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Lauenburg Urlaub von der Obdachlosigkeit in Bäk
Lokales Lauenburg Urlaub von der Obdachlosigkeit in Bäk
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16:04 21.03.2019
Obdachlose in Bäk: Normalerweise leben sie in Hamburg auf der Straße. Die 20  Mann starke Gruppe genoss dabei auch den Blick auf Ratzeburger See und Dom. Quelle: NDR/Julian Amershi, honorarfrei
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Ratzeburg

Wer auf der Straße lebt, nicht weiß wo er morgen schläft und ob der Magen am Abend leer oder voll ist, denkt normalerweise nicht an Urlaub. Um so außergewöhnlicher ist dabei ein Projekt der Obdachlosenhilfe TAS der Hamburger Diakonie: 20 Obdachlose dürfen einmal im Jahr Urlaub am Ratzeburger See machen. Das spannende Projekt in Bäk wurde vom NDR begleitet. Die Reportage dazu läuft Freitagabend.

Verwandlung am Ratzeburger See

„Wir sind einfach nur Obdachlose – keine Penner“, sagt Werner Hermann. Eben noch stand er mit einer Flasche Bier in der Hand im Hamburger Schanzenviertel. Nun sitzt er im Zug und am Fenster verwandeln sich Industriegebiete langsam in Felder und Wiesen. In der Reportage der NDR-Reporter Marie Löwenstein und Julian Amershi gibt der Obdachlose, während er völlig aus seinem Trott gerissen wird, überraschende Einblicke in sein Leben. Mitten am Ratzeburger See, im Freizeithaus Bäk, verwandeln er und seine Kollegen sich äußerlich und innerlich. Sein Kumpel Jacky alias Josef Mayer rasiert nicht nur seinen ungepflegten Bart ab, sondern schafft es auch, trotz Entzugserscheinungen seinen Alkoholkonsum einzuschränken. Wer auf der Reise nicht auf Hochprozentiges verzichten kann, wird nach Hause geschickt. Und Alkoholprobleme hat so ziemlich jeder aus der Gruppe.

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Reportage „Urlaub von der Straße – Die Obdachlosenreise“

Das NDR Fernsehenzeigt die Reportage „Urlaub von der Straße – Die Obdachlosenreise“ über das ungewöhnliche Experiment aus Hamburg, das an den Ratzeburger See führt, am Freitag, 22. März, um 21.15 Uhr.

Die Zuschauer mit Ortskenntnis werden dabei einige Orte wiedererkennen. Gedreht wurde der etwa 30 Minuten lange Film im Juni 2018 in Hamburg, der Regionalbahn und natürlich in Ratzeburg und Bäk.

 

Das Freizeithaus, in dem die Obdachlosen wohnten, gehört der Evangelisch-reformierten Kirche in Hamburg.

„Augen auf und Flasche an den Hals. Auf der Straße musst Du trinken“, offenbart Werner Hermann, als ihm nach einem Wanderausflug durch die Wälder Bäks die Puste ausgeht. Der Kontrast zwischen dem Leben auf der Straße und den Wanderungen und Radtouren der von Kälte und Regen gezeichneten Männer im Lauenburgischen kommt in der Reportage nicht nur in den Bildern zum Ausdruck. Auch das Verhalten der Männer ändert sich, sobald der Konkurrenzkampf auf der Straße beendet ist.

Zahl der Obdachlosen hat sich fast verdoppelt

Etwa 2000 Obdachlose leben laut Reportage derzeit in Hamburg. Sie führen ein Leben, das von Gewalt, Drogen, Kälte und Konkurrenz um die täglichen Dinge des Lebens geprägt ist: Für die Protagonisten des Films sei jeder Tag ein zermürbender Überlebenskampf. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Obdachlosen in Hamburg fast verdoppelt, rechnen die Autoren vor. Jacky und Werner versuchen zusammenzuhalten, denn die Konkurrenz um die täglichen Dinge des Lebens wird immer härter. Und sie erklären, wie sie auf der Straße gelandet sind. Bei Werner ist das eine schockierende Geschichte. „Gerade diese Menschen brauchen mal eine Auszeit von ihrem belastenden Alltag“, sagt der Sozialarbeiter Uwe Martiny, der die Reise begleitete. In der Ruhe der Natur sollen sich die Obdachlosen für eine Woche lang geistig und körperlich erholen können und Kraft tanken, vielleicht sogar für einen Neuanfang. Beim Lagerfeuer am See mit Blick auf den Dom oder in der Küche des Freizeithauses erinnern die Protagonisten sich zunehmend an alte Leidenschaften, die im harten Alltag auf Großstadtstraßen keinen Raum finden.

Im Alltag wird auf sie herabgeblickt

„In ihrem Alltag wird auf sie oft herabblickt und sie müssen betteln gehen. Dort hatten sie ein eigenes Zimmer, dort sind sie Gäste“, sagt NDR-Reporter Julian Amershi. Natur und Ruhe seien Luxus, den es auf der „Platte“ in der Großstadt nicht gebe. Die Reiseteilnehmer hätten das als etwas Kostbares empfunden. „Wir haben die Reise extra im kleinen Team begleitet, um Hemmschwellen gegenüber der Presse abzubauen“, berichtet Marie Löwenstein, von der die Idee stammt, die Obdachlosenreise zu begleiten. Weil die Reporter über mehrere Tage zusammen unter einem Dach mit den Obdachlosen verbracht haben, ist ihnen ein seltener Einblick gelungen. „Die Teilnehmer werden immer zugänglicher und hilfsbereiter. Wir haben normale Menschen kennengelernt, die einfach nur Pech hatten“, sagt Marie Löwenstein. Das habe sie am meisten berührt.

Großteil der Obdachlosen kommt aus Osteuropa

Man lernt auch die anderen Teilnehmer der Reise kennen, die fast alle Osteuropäer sind. Ein Spiegelbild der Realität, denn ein Großteil der Obdachlosen auf deutschen Straßen stamme mittlerweile aus Ländern wie Polen, Rumänien oder Ungarn. Die meisten kommen auf Arbeitssuche und stranden irgendwann auf der Straße, erzählt die Betreuerin Ellen Debray im Film. Sie habe ständig mit dem Elend auf Hamburgs Straßen zu tun. Auf der Reise lernte sie ihre Klienten von einer anderen Seite kennen – als humorvoll, hilfsbereit und freundlich. Und für einige Teilnehmer könnte die Reise sogar der Schritt in ein neues Leben sein. Doch wie, wird erst am Ende der Reportage verraten.

Florian Grombein

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