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Lübeck 62 Vorfälle rechter Gewalt im Land
Lokales Lübeck 62 Vorfälle rechter Gewalt im Land
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20:10 29.03.2018
Das Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra) hat die Vorfälle des vergangenen Jahres registriert. Doch die Berater vermuten, dass die Dunkelziffer hoch ist.
Das Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra) hat die Vorfälle des vergangenen Jahres registriert. Doch die Berater vermuten, dass die Dunkelziffer hoch ist. Quelle: Foto: Erwin Wodicka
Lübeck/Kiel

„Rechte Angriffe sind kein rein ostdeutsches Problem“, sagte Zebra-Berater Kai Stoltmann am Donnerstag. „Es gibt sie auch in Schleswig-Holstein.“ Mindestens 73 Menschen seien direkt Opfer dieser rechten beziehungsweise rassistischen Angriffe geworden, weitere zehn indirekt, sagte Stoltmann. Bei knapp drei Viertel aller Fälle (74 Prozent) handelte es sich um teils gefährliche Körperverletzungen. Die Berater gehen von einem großen Dunkelfeld aus. Bei den genannten Fällen handele es sich „um die Spitze des Eisbergs“, sagte Beraterin Lisa Luckschus. Opfer rechter Angriffe werden im Norden vor allem Männer (70 Prozent). Neben Frauen (26) sind auch Kinder (4) betroffen.

Bei der Hälfte aller Fälle handelte es sich um Rassismus. In 28 Prozent ging es um politische Gegnerschaft. Sechs Zebra-Berater bieten Opfern eine psychosoziale Betreuung und helfen ihnen beim Gang zur Polizei oder bei Prozessen. Neben Mitteilungen der Polizei werten sie auch soziale Medien und die Presse aus.

Regionale Schwerpunkte waren die Kreise Pinneberg (elf Fälle) und Steinburg (sieben Fälle) sowie die Stadt Lübeck (sieben Fälle). „Aber in jedem Kreis in Schleswig-Holstein wurde mindestens ein Fall registriert“, sagte Stoltmann. Nach den ostdeutschen Ländern sei Schleswig-Holstein das erste Flächenland im Westen, in dem dieses Problem systematisch erfasst werde. „Wir werden selbst aktiv, sprechen die Opfer von Angriffen an.“

Lob für die Arbeit gab es von der SPD. „Opfer von rechter Gewalt und Anfeindungen sind oft schnell verunsichert“, sagte der Sprecher gegen Rechtsextremismus, Tobias von Pein. Es sei wichtig für Betroffene, sich vertrauensvoll an eine unabhängige Stelle wenden zu können. „Vor dem Hintergrund des Zuzugs von Flüchtlingen bereitet uns der Anstieg rechter Aktivitäten im Land große Sorgen.“

Dieser sei auch eine Folge der Verrohung der gesellschaftlichen Debatte in den vergangenen Jahren. „Immer mehr Ehrenamtliche, Lokalpolitiker, Flüchtlingshelfer und Menschen, die sich für unsere Demokratie einsetzen, sind von rassistischen Anfeindungen betroffen.“

Der Sprecher für Strategien gegen Rechtsextremismus der Landtagsfraktion der Grünen, Lasse Petersdotter, warnt: „Rechte Angriffe finden vor unserer Haustür statt. Auch wenn die rechte Szene in Schleswig-Holstein weniger geschlossen und öffentlich auftritt, kommt es immer wieder zu rechten Übergriffen und Einschüchterungen.“ Das Monitoring gebe einen wichtigen Überblick darüber, wo im Land welche Angriffe dokumentiert werden. „Ich befürworte es sehr, dies fortzuführen, um in den kommenden Jahren noch zielgerichteter rechten Angriffen entgegenzuwirken“, so Petersdotter.

LN