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Lübeck Als Lübeck Grenzstadt war
Lokales Lübeck Als Lübeck Grenzstadt war
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13:40 30.03.2019
Lübeck 1952: Der Bundesgrenzschutz bezieht Stellung in der Stadt Quelle: Bundespolizei
Innenstadt

Fast über Nacht war Lübeck, vorher in der Mitte Europas, die einzige Großstadt am Rand der Zonengrenze. Die Schließung der Grenze 1947 und ab 1952 der Bau von Zäunen direkt hinter Schlutup und Herrnburg verschob die Region in die geografische Peripherie.

Alltag im geteilten Deutschland

New York war für die Lübecker näher als Wismar“, sagt Alica Cau. Sie hat an der Vorbereitung der der Sonderausstellung „Geteilte Stadt: 1945-1990“ im Willy-Brandt-Haus mitgewirkt. Die Ausstellung ist bis zum 28. April zu sehen. Eine Mauer-Szene des Miniatur-Wunderlands Hamburg macht die historische Situation anschaulich. Im Begleitprogramm hielt Karen Meyer-Rebentisch jetzt einen Bildvortrag über den Alltag in dieser Zeit.

Klein, fein – und mit viel Herzblut gemacht: Das ist das Grenzmuseum in Schlutup. Es wurde 2004 in dem ehemaligen Zoll- und Grenzgebäude nahe der Landesgrenze eröffnet.

Vor einem mit 80 Menschen voll besetzten Saal erzählte die Kulturhistorikerin und Leiterin der Gedenkstätte Lutherkirche von der Massenflucht nach dem Krieg. Damals verdoppelte sich die Bevölkerung um 100 000 Flüchtlinge und Vertriebene. Jörg Löffler las dazu aus Zeitzeugenberichten, zum Beispiel einem Polizeibericht aus Travemünde vom Februar 1945: „Russische Grenzposten waren sehr empfänglich für Zigaretten und gerne behilflich beim Grenzübertritt.“ Auch die Rosinenbomber, die den Flugplatz Blankensee für die Versorgung Berlins nutzten, brachten auf dem Rückweg Flüchtlinge mit. Die Lübecker halfen, obwohl sie selbst nicht genug zu essen hatten: im Winter 1946/47 gab es sogar Hungertote.

Das Wirtschaftswunder erschien weit weg

Durch die Schließung der Grenze war besonders Schlutup abgeriegelt. Die Bewohner konnten den Ort nur in Richtung Westen verlassen. Sie durften auch ihre Badeanstalt nicht mehr benutzen, weil sie in sowjetisch besetztem Gebiet lag. Nachdem Straßen und Schienen komplett gesperrt wurden, kam auch der Handel mit Mecklenburg zum Erliegen. Jetzt kamen vermehrt Flüchtlinge aus der DDR, die zuerst im Lager Blankensee strandeten. Zugleich gab es eine Abwanderung Richtung Westen, denn Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit waren hoch. Vom Wirtschaftswachstum spürten die Lübecker in den 1950er Jahren wenig.

Lesen Sie mehr: Das Grenzmuseum in Lübeck-Schlutup

1964 plante die Nato, die Grenzlinie mit Atomminen zu sichern. Dagegen gab es Ostermärsche und Mahnwachen auch in Lübeck. Das Magazin „Der Spiegel“ nahm das Thema auf den Titel und kassierte Anzeigen wegen Landesverrats. Die Berichterstattung konnte aber erreichen, dass der Minengürtel als politisch nicht durchsetzbar galt.

Die DDR als Giftmülllager

Unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) wurden grenznahe Kontakte einfacher. Schon 1960 war der Übergang in Schlutup wieder geöffnet worden. Grenznahe Besuche waren nach Anmeldung und unter Auflagen möglich. Eine Lübeckerin erinnert sich, dass ihre Oma mit Taschen voller Brot kam und sie für den Rückweg mit West-Bananen füllte.

Weniger erfreulich waren die West-Exporte auf die Deponie Ihlenberg. Bis zu 240 mit Giftmüll beladene Lastwagen rumpelten jeden Tag durch Schlutup Richtung Schönberg, insgesamt waren es zehn Millionen Tonnen. Was dort genau lagert, ist nicht überliefert. Den BRD-„Handelspartnern“ kam dabei zu Gute, dass in der DDR weniger Proteste aus der Bevölkerung zu erwarten waren.

Partnerschaft mit Wismar

1987 gingen Lübeck und Wismar eine Städtepartnerschaft ein, und der neu gewählte Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD) besuchte die Partnerstadt. „Überall diese Fähnchen, und es roch nach Braunkohle“, erinnerte er sich. „Damals hatten wir sogar mehr Austausch als nach der Wende“.

Nach dem Vortrag teilten viele Lübecker bei einem Glas Wein eigene Erinnerungen. „Es wird oft mehr zur Hanse oder zum Mittelalter geforscht als zum 20. Jahrhundert“, sagte Meyer-Rebentisch. „Dabei haben wir aus dieser Epoche noch Zeitzeugen.“ Im Jahr 30 nach dem Mauerfall sind viele von uns selbst Zeitzeugen. Und schon jetzt können wir uns kaum mehr vorstellen, dass Lübeck nicht im Zentrum Europas liegt.

Korrektur:Leiterin des Willy-Brandt-Hauses ist Bettina Greiner. In einer früheren Version dieses Artikels wurde diese Funktion fälschlicherweise Alica Cau zugeschrieben.

Friederike Grabitz

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