Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Streit um den geordneten Waldumbau im Lauenburgischen
Lokales Lauenburg Streit um den geordneten Waldumbau im Lauenburgischen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:40 30.06.2019
Die Lauenburgischen Kreisforsten bemühen sich um einen nachhaltig bewirtschafteten Wald. Entnommen werden soll nur so viel Holz, wie auch nachwächst. Hier begutachten Revierförster Jan Stäcker, Henner Niemann (Leiter der Kreisforsten) und Forstwirt Peter Huchthausen einen Eichenstamm. Neben Laubholz gehört auch Nadelholz wie Fichten zum Angebot. Allerdings wird der Wald in einem über Jahrzehnte dauernden Prozess geordnet umgebaut. Quelle: Holger Marohn
Ratzeburg

Die Kreisforsten werden zum Schutz des Waldbestandes als letztes Mittel auch Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen. Einen Antrag der Kreisgrünen auf einen grundsätzlichen Verzicht von Insektiziden in den Kreisforsten lehnte der Kreistag ab. Zuvor hatte dass das unter Aufsicht des Grün geführten Umweltministeriums stehende Landesamt dies als „ultima ratio“ angeordnet. Ein Unterlassen würde laut Landrat Dr. Christoph Mager gegen das Landeswaldgesetz verstoßen.

Verzicht auf Gift als „ultima ratio“ wäre gesetzeswidrig

„Wozu beschäftigen wir hier in der Kreisverwaltung eigentlich Fachleute, wenn das alles von der Politik infrage gestellt wird“, sagte FDP-Kreistagsabgeordnete Judith Gauck während der Sitzung. Zuvor hatte Kornelia Mrowitzky den Antrag für die Grünen eingebracht und unter anderem auf die von den eingesetzten Giften ausgehenden Gefahren auch für kommende Generationen gewarnt.

In den Kreisforsten als FSC-zertifiertem Wald sei ein Einsatz von Giften grundsätzlich untersagt, es sei denn, eine übergeordnete Behörde habe dies angeordnet. Dies sei durch das LLUR geschehen, beschrieb Mrowitzky die Grundlage der Situation. Dennoch sei der Einsatz von Insektiziden aus Sicht der Grünen nicht zu akzeptieren. Denn er finde zu einer Zeit statt, in der weltweit ein erosionsartiges Artensterben zu verzeichnen sei. Wenn man es mit Artenschutzprogramm und Biodiversitätsstrategien ernst meine, müsse man auch handeln und in Kauf nehmen, dass kleinere Fichtenflächen vorübergehend kahl fallen. Auf den Flächen würden dann neue und stabilere Mischwälder entstehen. Der „Patient Fichtenwald“ als Monokultur liege auf der Intensivstation und würde nur mit einem immensen Aufwand am Leben erhalten, so Mrowitzky.

Vom Landrat kam Widerspruch. „Einem Beschluss, sollte er so gefasst werden, müsste ich widersprechen“, sagte Landrat. Denn die Umsetzung des von den Grünen beantragten Vorgehens wäre gesetzeswidrig. Laut Paragraf 22 Landeswaldgesetz heiße es: „Wird der Wald in erheblichem Umfang von Schadorganismen bedroht oder befallen, ist die waldbesitzende Person verpflichtet, in erforderlichem Umfang nach den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes anerkannt wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dabei ist präventiven Waldbaumaßnahmen der Vorrang einzuräumen.“

Hier gibt es ein Video zum Holzeinschlag in den Kreisforsten im Revier Borstorf

Man respektiere die Auffassung der Verwaltung, halte jedoch am Antrag fest, da es um etwas Grundsätzliches gehe. Den begrenzten Einsatz von Insektiziden aufgrund der besonderen Situation bezeichneten die Grünen als „Paradigmenwechsel hin zur Agrarchemie“. Der Borkenkäfer beende nun eben schneller als geplant den Umbau des Waldes.

SPD: „Das kann man nicht alles einfach so liegenlassen“

Der Landrat relativierte in der Sitzung das von den Grünen vorgebrachte Argument, dass man in den Kreisforsten auch in den vergangenen 20 Jahren ohne den Einsatz von Pestiziden ausgekommen war. Den Vorwurf des Paradigmenwechsels wies Landrat Mager jedoch entschieden zurück. In der Vergangenheit sei es nicht erforderlich gewesen, auf den Paragrafen der „Ultima Ratio“ des Landeswaldgesetzes zurückzugreifen. Doch diesmal sei es so.

Weitere Artikel zum Thema

Hier finden Sie weitere Artikel zum Thema Kreisforsten:

Kreisforsten mit Überschuss

Sturm und Regen verderben die Holzernte

Methusalem soll alte Eichen schützen

Der Kreis macht Kasse im Wald

Lauenburgischer Ökowald ist bundesweit Vorbild

Auch die SPD konnte sich der Auffassung der Grünen nicht anschließen. Natürlich sehe man den Einsatz von Insektiziden kritisch. Aber angesichts der massiven Schäden durch Trockenheit und Sturm sowie den Borkenkäfer „könne man nicht so tun, als ob man das einfach so liegen lassen könne“, sagte Bernward Peterburs (SPD), Kreistagsabgeordneter und Mitglied des Forstausschusses. Wenn man das wolle, müsse man einen Wechsel von einem natürlichen Wald zu einem Naturwald beantragen. Doch das hätte weitreichende Folgen.

Waldbesitz bedeutet Verantwortung

Ingo Westphal (CDU) wurde noch deutlicher. „So sehr ich die Zusammenarbeit im ehemals Betriebsausschuss und jetzt Forstausschuss und ihr persönliches Engagement schätze, so vehement muss ich für die Ablehnung des Antrages plädieren“, sagte der erfahrene Kommunalpolitiker in Richtung Mrowitzkys. „Und ehrlich gesagt, hatte ich beim Lesen des Antrages den Eindruck, dass die letzten beiden Sitzungen des Ausschusses nicht stattgefunden hätten.“ Viele Fragen seien dort bereits schlüssig beantwortet worden.

Die Kreisforsten sind inzwischen wieder in die Verwaltung integriert. Quelle: Florian Grombein

Die Kreisforsten seien ökologisch, erholungstechnisch aber auch ökonomisch ein großer Wert für den Kreis. Der Kreis erhalte regelmäßig Beträge aus der Bewirtschaftung der Kreisforsten, zuletzt mehr als eine halbe Million Euro. Dieses von vorangehenden Generationen aufgebaute, gepflegte und weiterentwickelte Vermögen sorge auch für eine gewisse Verantwortung. Forst sein kein Tagesgeschäft, und auch denke man nicht in Wochen oder Monaten. Der historische Grund für die derzeit noch vorhandenen großen Fichtenbestände seien die Aufforstungen der Kahlschläge nach dem Krieg.

Umbau des Waldes läuft bereits

Um auch weiterhin eine regionale Versorgung mit Bauholz sicherzustellen, sei es wichtig, auch zukünftig Nadelholz im Angebot zu haben. Das habe auch etwas mit ökologischer Verantwortung zu tun. „Ich kenne nicht viele Dachstühle, die aus Buchenholz gebaut sind“, so Westphal. Bei der Bekämpfung des Borkenkäfers gebe es ein dreistufiges Verfahren, wie damit verantwortungsvoll umgegangen werde. Auch den von den Grünen vorgetragenen Hinweis auf Vorgehen im Saarland wies Westphal als nicht vergleichbar zurück.

Auch fachlich bekommen die Grünen Gegenwind. So sei der von den Grünen geforderte Waldumbau längst nicht nur in vielen Revieren bereits in vollem Gang oder sogar abgeschlossen, sondern wäre auf den von den Grünen in Kauf genommenen Kahlflächen sehr viel schwieriger umsetzbar. Ohnehin dauere der Umbauprozess, bei dem andere Bauarten „beschirmt“ von den vorhandenen Fichten nachwachsen würden Jahrzehnte, sagt Henner Niemann, Leiter der Kreisforsten.

Kreis lädt zum Waldsymposium

Und eine Fichte sei nach etwa 60 bis 80 Jahren hiebreif, also erntereif, wenn sie optimal weiterverwertet werden solle. Und gerade aus Klimaschutzgründen sei eine Verwertung entsprechend alter Bäume unter anderem als Bauholz, bei der das mit Holz gebundene Kohlendioxid auch dauerhaft gebunden bleibe, gegenüber einer vorzeitigen Verwertung zu bevorzugen.

Im Gegensatz zur AfD, die ihren Antrag zur Windkraft nach Hinweis auf eine Rechtswidrigkeit im Falle eines Beschlusses zurückzog, beharrten die Grünen auf ihrem – später abgelehnten – Antrag. Sie wollen die Grundsatzdebatte, eine Zielsetzungsdiskussion für den Wald. Die wird es am kommenden Donnerstag, 4. Juli, geben. Dort haben Fachleute aus der Forstwirtschaft beim Lauenburger Waldsymposium das Wort (Beginn 10 Uhr, Aula der Gelehrtenschule Ratzeburg).

Die Experten

Prof. Dr. Hermann Spellmann ist langjähriger Direktor der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Er ist bekannt für herausragende Leistungen im forstlichen Versuchswesen. Unter anderem ist er auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates für Waldpolitik des BMEL und Vizepräsident des Deutschen Verbandes Fürstlicher Versuchsanstalten.

Prof. Dr. Christian Ammer ist Professor für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Georg-August-Universität Göttingen. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Forstliche Bewirtschaftungsintensität und Biodiversität, Naturnaher Waldbau und waldbauliche Möglichkeiten zur Anpassung von Waldbeständen an den Klimawandel.

Dr. Dominik Jochem ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Thünen-Institut für Waldwirtschaft und Forstökonomie. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen der Holzwirtschaft.

Dr. Lydia Rosenkranz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thünen-Institut für Waldwirtschaft und Forstökonomie. Sie ist unter anderem Ansprechpartner für die Waldgesamtrechnung der Bundesrepublik Deutschland und hat zu diesem Thema bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

Prof. Dr. Michael Müller ist Professor für Waldschutz, Waldökologie und Holzschutz an der Technischen Universität Dresden und der Universität Rostock und hat bereits zahlreiche Forschungsprojekte und wissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesen Themen ausgearbeitet.

Moderiert wird das Waldsymposium von Prof. Dr. Volker Dubbel. Er ist Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen. Er forscht unter anderem auf dem Gebiet des naturgemäßen Waldbaus und ist mit der Moderation von Beteiligungsprozessen vertraut.

Holger Marohn

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Spurensuche nach dem großen Expressionisten, der vor 100 Jahre einige Wochen am Ratzeburger See verbrachte

29.06.2019

Eine ganze Reihe von Bränden auf Bauernhöfen hatte die Einsatzkräfte seit November in Atem gehalten. Jetzt konnte die Polizei einen 51-Jährigen nach einem neuerlichen Brand in Kühsen schnappen. Er wurde noch am Sonnabend einem Haftrichter vorgeführt.

29.06.2019

Ein Wettbewerb unter Architekten soll die beste und möglichst kostengünstigste Variante für den Neubau des Hallenbades Aqua Siwa ermitteln. Aber was wollen oder brauchen die künftigen Nutzer?

27.06.2019