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Lauenburg Erster Rebschnitt für den zweiten Jahrgang
Lokales Lauenburg Erster Rebschnitt für den zweiten Jahrgang
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17:46 28.02.2019
Die ersten frühlingshaften Temperaturen nutzte Ratzeburgs Winzer Jörn Bovay, um seine knapp 100 Rebstöcke der Sorte Solaris zu beschneiden. Im vergangenen Herbst hatte er erstmals geerntet und letztlich 90 Flaschen exquisiten Weißweins abgefüllt, für die er von Ratzeburger Weinfreunden gelobt wurde.
Die ersten frühlingshaften Temperaturen nutzte Ratzeburgs Winzer Jörn Bovay, um seine knapp 100 Rebstöcke der Sorte Solaris zu beschneiden. Im vergangenen Herbst hatte er erstmals geerntet und letztlich 90 Flaschen exquisiten Weißweins abgefüllt, für die er von Ratzeburger Weinfreunden gelobt wurde. Quelle: Joachim Strunk
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Ratzeburg

Nach der Lese ist vor der Lese. Und die Grundlagen für eine reiche Lese im Herbst werden bereits mit dem Rebschnitt im Winter zuvor gelegt. Hier stellt der Winzer nicht nur die Weichen für die kommende Ernte, sondern er zeichnet auch die Wege seines Weins für die nächsten Jahre vor. Auch für Ratzeburgs ersten Weinbauern Jörn Bovay ist nun dieser Moment gekommen.

Vor drei Jahren hatte er seinen privaten Sonnenhang vor dem Haus am Ostufer des Küchensees mit 89 Rebstöcken bepflanzt. Und im vergangenen Jahr seine erste Ernte eingeholt. Mit Erfolg: 90 Flaschen edlen Weißwein der Sorte Solaris hat sie ergeben.

Am Osthang des Ratzeburger Sees wächst Wein – die Reben wurden jetzt beschnitten

Die vielen Sonnenstunden mündeten in einen „feinen Tropfen, der mit seinen 13 Prozent Alkoholgehalt für nördliche Lagen recht wuchtig daherkommt“, erklärt Bovay fachmännisch. Der Solaris 2018 erinnert ihn „geschmacklich an Anklänge von grünem Apfel und Pfirsich und verfügt über ein ausgeprägtes florales Bukett“.

Fast fünf Monate hatten die jungen Stöcke Ruhe, erholten sich über die mehr oder minder kalte Winterzeit. Angesichts der immer milderen Temperaturen, entschloss sich Bovay nun aber, die Voraussetzungen für eine neue gute Ernte zu schaffen.

Am besten über null Grad

„Das Jahr ist rum“, erklärt Bovay schlicht. Wenn er auf den September 2019 schaue, werde es langsam Zeit, sich an den Rebschnitt zu machen. „Dieser müsste bis Ende März passiert sein. Es kommt dabei nicht auf den Tag an. Anders als bei der Lese“, erklärt der Hobby-Winzer, der dank seines ersten Erfolges im vergangenen Jahr nun erst recht mit Sorgfalt und Hingabe bei der Stange – oder besser – am Stock bleiben möchte.

Weinsorte Solaris

Die Weinrebe Solaris ist eine Züchtung des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg. Die Trauben und Beeren sind goldgelb, mittelgroß, rund und lockerbeerig.

Die Pflanze hat einen mittelstarken Wuchs, eine gute Frosthärte und sehr gute Toleranz gegen Pilzkrankheiten. Die Trauben der sehr früh reifen Sorte können, je nach Sonnenschein und Standort, bereits ab Mitte August geerntet werden.

Insofern ist sie eine ausgezeichnet gute Rebsorte für die Herstellung eigenen Weins oder Traubensafts und somit ideal für Hobbywinzer. Der Zuckergehalt (Öchslegrade) ist bei Vollreife sehr hoch, was sehr gute Weinqualitäten verspricht. Aufgrund der frühen Reife eignet sich diese Weinrebe auch für ungünstige Klimazonen.

Für mehr Informationen klicken Sie hier: www.rebschule-schmidt.de

„Ich bin tiefenentspannt, was den konkreten Zeitpunkt angeht. Die Winzer in Süddeutschland bestehen darauf, dass der Rebschnitt bei Temperaturen über null Grad durchgeführt wird. Ich denke, dass das nur zwingend ist, wenn man den Schnitt im Herbst oder im Frühjahr durchführt. Dann kann noch oder schon Saft in den Ruten sein, welcher dann die blutenden Schnittenden schädigen kann, wenn es friert.“

Wintersonne mit Kraft

Jetzt im Winter sei es aber noch relativ ruhig im Holz, meint er. Was sich allerdings vor Ort nicht ganz bestätigt. Es sind zwar nur etwa zwei bis vier Grad am Sonnabendvormittag, doch die milde Morgensonne hat schon so viel Kraft, dass die Lebenssäfte der Pflanzen nach oben drängen. Bei mehr als einem der Schnitte erkennt man bald einen feinen Wassertropfen auf der amputierten Stelle.

Das ist aber tatsächlich noch kein Problem. Angesichts der Minus-Temperaturen des Nachts sind die Pflanzen noch nicht auf exzessives Wachstum eingestellt. Und so bleibt Bovay ruhig und erklärt dem Laien, worauf es beim Rebschnitt ankommt.

Keine Blaupause für den richtigen Schnitt

„Was die Durchführung des Schnitts angeht, bin ich schon ein bisschen pingelig. Das ist die Grundlage für die nächsten Jahre. Hier kann der Winzer seine Philosophie in der Reberziehung am ehesten umsetzen“, sagt der Winzer. Grundsätzlich soll eine Balance gefunden werden zwischen dem zu fördernden Wachstum und dem Verwuchern der Rebe. „So brutal es klingen mag, aber süße Trauben gedeihen eben nur an stark beschnittenen Stöcken.“

Etikett „Près du Lac“

„Nah am See“ bedeutet die Bezeichnung „Près du Lac“, die sich Weinbauern Jörn Bovay für das Etikett seiner Weinflaschen ausgedacht hat und die sich auf die Nähe zum Ratzeburger See bezieht. Hier Bovays Beschreibung:

„Der eiszeitlich geprägte Boden am Nordufer des Ratzeburger Küchensees verleiht diesem Solaris seine charakteristischen Eigenschaften. Es ist hier der feine Sandboden mit seinem hohen Lehmanteil, der sich Jahr für Jahr in einem leichten Körper dieses besonderen Weißweins widerspiegelt. Das maritime Klima und der direkte Einfluss der Ratzeburger Seenlandschaft knüpfen daran an und lassen eine langsame physiologische Reife der Trauben und schließlich in eine filigrane und doch komplexe Struktur des Weines münden.

Durch die Einbettung in einer freundlichen Nachbarschaft wird der steile Rebhang vor kalten Winden geschützt. Im Herbst sorgen strenge Kontrollen dafür, dass ausschließlich freundliche Menschen mit guter Laune und Sonne im Herzen die süßen Trauben von Hand lesen.

Und daran liegt es wohl letztlich, dass der Wein auch nur im Kreise von mindestens drei ausgesucht freundlichen Menschen in der Lage ist, sein volles und wirkliche Bukett zu entfalten.

Auch in Ostholstein wird seit einigen Jahren Wein angebaut. Auf dem Weingut Ingenhof in Malkwitz haben Ingenhof-Besitzerin Melanie Engel und ihr Team bereits etliche Flaschen abgefüllt.

In den ersten zwei, drei Jahren habe er die Stöcke „eventuell etwas zu hoch erzogen“. Dem wolle er nun mit den zukünftigen Schnitten „gerne etwas gegensteuern“. Das sei nicht einfach. „Wenn neben einer zu schonenden Rebe eine kräftige steht, dann kann man die kräftigere Rebe durchaus etwas mehr fordern, damit sie den Raum übernehmen kann, welche die schwächere zur Verfügung stellt.“ Letztlich gebe es keine Blaupause für den richtigen Schnitt. „Da muss der Winzer mit Kopf, Herz und Geschick dabei sein!“

Der zweite Trieb fürs nächste Jahr

Und wie sieht das am Ende aus? Im Grunde wird der stärkste letztjährige Trieb stehen gelassen. Der soll sich möglichst stark entwickeln, wird schon mal an den entsprechenden Spanndrähten ausgerichtet. Ein zweiter Trieb wird hinter dem zweiten „Auge“ abgeschnitten. Hieraus soll sich dann die tragende Rute für das übernächste Jahr entwickeln.

Jörn Bovay ist am Ende zufrieden mit seiner Arbeit. Die Weichen sind gestellt, die richtigen Triebe erhalten, die falschen abgezwickt. Und wenn das Wetter wieder mitspielt, könnte es wieder eine gute Ernte geben.

Joachim Strunk