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Lauenburg Süßes Heilmittel aus der Nadelspitze
Lokales Lauenburg Süßes Heilmittel aus der Nadelspitze
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17:26 26.05.2015
20 bis 30 Kilo Tannenspitzen kann ein geübter Pflücker pro Tag ernten. Aus dem 160 Hektar großen Waldgebiet in Albsfelde holen Solle, Kiefer und seine Mitarbeiter mehr als eine Tonne Fichtenspitzen heraus, aus denen sie wiederum etwa 12 000 Einheiten (Gläser) Sirup produzieren. Quelle: Strunk
Albsfelde

Der Anblick hat etwas Skurriles an sich: Da steht ein baumlanger Kerl im blauen Kapuzenshirt mit Brille und Backenbart im sonnendurchfluteten Wald von Albsfelde vor einer nicht ganz so hohen Rotfichte, zupft flink die hellgrünen Triebe von den Zweigspitzen ab und lässt sie in ein um den Bauch gebundenes weißes Eimerchen gleiten. — Was macht der da?

Jan Solle erntet Fichtenspitzen. Drei Wochen lang, von Ende April bis Ende Mai, ist „Erntezeit“ im Wald. Dann schlagen die Tannen und Rotfichten aus, an ihren Zweigen sprießen zarte, weiche, frisch-grüne Triebe.

„In diesen Spitzen befindet sich Treibharz, das im Gegensatz zum schweren, klebrigen Baumharz eher flüssig oder wässerig ist“, erklärt der Zwei-Meter-Mann Solle (41). Diese Ingredienz machen die Fichtentriebe zu einer Heilpflanze, von der schon die Universalgelehrte Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert berichtete. Vor allem den berufsbedingt an der Lunge erkrankten Blaufärbern in Süddeutschland halfen die zu Sirup verarbeiteten Fichtenspitzen und bereiteten ihnen Linderung. Neben ätherischen Ölen weisen die Spitzen eine bis zu siebenfache Vitamin-C-Konzentration von Zitronen auf.

„Ich habe diesen ,Tannenhonig‘ vor etlichen Jahren im Schwarzwald kennen gelernt“, erzählt Solle. Dort half er seinem Studienkollegen Andreas Kiefer auf dessen elterlichen Hof. „Zum Frühstück gab‘s frische Brötchen, selbst gemachte Butter und den Tannenhonig.“ Die Zubereitung dieses Sirups geriet dort schon langsam in Vergessenheit, so dass sich die beiden Ingenieursstudenten — zurück am Studienort Flensburg — entschlossen, sich dieses Projektes anzunehmen.

„Wir haben mit ein paar Gläsern angefangen, haben uns Messgeräte wie Waagen und Thermometer, Gefäße, Siebe und Filter besorgt und dann die gesammelten Fichtenspitzen aufgekocht und gesiedet“, bis sie die richtige Konsistenz gefunden hatten.

„Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis uns für den Sirup die Verkehrsfähigkeit als Lebensmittel bescheinigt wurde“, sagt Solle, der im Hauptberuf als Ingenieur bei einer großen Hamburger Reederei arbeitet. Sein Freund, Studienkollege und Kompagnon Andreas Kiefer (36) ist bei Airbus in Hamburg beschäftigt und kann erst am Wochenende nach Albsfelde kommen, um bei der Ernte zu helfen.

„Anfangs haben wir in der Geltinger Bucht an der Flensburger Förde gesammelt“, berichtet Solle. Doch dann kam der Kontakt zu Eckhard Kropla, Revierförster in Behlendorf des Stadtwaldes Lübeck, zustande. Der bot ihnen die „Albsfelder Tannen“ als Erntegebiet an.

Mit 160 Hektar ist dieser Wald 100 mal so groß wie der an der dänischen Grenze. Zudem ist er biozertifiziert — entsprechend hat auch der Tannenspitzensirup von Solle und Kiefer (Firmenname:

„Sonnenkiefer“, www.sonnenkiefer.de) das Bio-Label und wird durchweg über Bio-Läden wie Landwege, Mutterland und Denn‘s Biomarkt vertrieben, ist aber auch in einzelnen Citti- und Edeka-Märkten erhältlich. Das Produkt ist laut Solle „absolut vegan, selbst die Gummierung der Etiketten! Außerdem glutenfrei und ohne Konservierungsstoffe, nur Fichtenspitzen, Wasser und Fructose, also Fruchtzucker“. Aufgrund der Nähe zur Erntefläche „bemühen wir uns, jetzt auch im Lauenburgischen unseren Sirup in Bauern- und Hofläden wie etwa in Fredeburg anzubieten“, sagt Solle, ehe er beim Pflücken einhält.

Ole Kropla, Sohn des Försters, und Sebastian Mannes aus Kühsen kommen mit gefüllten Zehn-Liter-Eimern zurück. Sie sind nur zwei der rund 30 Schüler und Studenten, die Solle und Kiefer bei der Ernte helfen und sich in den drei Wochen etwas dazuverdienen. Eine Knochenarbeit ist es nicht, die Leute wirken entspannt und gelassen. Und auch Solle genießt die Zeit im Wald. „Ich hab jetzt Urlaub. Aber das macht mir hier riesigen Spaß“, spricht‘s und wendet sich gemächlich der nächsten Tanne zu.

Joachim Strunk

Variantenreiche, fast vergessene Köstlichkeit

Die dünnflüssige Variante ist eine von drei verschiedenen Sirup-Produkten: Sie eignet sich vor allem als Süßungsmittel mit dem Geschmack von Tannen und einer Zitronennote.

Der streichzarte gold-braune Sirup kann pur aufs Brot oder zum Backen, Marinieren oder Veredeln von Speisen genutzt werden.

Zum feincremigen Schaum wird der Sirup, wenn er länger gesotten und dabei permanent gerührt. Der „Zapfenstreich“ wird zudem mit hochwertigem Kaffee veredelt und wirkt wie ein Muntermacher am Frühstückstisch.

Tannentau lautet der Name eines 32-prozentigen aufgesetzten Likörs. Und „Hops & Needles“ ist eine Art Bier, bei dem drei Hopfensorten mit dünnflüssigem Sirup verfeinert werden.

Pinecco ist die jüngste Kreation. Ähnlich wie beim „Hugo“ (mit Holunderblütensirup) wird Sekt oder Prosecco mit Tannenspitzensirup aufgepeppt.

LN