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Lauenburg Stasi-Ausstellung in Ratzeburg: „Feind ist, wer anders denkt“
Lokales Lauenburg Stasi-Ausstellung in Ratzeburg: „Feind ist, wer anders denkt“
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17:37 02.04.2019
Stellten die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ über die Staatssicherheit der DDR vom 3. April bis 4. Mai im Ratzeburger Rathaus vor: (v. l.) Stadtsprecher Mark Sauer, „Girls-Day-Praktikantin“ Florentine Hübner (11), am Telefon zugeschaltet Dagmar Hovestädt, Pressesprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, sowie Ratzeburgs Bürgermeister Rainer Voß. Quelle: Joachim Strunk
Ratzeburg

1989 fiel die knapp 1400 Kilometer lange „Mauer“ zwischen Ost- und Westdeutschland. Die ja eigentlich nur in Berlin eine Mauer war, ansonsten handelte es sich um einen hohen Stachel- und Maschendrahtzaun, oft in doppelter oder dreifacher Ausfertigung mit entsprechenden „Todeszonen“ davor, dazwischen oder dahinter.

Wie erging es damals den Menschen in Ost und West, die ins Visier der Staatssicherheit der DDR gerieten? Mit welchen Methoden arbeitete die Stasi? Und wie präsent war die Geheimpolizei auch in der Bundesrepublik? Antworten auf diese und andere Fragen gibt die Wanderausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU).

Das Gut Neuhof nahe des Ratzeburger Sees lag hart an der Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg auf DDR-Gebiet. Es wurde 1977 geschleift. Die Aufnahme vom Dezember 1970 zeigt einzelne Häuser des Gutshaus in unmittelbarer Nähe zu den Sperranlagen und Wachtürmen der DDR von der Westseite aus gesehen. Quelle: N.N.

Konkrete Fälle aus der Region

Sie dokumentiert, wie durch Überwachung, Bespitzelung und Unterdrückung von Menschenrechten die Macht der Staatspartei SED in der DDR gesichert wurde. Die Ausstellung bietet auch Informationen zur Stasi-Überwachungstätigkeit in Schleswig-Holstein und der Region Ratzeburg.

So standen in Schleswig-Holstein vor allem militärische, wirtschaftliche und politische Einrichtungen im Blick, aber auch die innerdeutsche Grenze. Ein besonders krasses Beispiel stellt der Fall „Michael Gartenschläger“ dar.

Spezialkommando erschoss Gartenschläger

1971, nach zehn Jahren politischer Haft in der DDR, kam Michael Gartenschläger durch Freikauf in den Westen. Auch von der Bundesrepublik aus leistete er Widerstand gegen das SED-Regime und half als Schleuser DDR-Flüchtlingen über die Grenze. So blieb er im Visier der Stasi.

1976 fasste er den lebensgefährlichen Entschluss, Selbstschussanlagen von DDR-Grenzzäunen abzubauen. Zweimal gelang es ihm, Minen zu entfernen. Damit konnte er beweisen, dass die SED den Tod von Flüchtlingen bewusst in Kauf nahm – etwas das sie stets geleugnet hatte. Beim dritten Versuch, in der Nacht zum 1. Mai 1976, erschoss ihn ein Stasi-Spezialkommando an der Grenze zwischen Leisterförde/Bezirk Schwerin und Bröthen/Schleswig-Holstein.

Auch Kundschafter in Ratzeburg

Der Stasi gelang es sogar in großem Umfang, Bundesbürger zur Spionage für die DDR zu gewinnen. Diese „Kundschafter“ der Stasi waren auch im Kreis Herzogtum Lauenburg aktiv. Hierzu zählte der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) „Harald Wallis“, der für die Lübecker Nachrichten arbeitete und nach Bekanntwerden seiner Stasi-Tätigkeit sofort gekündigt wurde. In den 1970er und 1980er-Jahren war sein Auftrag die „Aufklärung des gegnerischen Regimes“. Sein Ziel: Bundesgrenzschutz, Polizei und Verwaltung. „Harald Wallis“ fotografierte Gebäude und Veranstaltungen, schrieb Berichte und übergab das Material an die Stasi. Dazu war er auch immer wieder in Ratzeburg aktiv.

Eine Ramme schlägt im Februar 1962 Pfähle zur Uferbefestigung in den Boden der Wakenitz bei Rothenhusen. An der alten Holzbrücke zur DDR-Seite warnt ein Schild des Bundesgrenzschutzes "Halt! Zonengrenze". Im Hintergrund der Ratzeburger See Quelle: Hans Kripgans

Wanderausstellung seit zehn Jahren unterwegs

Die Ausstellung selbst wird im Ratssaal des Ratzeburger Rathauses zu sehen sein. Hier gibt es „Stellwände mit Lichtleisten sowie Dokumente und Fotos, die über die Arbeitsweise der Stasi informieren“, erklärt Dagmar Hovestädt, Leiterin der Pressestelle beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Diese (einzige) Wanderausstellung ist seit mittlerweile zehn Jahren vor allem in Westdeutschland „unterwegs“, durchschnittlich in sechs bis acht Städten pro Jahr. In diesem „Jubiläumsjahr“ geht es durch Kommunen entlang der damaligen Grenze. Zuletzt gastierte die Ausstellung im vergangenen Herbst in Bayreuth. Nach Ratzeburg wird sie in Wolfsburg präsentiert.

Geschulte Mitarbeiter des BStU bieten an bestimmten Terminen Führungen an (siehe Beistück). Die Anmeldung geht allein über die Berliner Behörde, nicht über das Rathaus selbst.

Joachim Strunk

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