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Lübeck Anwohner kämpfen weiter gegen Drogenszene
Lokales Lübeck Anwohner kämpfen weiter gegen Drogenszene
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19:20 06.02.2019
Mit seinem dichten Gestrüpp ist der Platz am Krähenteich ein beliebter Drogentreffpunkt. Quelle: Lutz Roeßler
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Innenstadt

Bereits seit Jahren gilt der Bereich Krähenteich/Alte Mauer als Treffpunkt der örtlichen Drogenszene. Auch wegen Gewalttaten musste die Polizei in der Vergangenheit immer wieder dorthin ausrücken. Die Anwohner jedenfalls haben Angst. Große Angst. Die Situation kann und darf so nicht bleiben, sagen sie einstimmig. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, haben die Anwohner des Aegidienviertels im vergangenen Jahr die Bürgerinitiative Krähenteich gegründet. Seitdem kämpfen sie gegen den Drogenplatz. „Jetzt zur Winterzeit ist es witterungsbedingt natürlich weniger geworden, aber wenn das Wetter schön ist, so wie letzten Sonntag, füllt sich der Platz wieder mit Dealern und Junkies“, sagt Anne, die, wie ihre Mitstreiter auch, ihren vollen Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Manchmal kommt man morgens zur Tür raus und dann sitzt da ein Drogenabhängiger und zieht sich eine Linie rein. Das ist kein schöner Anblick.“

Die Junkies hinterlassen ein mulmiges Gefühl bei den Anwohner

Und vor allem: Vorfälle wie diese hinterlassen ein mulmiges Gefühl bei den Anwohnern. Sie wissen genau – sie haben den Junkie gesehen. Sie haben gesehen, was er tut. Und sie wissen: Der Junkie hat auch sie gesehen, kennt ihr Gesicht, weiß, wo sie wohnen. „Bei der Aggressivität, die an den Tag gelegt wird, hat man schon Sorge, dass die einen nicht mehr nur beschimpfen, sondern auch Schlimmeres tun“, sagt Anne. Die Hauptforderung der Initiative ist daher: Um Dealer und Abhängige künftig fernzuhalten, muss die Attraktivität des Platzes für sie gesenkt werden. „Wir würden uns gern weniger mit dem Thema Kriminalität beschäftigen“, fügt Lars, ebenfalls Anwohner, hinzu. „Ich frage mich einfach: Erfüllt Herr Hinsen, der als Innensenator für die Sicherheit zuständig ist, gerade seinen Job?“

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„Die Kriminalität ist zurückgegangen“

„Natürlich ist die Situation so wie sie jetzt ist, nicht schön. Aber sie ist stabil“, sagt Senator Ludger Hinsen (CDU), der die Bedenken der Anwohner nachvollziehen kann. Der Vorwurf, dass abgesehen von dem Abriss des Toilettenhäuschens im Juli 2018 nichts passiert sei, könne er so allerdings nicht bestätigen. „Wir haben die Büsche und Sträucher herunterschneiden lassen und es finden mehrmals täglich Polizeikontrollen statt. Die Kriminalität ist zurückgegangen, was die Anwohner natürlich nicht befriedigt. Sie möchten, dass die gesamte Szene an einen anderen Ort verlegt wird. Aber ich habe bisher noch keinen Kiez gefunden, der geschrien hat ’Ich will!’“ Die Situation ist schwierig, das „Gebilde komplex“. Auch die Flüchtlingsszene, die sich zu der schon seit Jahren dagewesenen Drogenszene dazugesellt habe, täte ihr Übriges: „Die sind sich auch nicht grün“, sagt Innensenator Hinsen. Sollte die Situation sich wieder verschlimmern, werde er aber dafür sorgen, dass weitere Maßnahmen ergriffen würden.

Auch Polizeisprecher Stefan Muhtz bestätigt die Umsetzung eines „angepassten Einsatzkonzeptes“. Denn die dortige Drogenszene wurde als „Gefährlicher Ort“ eingestuft. So hätte die Polizei insbesondere ihren Einsatz vor Ort verstärkt und auch die Kontrollmaßnahmen im Bereich des Krähenteichs intensiviert. „Die Gewährleistung der angstfreien Nutzung des öffentlichen Raums durch Bürgerinnen und Bürger steht im Mittelpunkt der polizeilichen Maßnahmen“, sagt Muhtz. Doch aus polizeilicher Sicht würden die getroffenen Maßnahmen, die auch zu Festnahmen geführt hätten, Wirkung zeigen und die Situation vor Ort beruhigen.

Eine im „Focus“ abgedruckte Studie stuft Lübeck hinter Neumünster und Köln als drittgefährlichste Stadt ein

Eine Ende 2018 im Wochenmagazin „Focus“ abgedruckte Studie des Kölner Sozialwissenschaftlers und Regionalforschers Wolfgang Steinle sieht das anders: Von insgesamt 401 Städten und Landkreisen belegt die Hansestadt, was die Sicherheit angeht, den drittletzten Platz. Ein Armutszeugnis für Lübeck? Polizeisprecher Muhtz winkt ab. Zwar würden die Sorgen und Ängste der Bürger sehr ernst genommen und daher auch Berichte wie jener aus dem „Focus“ aufmerksam betrachtet, wie der Leitende Polizeidirektor Norbert Trabs erklärte. Doch die unter anderem in der Studie untersuchten Delikte wie „Schwarzfahren“ und „Graffiti sprayen“ dürften nicht entscheidend für die Sicherheit der Lübecker sein. Daher greift die Polizeidirektion Lübeck zu diesen Zwecken lieber auf ihre eigenen Daten zurück. Den Daten zufolge „leben die Lübecker im landes- aber auch im bundesweiten Vergleich verhältnismäßig sicher.“ Die Zahl des kritischen Personenkreises am Krähenteich, der vor einem Vierteljahr noch um die 50 Personen umfasste, sei sogar auf bis zu 15 Menschen zurückgegangen.

Die Anwohner schütteln darüber nur den Kopf: „Man kriegt sofort ein Knöllchen, wenn man falsch parkt, aber fünf Meter weiter dröhnen die sich mit harten Drogen zu und ziehen sich im Gebüsch sitzend die Hose runter um sich eine Spritze in den Oberschenkel zu hauen“, sagt Anwohnerin Petra deprimiert.

Bewohner aus dem Aegidienviertel haben am Krähenteich aufgeräumt: Benutzte Spritzen liegen nur wenige Meter neben einem Kinderspielplatz - und das jeden Tag. Quelle: Josephine Andreoli

Josephine Andreoli