Hotspot. Ende Januar lag die Inzidenz dort bei fast 800 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen je 100 000 Einwohner. Unter den hauptamtlich verwalteten Gemeinden im Kreis bislang der Spitzenwert.

Von Holger Marohn