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Lauenburg Villa von Roger Willemsen ist ein Künstlerhaus
Lokales Lauenburg Villa von Roger Willemsen ist ein Künstlerhaus
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08:48 22.12.2018
Die Villa Willemsen in Wentorf b. Hmb., von dem Künstler nur gut ein halbes Jahr lang bis zu seinem Tod bewohnt, liegt malerisch am Hang und diente einst als Kinderheim. Quelle: Matthias Wiemer
Wentorf/Hmb

 Der Anlass war bestürzend, der Zweck ist ein sehr guter, der Geist ein besonderer. Gedanken, die dem Besucher durch den Kopf gehen mögen, wenn er die noble Adresse Am Mühlenteich 10 in Wentorf bei Hamburg aufsucht. Die Villa Willemsen existiert als Künstlerhaus ein gutes halbes Jahr und ist schon jetzt ein kleiner Wallfahrtsort für Menschen, für die der Literat, Journalist, TV-Moderator, Humorist und Essayist Roger Willemsen ein Begriff war. Eindrücke eines Besuchs.

Ein großes Bildnis von Roger Willemsen hängt in der Diele der Villa. Quelle: Matthias Wiemer

Wie viele inspirierende Momente hätte der für seine Arbeitswut und seine Produktivitätslust bekannte Künstler an diesem Ort haben können. Tatsächlich waren es nicht viele, denn die Geschichte von Roger Willemsen und seiner Traumvilla vor den Toren Hamburgs mutet wie der Plot für ein Filmdrama an: Einen Tag nach dem Erwerb des schönen Hauses in traumhafter Lage erfuhr der im Jahr 2015 erst 60-Jährige von seiner Krebserkrankung. Die soweit fortgeschritten war, dass er jeden Gedanken an irgendeine Form von Zukunft verlieren musste. Nicht einmal ein Jahr danach verstarb Willemsen. „Er hatte sich eigentlich vorgenommen, noch wenigstens einen Jahreszeitenzyklus in seinem neuen Domizil zu erleben, aber die Krankheit war schneller.“

Ein Rundgang durch die Villa, die einst Kinderheim war, und von Roger Willemsen nur ein halbes Jahr bis zu seinem Tod bewohnt wurde.

Stätte der Kunstförderung

Die das sagt, war fast 20 Jahre lang bis zuletzt beruflich an der Seite Willemsens. Und bleibt es gewissermaßen. Julia Wittgens ist heute Vorstand der Roger Willemsen Stiftung, die das Haus kaufte und daraus im Mai dieses Jahres die Villa Willemsen kreierte. Eine Stätte der Kunstförderung, ein Ort für schöpferisches Tun mit dem Schwerpunkt Literatur. Hier arbeiten und lernen Stipendiaten, erleben Besucher Vorträge, Lesungen, Musik. Und überall in den trotz der kurzen Verweilzeit von Willemsens Kunstverständnis geprägten Räumen des großzügigen Hauses ist der Geist dieser intellektuellen Ausnahmeperson zu spüren.

Künstler, Journalist, Moderator

Roger Willemsen (15. August 1955 – 7. Februar 2016) zählte zu Deutschlands bekanntesten und beliebtesten Intellektuellen. Er war Autor, Publizist, Moderator, Produzent und leidenschaftlicher Förderer aller Ausdrucksformen von Kunst und Kultur.

Geboren wurde Roger Willemsen in Bonn. Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in seiner Heimatstadt, in Florenz, München und Wien. 1984 promovierte er über die Dichtungstheorie Robert Musils. Fortan arbeitete Roger Willemsen als Schriftsteller und Journalist. Er führte über 2 000 Interviews, prägte das Fernsehen und die deutschen Bühnen, er machte Radio und schrieb Bücher, die fast ausnahmslos zu Bestsellern wurden. Roger Willemsen hinterlässt ein einzigartiges künstlerisches und intellektuelles Werk.

(Quelle: Roger Willemsen Stiftung)

Der Weg zum Eingang führt leicht verschlungen bergan, an voluminösen Rhododendronbüschen entlang. Annette Schiedeck öffnet. Die selbst künstlerisch tätige Hausleiterin strahlt eine Freundlichkeit aus, die gut mit dem stets aufgeschlossenen Gesichtsausdruck des einstigen Eigners korrespondiert. Zusammen mit Julia Wittgens führt sie durch das Haus. In der 1889 errichteten Villa, entworfen von dem renommierten Hamburger Architekten Martin Haller, scheint es nicht eine enge Nische zu geben, alles atmet Großzügigkeit. Auch das muss es wohl gewesen sein, was Willemsen vor gut drei Jahren auf Anhieb gefesselt hat. Einst liefen hier Mädchen und Jungen durch die Flure dieses als Kinderheim genutzten Gebäudes.

Auch nach der schrecklichen Nachricht, die das Wirken des Künstlers so abrupt beenden sollte, hielt den notorischen Frühaufsteher Willemsen nichts davon ab, noch so viel wie möglich dem Haus seinen Stempel aufzudrücken. Bilder, Skulpturen, meterlange CD-Sammlungen, Reiseerinnerungen und vieles mehr zeigen dem Besucher sofort, wer hier war, wer hier leben und arbeiten wollte.

Großer Freund der Jazzmusik

Die beiden Frauen gehen weiter, Annette Schiedeck öffnet eine Türe nach der anderen. Diele, Salon, offene Küche mit angrenzender Terrasse. Unwillkürlich hört man ein Stimmengewirr von angeregten Unterhaltungen vieler Gäste. Im Hintergrund Klänge von Miles Davis, Billie Holiday, Charlie Parker? Nicht wirklich, aber die Venylplattencover stehen ganz real auf einem langen Bord mit unzähligen Schallplatten und CDs – CDs, im Cloud-Zeitalter auch schon längst Vergangenheit.

Willemsen sei als medienwelterfahrener Mann einerseits modern und diesseitig, andererseits antiquiert altmodisch gewesen, erinnert sich Julia Wittgens. Er hatte kein Handy. Liebte das haptische Lesen in Büchern mit dem Geruch vieler Jahrzehnte und das Arbeiten mit Papier am Schreibtisch. Er mochte Stoffe aus fernen Ländern, die er sammelte und kreativ verarbeitete. So sind die Oberflächenmaterialien auf den breiten Sesseln der Bibliothek im Untergeschoss Willemsens Eigenkreationen.

Annette Schiedeck (Hausleitung, li.) und Julia Wittgens (Vorstand Roger Willemsen Stiftung) mit einem Buch von Roger Willemsen vor dessen umfangreicher Musiksammlung. Quelle: Matthias Wiemer

Viele Stunden verbrachte Roger Willemsen für sich am Schreibtisch, aber auch sehr viele Zeit in Gemeinsamkeit, die ihm wichtig war. Die Arbeit, das Gespräch mit Menschen war der Nukleus seines künstlerischen Schaffens. „Er hatte sich auch deshalb in dieses große Haus verliebt, weil er darin die Möglichkeit sah, hier immer wieder mit Freunden und anderen Künstlern zusammenzuarbeiten und sich austauschen zu können“, sagt Stiftungsvorstand Wittgens.

Im oberen Stockwerk lebt die Gegenwart; vielleicht ein bisschen die Zukunft, wie sie Roger Willemsen sie sich vorgestellt hatte. Die Stipendiatenwohnungen sind zum Teil bezogen, angehende und gestandene Künstlerinnen und Künstler arbeiten hier – im Sinne und wohl auch ein bisschen im Geiste des Mannes, der hier eigentlich aus seinem letzten Essay „Wer wir waren“ noch einen Roman machen wollte.

Noch einmal denken Julia Wittgens und Annette Schiedeck zurück: „Die Idee, die Villa zu einem Haus für die Förderung und Begegnung von Künstlern zu machen, kam ganz schnell durch die Leute vom mareverlag auf“, erinnert sich Julia Wittgens. Willemsen soll fast spontan Ja gesagt haben. Der Verlag erwarb nach seinem Tod in Abstimmung mit den Hinterbliebenen das Haus, die Stiftung und ein Förderverein wurden gegründet.

Der Besuch ist zuende, man hätte gerne noch länger verweilen mögen. Im Weggehen noch der Blick auf ein spätes großes Foto von Roger Willemsen im Kopf; mit ernstem, aber offenem und keineswegs verzweifeltem Blick. Irgendwie wird der Künstler dort weiterleben. In einem, seinem Haus, das für offene Gedanken, fruchtbare Gespräch, schrankenlose Kunst steht. Heute wichtiger denn je.

Matthias Wiemer

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