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Lübeck Angeklagter zeigt erstmals Emotionen
Lokales Lübeck Angeklagter zeigt erstmals Emotionen
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18:10 19.02.2018
St. Lorenz Nord

Das Bild des mutmaßlichen Täters, der am 14. Juli 2017 in Siems seine Mutter mit einer Geflügelschere getötet und seine Oma lebensgefährlich verletzt haben soll, verfestigt sich. Allerdings bleibt nach wie vor unklar, wie genau der Ablauf in seinem Elternhaus war und ob es bei dem Streit mit seiner Mutter Iris L. um Geld oder um etwas anderes ging.

Auch wenn alle bisherigen Zeugen bestätigen, dass Iris L. alles für ihren Sohn getan habe und dass Mutter und Sohn ein gutes Verhältnis gehabt hätten: Alle erzählen auch, dass in dem Haus in Siems ein rauer Umgangston geherrscht habe und dass es öfter laut geworden sei. So auch die Nachbarin von L.s Eltern und Großeltern, die in jener verhängnisvollen Nacht die Polizei rief, weil sie im Nebenhaus ein Poltern und Hilfeschreie hörte. „Es wurde öfter gestritten, meist ums Geld“, sagt sie. Und L.s Jugendfreund Hassan M. (Name geändert), der heute in Berlin lebt, beschreibt seinen Freund als „intelligent, aber ein bisschen faul und aufbrausend.“ Eine Kommunikation oder gar Diskussion sei nur „bis zu einem gewissen Punkt mit ihm möglich, danach geht nichts mehr.“

Auch an jenem Abend im Juli vergangenen Jahres muss irgendein Punkt – oder eine Linie – bei Hartmut überschritten gewesen sein. Ein Rechtsmediziner  schildert – dicht umringt von Verteidiger, Nebenklage-Vertretern, Staatsanwalt und Gutachter – dem Gericht die Art und Anzahl der Verletzungen, die die Leiche der Iris L. aufwies. Erstmals sitzt der Angeklagte allein am Tisch, kann sich nicht mit seinem Verteidiger Hans-Jürgen Wolter besprechen. Iris L., sagt der Rechtsmediziner, sei innerlich und äußerlich verblutet, maßgeblich durch die Verletzungen des Herzbeutels und der Aorta, zugefügt mit einer Geflügelschere.

Der Nachmittag ist bestimmt vom psychiatrischen Gutachten, das Dr. Wolf-Rüdiger Jonas nach vier längeren Gesprächen und diversen Tests mit dem Angeklagten im August und September 2017 erstellt hatte.

Ein fünftes Gespräch kam im Oktober hinzu, nachdem Hartmut L. in der Isolationszelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) auffälliges Verhalten gezeigt hatte. Er schilderte viele Details der Gespräche.

Sein Untersuchungsergebnis: Der 30-jährige Angeklagte sei durchschnittlich intelligent, wortgewandt, habe körperlich und neurologisch keinerlei Auffälligkeiten gezeigt. Aber er sei geprägt von einem starken Ich-Bezug, habe eine große Anspruchshaltung, sei unreif und verantwortungslos, neige zu Selbstüberschätzung und Impulsivität. Das Verhältnis zu seiner Mutter sei zwar insgesamt gut, aber dennoch ambivalent gewesen. Hartmut L. habe seine Mutter einerseits als „herzensgut und liebenswert“ beschrieben, andererseits aber auch als „ausfallend, aufbrausend und keifend.“

Es sei ziemlich sicher auszuschließen, dass L. zur Tatzeit eine psychotische Episode hatte. Vielmehr sei er während des Geschehens in einem deutlichen Erregungszustand gewesen. Für ihn war es „eine affektiv motivierte Handlung.“ Was die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz hinterfragt: Ob es nicht doch sein könne, dass eine unglückliche Intoxikation für das Handeln des Angeklagten gesorgt habe? Jonas kann das zwar nicht ausschließen, aber beim Drogentest der Rechtsmedizin sei nur ein Abbauprodukt eines länger zurückliegenden Kokainkonsums und eines aktuellen Cannabiskonsums festgestellt worden. Und Cannabis mache nicht aggressiv. Wenn, dann müsse es sich um eine noch unbekannte Substanz handeln.

Der Prozess wird am morgigen Mittwoch, 9 Uhr, im Landgericht, Schwartauer Landstraße 9-11, mit den Plädoyers fortgesetzt.

 Von Sabine Risch