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Lauenburg Verschwinden Raps und Weizen aus dem Lauenburgischen?
Lokales Lauenburg Verschwinden Raps und Weizen aus dem Lauenburgischen?
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21:50 03.05.2019
ARCHIV - 11.04.2016, Niedersachsen, Linden: Ein Landwirt bringt Gülle als Dünger auf einem Feld aus. Am 04.04.2019 wollen Landwirte in Münster gegen eine Verschärfung des Düngerechts demonstrieren. Foto: Philipp Schulze/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: dpa
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Duvensee

Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein hat sein Kommen bereits zugesagt. Beim lauenburgischen Kreisbauerntag am 7. Juni auf dem Hof von Knud-Frithjof Grell und seinem Vater Hans-Peter Grell, amtierender Kreisbauernchef, will Daniel Günter (CDU) den Landwirten noch einmal ausdrücklich darlegen, „warum Schleswig-Holstein eine starke Landwirtschaft braucht“.

Angesichts der langen Agrar-Tradition des nördlichsten Bundeslandes sollte das eigentlich kaum eine größere Erklärung wert sein. Doch die Landwirte brauchen Zuspruch und Beistand. Denn hier wie auch im Rest der Republik sehen sie sich in den letzten Jahren immer stärker von der Öffentlichkeit, Medien und Gesellschaft, kritisiert – zu Unrecht, wie sie meinen.

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Pauschal 20 Prozentweniger Dünger

Selbst fühlen sie sich schon lange nur noch als „Gehetzte“, denen immerfort neue Maßregeln erteilt werden, denen sie sich zu beugen haben. Eine frei gestaltete Land-„Wirtschaft“ sei nicht mehr möglich. Zu sehr bestimmten die Brüsseler Bürokraten der EU, was und wie sie anbauen, züchten oder ernten sollen.

Jüngstes Problem – vor allem für die lauenburgischen Berufskollegen – sei die Düngeverordnung von 2017 und deren absehbar erneute Verschärfung. Die sieht nämlich vor, dass die hiesigen Landwirte „ab dem Anbaujahr 2020 nur noch pauschal 20 Prozent unter dem als optimal berechneten Pflanzenbedarfswert zudüngen dürfen“, so Dr. Götz Reimer vom Ellerhooper „Geries Ingenieure, Büro für Standorterkundung“, das Landwirte hinsichtlich der individuell notwendigen Düngung auf ihren Flächen sowie dem damit verbundenen Gewässerschutz berät.

Kreisbauernvorsitzender Hans-Peter Grell (r.) mit seinem Geschäftsführer Peter Koll. Hauptsorge der Landwirte ist derzeit die anstehende Verschärfung der Düngeverordnung. Danach befürchten die Verbandsvertreter einen starken Rückgang an Raps und Weizen auf lauenburgischen Flächen. Quelle: Joachim Strunk

„Das stößt bei den Landwirten natürlich auf Unverständnis und Dramatik“, so Reimer, weil es bedeute: „weniger Erträge und weniger Qualität“. Hans-Peter Grell und der Geschäftsführer der Kreisbauernverbände Herzogtum Lauenburg und Stormarn, Peter Koll, bestätigen das. „Es wird uns untersagt, pflanzenbaulich optimal zu arbeiten“, sagt Grell.

Wenn diese verschärfte Düngeverordnung durchgesetzt würde, bedeute dies, „dass der Rapsanbau – der im Herbst einen hohen Stickstoffbedarf hat – noch weiter zurückgeht, und auch beim Weizen, beim Brotgetreide, können wir keinen Ertrag und keine Qualität mehr erreichen“.

Eine Folge wäre: Viele Landwirte – vor allem ältere mit kleinen Betrieben – gäben ihren Hof ganz auf, es komme zu Verkäufen und zu einer Konzentrierung und damit weiteren Verdichtung industrieller Landwirtschaft. „Diesen Strukturwandel will man gesellschaftlich und politisch doch nicht!“, warnt Peter Koll.

Eine andere, auch nicht verlockende Konsequenz: Landwirte schwenken um auf andere Nutzpflanzen wie Silo-Mais (für Viehfutter oder Biogasanlagen) oder eiweißhaltige Leguminosen (Bohnen, Erbsen) um. „Aber das ist dann wieder eine Monokultur, die man ebenso nicht haben will“, so Koll.

Täglich drohen Deutschland 860 000 Euro Strafe

An der Düngeverordnung komme man trotz allem nicht vorbei, sagt Thomas Neumann von der Umweltorganisation WWF in Mölln. Unbestritten seien die „objektiv gemessenen Nitratwerte im Kreisgebiet“, die sich nicht verändert hätten – weder nach unten noch nach oben. Insofern müssten Konsequenzen folgen.

EU-Wasserrahmenrichtlinie

Der Schutz der Gewässer als Trinkwasserreservoir und als Lebensraum für Pflanzen und Tiere gewinnt auf europäischer Ebene an Bedeutung. Deswegen hat die EU Ende 2000 eine EG-Wasserrahmenrichtlinie verabschiedet.

Sie gilt für alle Gewässer Europas – für Oberflächengewässer sowie für das Grundwasser.

Das Leitbild der WRRL ist der natürliche Zustand der Gewässer: die Vielfalt und Fülle der dortigen Lebensgemeinschaften, die Gestalt und Wasserführung der Flüsse und Bäche und die Qualität des Wassers ohne menschliche Einflüsse.

Zumal sich Deutschland jener EU-Wasserrahmenrichtlinie 2000 angeschlossen hätte. Da sich die Zustände hierzulande und diesbezüglich aber nicht verbessert hätten, kam es nun zu den EU-Verschärfungen. Deutschland drohen spätestens im nächsten Jahr bei weiteren Verstößen Strafzahlungen von täglich knapp 860 000 Euro. Das wolle und könne man dem Steuerzahler einfach nicht zumuten.

Wie ist der aktuelle Stand? Wie geht’s weiter? Dr. Götz Reimer von Geries Ingenieure erklärt, man werde weiter die Landwirte intensiv in Sachen Düngung, Grundwasserschutz und auch alternativem Pflanzenanbau beraten. Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) wird weiterhin – und im nächsten Jahr verschärft – die Werte auf den lauenburgischen Flächen überprüfen, so Pressesprecher Martin Schmidt in Flintbek.

Thomas Neumann sieht die Entwicklung nicht ganz so pessimistisch. Es seien schon einige Projekte im Schaalseegebiet oder jüngst am Duvenseer Moor mit dessen Naturschutzverein umgesetzt worden, um biologische Wasserspeicher zu reanimieren oder neu zu schaffen. Dadurch würde die Wasserqualität der Oberflächengewässer gut und nachhaltig verbessert.

Hans-Peter Grell und Peter Koll hoffen noch auf Verhandlungsspielräume in Berlin oder Brüssel. Aber groß ist diese Hoffnung nicht. Man wünsche sich wenigstens mehr Verständnis seitens der Öffentlichkeit, von Medien und Gesellschaft, in welchen Zwängen die Landwirte steckten.

Joachim Strunk

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