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Lauenburg Grenzerfahrungen von West und Ost
Lokales Lauenburg Grenzerfahrungen von West und Ost
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21:30 01.10.2018
Der Tag der Grenzöffnung war ein guter Tag für Ost und West: Da sind sich Dr. Andreas Wagner (links) und Robert Paeplow einig. Quelle: Dorothea Baumm
Schlagsdorf

1989. Die Nacht vom 9. auf den 10. November. Ein Datum, das Dr. Andreas Wagner und Robert Paeplow sowie ungezählten Deutschen für immer im Gedächtnis bleiben wird. Die Nacht des Mauerfalls, der der Vereinigung vorausging. Im Gespräch blicken die Männer, die heute Freunde sind und eng zusammenarbeiten, zurück.

Von Klassenfeind und Stasiakte über Grenzschutz und Republikflucht bis hin zu Ostalgie – und schlicht heute reichen die Themen des Gesprächs von Dr. Andreas Wagner und Robert Paeplow.

Blick zurück: auf die eigene Biografie. Auf ihre eigenen Grenzerfahrungen. Auf die Grenzerfahrungen, die andere machten und die sie miterlebten. Auf Kulturschock, Feindbilder und Solidarität. Da ist die Ost-Sozialisation von Andreas Wagner einerseits und die West-Sozialisation von Robert Paeplow andererseits. Wagner, der in Leipzig studiert und als Diplomlehrer für Marxismus, Leninismus und Geschichte abgeschlossen hat. Paeplow, der als Dozent für Führungskräfte an der Führungsakademie der Bundesanstalt für Arbeit die Arbeitswelt des Westens in- und auswendig kennt. Geholfen hat, sie nach der Wende im Osten zu etablieren.

Die Chemie stimmt

Zwei so unterschiedliche Männer, auch vom Alter her, fast könnten sie Vater und Sohn sein, der eine 1964 in Dresden geboren, der andere, „überzeugter Möllner“, wie er sagt, 1947. Doch: „Es war eine riesige Freude, als wir uns getroffen haben“, sagt Wagner. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, ergänzt Paeplow.

In all den mittlerweile vielen Jahren der Zusammenarbeit am und im Schlagsdorfer Museum haben sie „ungezählte inhaltliche Diskussionen geführt, aber auch viele vertrauliche Gespräche“. Wagner ist seit 2013 Projektleiter für das Grenzhus, Paeplow ist neben vielen anderen Engagements Sprecher des Förderkreises des Grenzhus’. Beide brennen für das Museum – aber warum?

Stichwort „grenzübergreifend“

„Erinnerung kann nicht von außen implementiert werden, sondern muss von Menschen vor Ort getragen werden“, konstatiert Wagner. Paeplow sekundiert seinem Freund mit sorgsam gewählten Worten. „Grenzübergreifend“, ein wichtiges, immer wiederkehrendes Stichwort, von Anfang an habe es ein gutes Netzwerk im und für das Museum gegeben mit Führungen und mehr.„Es geht nicht nur um die ostdeutsche Geschichte.“

„Unsere Aufgabe ist es, das, was trennend war, wieder miteinander zu verbinden“, erklärt Museumsleiter Wagner. Paeplow legt sofort mit dem Gedanken des Naturparks nach. „Es gibt mehr als 600 Biosphärenreservate weltweit, das ist ein hart erkämpfter Status“, sagt Paeplow. Er sieht fast ein bisschen verwundert aus, als er anfügt: „Kunst, Natur – daran habe ich früher nie gedacht.“ Jetzt schlägt sein Herz für diese Aspekte, die gerade hier so gut zu vereinen sind, die es zu erhalten gilt.

Die Wichtigkeit des grünen Bandes

All dieses Schöne. Ein Erbe der schrecklichen Geschichte, der Trennung Deutschlands in Ost und West. „Manche kommen und sehen uns als historisches Museum“, sagt Wagner, „aber wir sind auch Infozentrum im Biosphärenband Schaalsee-Elbe.“ Paeplow, der nun also sein grünes Herz entdeckt hat, weiß um die Wichtigkeit des grünen Bandes als Zeichen der Veränderung und Überwindung der Grenze. „Bei Wietingsbek war alles kahl, das war mit die schlimmste Ecke.“ Eifrig bedacht, die Menschen innerhalb der Landesgrenze zu halten und ein Fliehen unmöglich zu machen, „haben die damals alles totgespritzt. Aber die Natur hat sich alles zurückgeholt.“

Wietingsbek ist nur wenige Kilometer entfernt, doch das, was Paeplow beschreibt, kennt Wagner nur aus Erzählungen und von Bildern. Zu DDR-Zeiten kannte er diese Ecke des Landes nicht. Paeplow, der sich noch gut an diese Zeiten und zum Beispiel „Mustin als große Kontrollstelle“ erinnert, sagt, er habe immer Vertrauen in den Rechtsstaat gehabt. Da seine Frau aus der DDR stammte, sei er mit ihr mindestens 50 Mal in die DDR gefahren, habe die Verhältnisse also recht gut gekannt. Hatte er ein Feindbild? „Ich weniger“, sagt Paeplow, „aber die Familie meiner Frau durchaus.“

Der anerzogene Tunnelblick

Und Wagner? Hatte er ein Feinbild? „Ich hatte natürlich diesen anerzogenen ideologischen Tunnelblick“, sagt er, „Vorstellungen vom Klassenfeind und vom aggressiven Imperialismus.“ Dann kamen die Westbesuche, „da habe ich das dann alles nicht wiedergefunden.“

In seiner Familie habe es kaum Westverwandtschaft gegeben, erzählt Wagner. „Man freute sich ja über Besuch, wenn der was mitbrachte.“ An die Pakete wiederum hat der Museumsleiter weniger gute Erinnerungen. Darin seien meist abgetragene Klamotten gewesen, „und obendrauf ein Marzipanbrot aus Lübeck“.

Erste Eindrücke und Kontrasterfahrungen

Vorstellungen vom Alltagsleben im Westen hatte Andreas Wagner also nicht. Gab es dann den berühmten Kulturschock nach der Wende? „Die erste Reise in den Westen, die übervollen Läden, diese Buntheit – das alles habe ich mir nicht vorstellen können.“ Diese ersten Eindrücke, die Kontrasterfahrung, das habe nichts mit seiner heutigen Sicht zu tun.

„Man sah, dass man aus dem ärmeren Teil Deutschlands kommt“, sagt Wagner. Aber er betont, dass Problem, das die zunehmende Unzufriedenheit der Menschen im Osten verursachte, sei nicht das des Geldes gewesen, „dass wir nicht alles kaufen konnten. Das Problem war die fehlende demokratische Teilhabe, war die Freiheitsbeschränkung“.

Von Mitsprache geträumt

Das kritische Nachdenken über die DDR, das hat bei Wagner, wie er sagt, in den 1980er Jahren eingesetzt. „Ich träumte von Mitsprache, von einer Form von demokratischem Sozialismus.“ Er träumte von Grundrechten, die wie im Westen verfassungsmäßig festgeschrieben sind. „Dort konnte man einfach zu Gericht gehen! Das war ganz anders als unser Obrigkeitsdenken. Dies Kuschen vor der Polizei, bloß keine Widerworte geben.“

Einen Kulturschock gab es bei Robert Paeplow nicht. Ihm gefiel damals die Solidarität der Menschen. Schade, sagt er, dass das die Wende nicht überdauert hat.

Realitäten ungeschminkt wahrnehmen

Eine Stasiakte habe er nicht, sagt Andreas Wagner. Aber: „Das ist eines der wichtigen Themen – mit dem Ende der politischen Diktatur kommen Dinge hoch, die geklärt werden müssen. Und zwar auch in diesem Haus!“ Der Alltag im Sperrgebiet. Die Kontrollen. Die Überwachung. Schlagworte aus der Geschichte nur noch für die erste Generation deutschen Vereinigung. Deswegen, da sind sich Paeplow und Wagner einig, ist das Grenzhus ein so wichtiges Museum: „Hier können die Besucher die Realitäten ungeschminkt wahrnehmen und darüber ins Gespräch kommen.“

Die beiden Männer sind stolz darauf, wie das gerade erst umgebaute und neugestaltete Grenzhus sich jetzt präsentiert. Die Ausstellung endet mit dem Epilog, dort wird der Blick in die Gegenwart gerichtet. „Das ist ein Einbetten in den gesellschaftlichen Gegenwartskontext“, sagt Wagner, der Historiker. Es geht um die DDR-Zeit, die Wende- und die Nachwendezeit.

Der Blick nach Chemnitz

Blick zurück im Zorn? Nein. Der Blick nach Chemnitz? Fragen Wagner und Paeplow sich, ob die Menschen dort denn gar nichts gelernt haben? Man dürfe das Geschehen dort auf keinen Fall bagatellisieren, sagt Wagner. „Aber wir müssen auch andere Perspektiven sehen. Uns fragen, warum die Menschen dort sich so verhalten.“

Seminar zur Identität in einer ehemaligen Grenzregion

Im Rahmen der Kunstausstellung „Identität. Wer sind wir? Wo wollen wir hin?“ gibt es in Kooperation von Grenzhus und Stadtarchiv Ratzeburg das Seminar „Zwischen Schaalsee und Ratzeburger See – Zur Identität in einer ehemaligen Grenzregion“. Es soll um die Selbstwahrnehmung der Einwohner der Region im Wandel der politischen Verhältnisse gehen. Wie wurden unterschiedliche Grenzziehungen wahrgenommen? Welche grenzüberschreitenden Verbindungen gab es? Sind nach 1990 neue grenzüberschreitende Verbindungen gewachsen? Wie wirkt sich die Verwaltungsgrenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern heute aus?

All diese und noch viel mehr Fragen, die sich, so die Ankündigung, „in einer historischen Perspektive genauer unter die Lupe nehmen lassen“, sollen am 6. Oktober im Schlagsdorfer Grenzhus am Neubauernweg 1 vorgestellt und diskutiert werden. Um 10 Uhr geht es los. Referenten sind der Möllner Dr. William Boehart („Fragestellung zur regionalen Identität aus der Kunstausstellung ,Identität’ im Kreismuseum in Ratzeburg“), Professor Dr. Matthias Pfüller („Was ist regionale Identität?“), Ratzeburgs Stadtarchivar Christian Lopau („Die Grenze zwischen Lauenburg und Mecklenburg in der Stadt Ratzeburg: Auswirkungen auf den städtischen Lebensalltag“) und Dr. Andreas Wagner, Projektleiter des Museums („Die Lauenburgische Seenkette und die innerdeutsche Teilung – wechselseitige Wahrnehmungen aus den schriftlichen Quellen“).

Nach einer ersten Diskussion und einem Mittagsimbiss werden „Lebensgeschichtliche Perspektiven“ vorgestellt, es gibt weitere Impulse und Gespräche sowie abschließend einen Gang durch die neue Dauerausstellung. Die Veranstaltung endet gegen 16 Uhr; die Teilnahme kostet 5 Euro. Anmeldung erbeten unter 038875/20326 oder per E-Mail an info@grenzhus.de

Andreas Wagner mit der Ostsozialisation, der ideologischen Tunnelblick und Vorstellungen vom Klassenfeind überwunden hat: Ihn macht „der Rassismus überall auf der Welt wütend und traurig. Nur hier ist es besonders nah.“ Zustimmendes Nicken von Robert Paeplow. Paeplow, der bis zu seinem zwölften Lebensjahr gehungert hat, „wir haben auf den Feldern Rüben geklaut, haben Äppel geklaut.“ Da ist kein Verständnis für Menschen, die in diesem reichen Deutschland andere Menschen durch die Straßen hetzen, weil sie aus einer anderen Kultur stammen. Soviel, da sind die Männer sich einig, müssen wir aus der Geschichte gelernt haben.

Hier gibt es Informationen zum Grenzhus

Dorothea Baumm

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