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Lübeck Atemberaubender Flug über die Dächer
Lokales Lübeck Atemberaubender Flug über die Dächer
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11:24 26.11.2013
Lübeck ist auch aus der Luft betrachtet eine wunderschöne Stadt. Hier fliegt Cessna-Pilot Markus Becker einen Vollkreis Dom, Mühlen- und Krähenteich. Quelle: Fotos: Rüdiger Jacob
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Lübeck

„Start frei“, kommt die Durchsage vom Fluglotsen des Blankenseeer Airport-Towers. „Take-Off“, sagt Markus Becker (41) mit ruhiger Stimme und drückt den Gashebel der Cessna-172 nach vorne. Schnell gewinnt die etwa 1200 Kilo schwere Maschine an Geschwindigkeit. Mit 110 Sachen hebt sie auf der Startbahn „zwei fünf“ in Richtung Whisky ab. Der Schnapsbegriff entstammt dem Fliegeralphabet und meint hier nichts anderes, als dass Becker in Richtung Nord-Westen fliegt. Whisky ist aber gleichzeitig auch die Bezeichnung für ein markantes Flugziel, nämlich die Querung der Bahntrasse über die Autobahn. „Und exakt dieses Ziel wird heute als erstes angeflogen“, erklärt Hartwig Hohensee (57), Chef der gleichnamigen Flugschule am Flughafen Blankensee. Heute ist Hohensee der Co-Pilot, sitzt rechts neben Becker.

Inzwischen hat der Flieger eine Steiggeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern erreicht, vom Start an dauert es nur vier Minuten, bis das Flugzeug die heutige Reisegeschwindigkeit von 200 Sachen drauf hat. Die Maschine ruckelt ein wenig, trotz Thermik ist die Luftmasse nur wenig „bockig“, wie Hohensee schmunzelnd bemerkt. Es ist schwach windig, die (gute) Sicht liegt bei 50 Kilometern. Nach einer Rechtskurve ist schon das „Maritim“ zu sehen, ziehen Autobahnkreuze, Felder, Wiesen und Wälder nur so dahin. Über den Pariner Berg geht es in Richtung Travemünde, den Priwall, den Fischereihafen, und noch einmal um das markante „Maritim“, das von oben wie eine weiße Streichholzschachtel aussieht. Sehr ordentlich die Anordnung der Strandkörbe, einer adrett neben dem anderen, alle im rechten Winkel zueinander. „Das sieht man in keinem anderen Land“, schmunzeln Hohensee und Becker. Sie verständigen sich über Headsets und kommunizieren den ganzen 45-minütigen Flug über.

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„Das ist in der Fliegerei immens wichtig“, erklärt Becker. Auch der Funkkontakt mit dem Tower ist innerhalb der sogenannten Kontrollzone vorgeschrieben.

Vorschrift sind auch die vielen Checks, die akribisch abgearbeitet werden. Los geht es bereits am Boden. Dann gibt es den Außencheck, den Check vor und nach dem Take-Off — und natürlich den während des Landeanfluges. Vier Personen haben in der weißen, schnittigen Maschine Platz. „Putzzeug ist auch immer an Bord“, sagt Becker, lacht und greift zum Schwamm, um Fliegendreck abzuwischen. Der 41-jährige Jurist ist als Pilot an der Flugschule für Luftrecht zuständig. Becker und Hohensee könnten den Flieger auch problemlos per Autopilot fliegen lassen. Aber das machen sie nicht. „Die Flugschüler wissen natürlich, wie der Autopilot funktioniert, aber fliegen sollen sie selbstverständlich alleine können.“

Inzwischen hat Becker wieder Kurs auf die Stadt genommen, überfliegt den markanten Punkt „November“ — was früher die Herrenbrücke war und heute die Stelle des Tunnels ist — und ist schon über dem Hafenbereich. Aus 400 Metern Höhe wirkt die „Lisa von Lübeck“ wie ein Spielzeugschiff. Majestätisch grüßt die Altstadtinsel, hier dreht der Pilot ein paar Vollkreise, wie auch über dem in der Abendsonne wunderschön anzusehenden Dom — und kündigt dem Mann am Tower in Blankensee an, dass er die Kontrollzone erreicht hat. Außerhalb davon ist der Pilot ausschließlich eigenverantwortlich an die Sichtflugbedingungen gebunden. Bewegt er sich innerhalb der Kontrollzone, hat er alle Anweisungen — wie etwa Flughöhe und Anflugrichtung sowie Warnhinweise auf Segel- oder Modellflugbetrieb — zu beachten. Becker steuert das Flugzeug zum Aufsetzpunkt der Runway fünf“, setzt sanft auf und verlässt die Bahn über den Rollweg „Bravo“. Ein Abschluss-Check, Eimer und Putzzeug raus — und weg mit dem Fliegendreck. Bis zum nächsten „Take-Off“ muss alles wieder blitzen.

Rüdiger Jacob