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Lauenburg Sterley: Gemüse anbauen für 100 Nachbarn
Lokales Lauenburg Sterley: Gemüse anbauen für 100 Nachbarn
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12:46 06.04.2019
Ackern für Mitglieder der solidarischen Gemeinschaft: Regina Thomsen und Hans Hümpel. Quelle: FLORIAN GROMBEIN
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Sterley

Wie wäre es, wenn man einen Mitgliedsbeitrag nicht nur für das Fitnessstudio oder das Abo des Pay-TV-Senders zahlen würde, sondern auch für frisches Gemüse? So einen Club wollen Hans Hümpel und Regina Thomsen jetzt gründen. Ihre solidarische Landwirtschaft („SoLaWi“) lädt Interessierte am Freitag zu einem Informationsabend. Doch was unterscheidet das Gemüse aus Sterley vom Gemüse aus dem Supermarkt?

Ab Juni können zunächst 50 Mitglieder den lokalen Anbau von Gemüse finanzieren und dafür ohne Pestizide und Mineraldünger gezogenes, saisonales Gemüse, das frei von Gentechnik ist, bekommen. Langfristig gibt es Kapazität für über 100 Mitglieder. So weit das Versprechen. Damit gehören sie in Schleswig-Holstein zu einer Hand voll Betrieben mit ähnlichem Konzept. Weltweit allerdings nimmt die Idee immer mehr an Fahrt auf. Denn immer mehr Menschen wollen sich besonders gesund ernähren. Und dieses Konzept kommt dabei an.

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Bundesweiter Trend

Die erste solidarische Landwirtschaft in ganz Deutschland war laut Regina Thomsen der Buschberghof im lauenburgischen Fuhlenhagen.

Landesweit gibt es eine Reihe von Höfen, die sich der solidarischen Landwirtschaft im Netzwerk „SoLaWi“ verschrieben haben: Neben Fuhlenhagen den Hof Hollergraben in Schönwalde am Bungsberg, die „SoLaWi“ „Wilde Kost“ in Blunk, die „Schinkeler Höfe“ in Schinkel, der Kattendorfer Hof im Kreis Segeberg oder etwa die Gemeinschaft „Junges Gemüse“ im stormarnschen Zarpen. In Planung sind „Jord“ in Sterley und der Gärtnerhof in Wanderup sowie der Krumbecker Hof in Stockelsdorf. 32 Betriebe sind laut Homepage des Netzwerks bundesweit in der Gründungsphase.

Alle Höfe finden Sie unter www.solidarische-landwirtschaft.org

Samenfeste Sorten ohne Gentechnik

„Wir verwenden Samenfeste Sorten ohne Gentechnik. Wir können reif ernten und dadurch schmeckt es besser“, sagt Regina Thomsen. Im Gegensatz zu dem Gemüse, das noch weit transportiert werden muss und deshalb vor der wohlschmeckenden Reife geerntet und gelagert werde, wollen die beiden Gründer von Woche zu Woche Stück für Stück ernten. Die Kunden können Salat, Tomaten, Karotten, Bohnen oder etwa Paprika quasi wachsen sehen und sich einmal in der Woche aus dem aktuellen Angebot bedienen. Das Konzept mache jedoch nur Sinn, wenn die Mitglieder nicht viel weiter als 20 Kilometer entfernt wohnten.

Die solidarische Landwirtschaft in Sterley sucht Mitglieder, die den lokalen Anbau von Gemüse finanzieren.

Ein Jahresabo für Gemüse

Es soll Abo-Angebote für ein Jahr geben. Single-Kisten mit zwei Kilogramm Gemüse pro Woche sollen 30 Euro pro Monat kosten. Die Pärchen-Kiste mit drei Kilogramm schlägt mit 55 Euro pro Monat zu Buche und eine Familien-Kombi-Kiste mit sechs Kilo Gemüse soll 80 Euro kosten. Derzeit ist der Putz- und Abholraum inklusive Kühlhaus noch im Bau. Aber ab Juni sollen die Mitglieder sich dort selbstständig und allein bedienen können. Drei verschiedene vom Hof zusammengestellte Kisten stehen dabei jeweils zur Auswahl. „Das Konzept beruht auch auf Vertrauen“, sagt Hümpel. Und er bemerkt, dass es für die Mitglieder natürlich im Februar keine Tomaten geben wird. Über ähnliche Betriebe im Umland soll die Versorgung mit Kartoffeln und Schafsfleisch zusätzlich angeboten werden.

60 bis 80 Quadratmeter Anbaufläche benötige man, um ein Mitglied das gesamte Jahr hindurch mit Gemüse zu versorgen. 6000 Quadratmeter stehen im Betrieb zur Verfügung. Ein Raum für die Anzucht von Setzlingen, zwei Gewächshäuser und 2000 Quadratmeter Beete unter freiem Himmel sind außerdem vorhanden. Im Juni soll der Betrieb dann voll durchstarten. Hümpel und Thomsen brennen für ihren Betrieb. Das merkt man sofort. Alles sei sehr spannend. Er betreibt seit Langem einen Holzhof und führt seit 45 Jahren eine konventionelle Landwirtschaft. Sie ist Sonderpädagogin, die aus eine Gärtnerfamilie kommt. Und woher kommt die berufliche Neuorientierung auf der Schwelle zum Ruhestand?

Wertvolle Erde erhalten

„Das Umdenken ist ein Lernprozess“, sagte Hümpel. Er verurteile die konventionelle Landwirtschaft nicht, denn auch er habe Pflanzenschutzmittel gespritzt. Und er glaubt, auch sein Konzept kann genau wie Bio-Landwirtschaft nicht die gesamte Bevölkerung umweltschonend ernähren. Und reich werde man mit dieser Idee auch nicht. Aber: „Die Mitglieder können bei uns intensiv erkennen, dass wir von der Natur leben“, sagt Regina Thomsen. In jeder Hand voll Erde steckten mehr Mikroorganismen als im menschlichen Körper. Und dieses wertvolle Gut wollen sie mit ihrem Anbaustil erhalten. Dieses Prinzip steckt auch im Namen der solidarischen Landwirtschaft „Jord“ aus Sterley. „Jord heißt auf Schwedisch Erde“, sagt Thomsen und lächelt.

Das Informationstreffen findet am Freitag, 5. April, um 17 Uhr im Seminarraum des Naturparkzentrums „Uhlenkolk“ in Mölln statt.

Florian Grombein