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Lübeck Allein unter Frauen: Mann wird Tagesvater
Lokales Lübeck Allein unter Frauen: Mann wird Tagesvater
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00:00 11.01.2013
Jens Schröder (52) möchte seinen Job als Drucker aufgeben, um Tagesvater zu werden. Maximilian (3, v. l.), Cedric (4) und Anas (5) freuen sich schon jetzt über seinen Besuch in ihrer Betreuungseinrichtung in der Bürgerweide. Quelle: Fotos: Cosima Künzel
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Lübeck

Jens Schröder ist 52 Jahre alt und möchte noch einmal Vater werden. Genauer gesagt: Tagesvater. Dafür will er nicht nur seinen Beruf als Drucker aufgeben, sondern hat sich auch ein Dreivierteljahr lang qualifizieren lassen. „Ich wage diesen Schritt, weil Tagespflegepersonen dringend gesucht werden und ich unheimlich gerne mit Kindern zusammen bin“, begründet Schröder seine Entscheidung.

Und diese hat er sich reichlich und lange überlegt. Der Lehrgang bei der BQL (Berufsausbildungs- und Qualifizierungsagentur Lübeck) umfasste 160 Unterrichtsstunden und war „nicht ohne“ für ihn. „Es hat viel Spaß gemacht, aber jeden Donnerstag noch nach der Arbeit: Das ist auch anstrengend.“ Und nicht nur das. Als einziger Mann in der Gruppe mit 17 Frauen traf ihn anfangs so mancher skeptische Blick.

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„Erstens, weil es wenig Männer gibt, die das machen“, sagt er. „Und zweitens, weil ich auch nicht aussehe wie der Durchschnittsmann“, so Schröder und streicht sich über den Vollbart. Außerdem hat er lange Haare, deren Dreadlocks Schröder mit Bändern umwickelt. Doch im Laufe des Lehrgangs sei den Teilnehmerinnen klar geworden: Der Mann meint das ernst. „Und insgesamt waren wir eine tolle Truppe.“

Während Schröder erzählt, sitzt er in der Küche einer ehemaligen städtischen Kita in der Bürgerweide. Auf dem Backofen steht ein Kartoffel-Brokkoli-Auflauf, und im Nachbarraum singen Kinder „.

. .auf der Lauer sitzt ‘ne kleine Wanze. . .“. Ihm gegenüber sitzt seine Frau, Julia Borck (48), die in den Räumen bereits als Tagesmutter arbeitet. Gemeinsam mit Claudia Schröder (41)

bietet Erzieherin Borck die Kindertagesbetreuung von 7.15 bis 15.30 Uhr an. Über 120 Quadratmeter stehen zur Verfügung und betreut werden derzeit sechs Zwei- bis Siebenjährige. Für zwei Kinder sind noch Plätze frei.

„Bei unserem Konzept haben wir einen hohen Anspruch an Bildung, Erziehung und Betreuung“, sagt die 48-Jährige, die den Tag mit gemeinsamen Mahlzeiten, einem täglichen Morgenkreis, Freispiel, Bibliotheksbesuchen, Zeit in der Natur und vielem mehr gestaltet. Ihren Namen „Spimo-Zwerge“ trägt die Gruppe, da die beiden Frauen — und auch Schröder — seit Jahren „mit viel Spaß“ beim Verein Spielmobil mitarbeiten. Und inzwischen hat der Verein seinen Hauptsitz mit in der Bürgerweide.

Nach Meinung von Schröder, Borck und Schröder geht die Kindertagespflege tendenziell weg von der familienähnlichen Betreuung mit nur ein, zwei Kindern. „Heute werden die Angebote noch professioneller, Tagesmütter und -väter tun sich zusammen, nicht selten werden Extra-Räume angemietet“, so Borck. Sie selber hat sich im April selbstständig gemacht und hat auch eine Pflegeerlaubnis für unter Zweijährige. „Allerdings gehören die ganz Kleinen, aus unserer Sicht, zu ihren Eltern.“ Und daher nehmen sie auch erst Kinder ab zwei Jahren auf.

Während Borck erzählt, schauen neugierige Kinder in die Küche. Sie rufen „Halloooo, Jens“, als sie den 52-Jährigen sehen, und freuen sich über dessen Besuch. Wenn Schröder genug Anmeldungen hat, will er in der Nähe der „Spimo-Zwerge“ am liebsten eine separate Wohnung anmieten und die Gruppe „Spimo-Indianer“ nennen. „Ich möchte mit ihnen möglichst viel draußen sein“, sagt er, hat schon ein Riesentipi und muss nun nur noch die Pflegeerlaubnis beim Jugendamt beantragen. „Auf jeden Fall freue ich mich schon auf meine Arbeit mit den Kindern.“

Cosima Künzel