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Lübeck Ärger um Neubau im Wohnviertel
Lokales Lübeck Ärger um Neubau im Wohnviertel
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21:51 22.08.2018
Der Haussegen hängt schief: Eike und Jochen Schetelig wohnen in der Straße Backbord in Travemünde. Hinter ihrem Haus wird demnächst neu gebaut. Dort stand früher eine alte Villa. Aus Sicht des Ehepaares ist der Neubau viel zu groß geplant. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Es ist eine noble Ecke – mit Villen aus der Jahrhundertwende. Dazwischen ein paar Bausünden aus den 1960er Jahren. Und jetzt kommen neue dazu – so sieht es das Ehepaar Schetelig. „Dieser Klotz ist ein ewiger Fremdkörper und eine irreparabler Fehlentscheidung“, ärgert sich Jochen Schetelig. Es geht um einen geplanten Neubau in Steuerbord 13-15. Eine alte Villa stand dort. Sie wurde abgerissen – nach Scheteligs Ansicht ohne Genehmigung. Jetzt soll auf diesem Grundstück neu gebaut werden – und nicht nur dort. Das daneben liegende Grundstück ist unbebaut. Auf dem gesamten Areal soll ein massiger Neubau mit drei Geschossen und einem Staffelgeschoss errichtet werden. Schon vor anderthalb Jahren hat sich Schetelig an die Stadt gewandt. Ohne Erfolg. Jetzt hat er Widerspruch gegen den gestellten Bauantrag eingelegt.

Das Problem: Es handelt sich um eine Lückenbebauung – nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Dort heißt es: Der Neubau muss sich in die Umgebung der bestehenden Häuser einfügen. Und da fangen die Probleme an. Denn bis zu einem gewissen Grad gibt es Spielräume. Oftmals orientieren sich Bauherren an dem höchsten Gebäude im Wohnviertel. „Das ist doch ein Gummi-Paragraf“, ist Schetelig erbost.

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„Das fügt sich doch nicht ein.“ Die Stadtverwaltung will sich zu dem konkreten Fall nicht äußern, weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt.

Aber: Das Problem gibt es nicht nur bei dem aktuellen Fall in Travemünde. Wegen des Interpretations-Spielraums dieses Paragrafen gibt es auch an anderer Stelle in der Stadt Ärger. So haben sich die Anwohner in der Yorckstraße in Lübeck erfolgreich gewehrt – das war Anfang des Jahres. Dort hat die Stadt eine Bauvoranfrage für einen Neubau mit fünf Geschossen genehmigt. Ebenfalls nach Paragraf 34. Die Nachbarn protestieren und fanden Gehör. Jetzt überarbeitet der Bauherr seine Pläne.

Denselben Streit gab es 2016 in der Langen Reihe in der Nähe des Stadtparks. Dort sollte ein Gebäude mit 14 Wohnungen auf dem Grundstück einer ehemaligen Bäckerei entstehen. Die Nachbarn wehrten sich. Der Bauantrag lag noch bei der Stadt. Die Anwohner hatten Erfolg. Nun muss kleiner gebaut werden. In der Niobestraße in Travemünde ärgerten sich die Nachbarn ebenfalls über einen Neubau. Das war 2015. Ihrer Ansicht nach war das Wohnhaus zu groß geplant. Allerdings: Gebaut wurde es trotzdem. Da haben sich die Nachbarn nicht durchgesetzt.

Der Hintergrund: Die Stadt setzt auf die Bebauung der freien Baugrundstücke mitten in der Stadt, statt ein neues Viertel auf dem Acker zu entwickeln wie zuletzt im Hochschulstadtteil. Im Fachjargon heißt es: Die Stadt will Innenentwicklung statt Außenentwicklung. Allerdings wohnen in der Stadt schon viele Menschen, es gibt häufig keinen Bebauungsplan – und dann kommt der Paragraf 34 zum Zuge.

Und der bedeutet oft Ärger.

Zurück nach Travemünde: Das Ehepaar Schetelig sind die Nachbarn des Neubaus auf der rückwärtigen Seite. Sie haben ihre Villa von 1905 vor 20 Jahren gekauft und mit viel Geld und Liebe saniert. „Und dann bekommt man sowas vor die Nase gesetzt“, ärgert sich Schetelig. Bisher fiel sein Blick auf eine Villa wie seine, die weit entfernt stand. Wenn der Neubau so genehmigt wird, rückt das Gebäude auf zehn Meter an das Haus der Scheteligs heran. Die Straße der Scheteligs – Backbord – liegt etwas höher als Steuerbord. Der Neubau soll in den Hügel hineingebaut werden. Nach hinten sind die Terrassen geplant. Darunter kommt eine Tiefgarage, die Entlüftung kommt hinter der Terrasse nach oben – direkt zu den Scheteligs.

Von Josephine von Zastrow