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Lübeck „Auf dem Priwall wird zu sehr auf Tourismus gesetzt“
Lokales Lübeck „Auf dem Priwall wird zu sehr auf Tourismus gesetzt“
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12:12 19.07.2015
Der Priwall mit der „Passat“: Touristen lieben die Halbinsel, aber immer weniger junge Familien wollen dort wohnen. Quelle: Fotos: Bernd Kete Koop, Hellerling (3)
Travemünde

Der große Raum ist nahezu leer, nur noch ein paar Tische und Stühle stehen im Inneren der Kita „Arche Noah“ am Priwallhafen. Am Freitag sitzen die Kinder und ihre zwei Betreuerinnen mittags das letzte Mal zusammen, spätestens um 13.30 Uhr werden die Kleinen von ihren Eltern abgeholt. Danach ist Schluss, die „Arche Noah“ schließt für immer — die einzige Kita des Priwalls ist Geschichte.

Es ist die erste Kita seit 2009 in Lübeck, die geschlossen wird — in den Folgejahren wurden ausschließlich neue eröffnet. Der Grund für das jetzige Aus: Die Einrichtung lohnt sich nicht mehr. Das Kitawerk, Träger der „Arche Noah“, hatte bloß vier Anmeldungen für das neue Kitajahr. Hinzu kommt, dass das provisorische Quartier am Priwallhafen wegen des Waterfront-Projekts demnächst weichen muss. Ursprünglich war die „Arche Noah“ im ehemaligen Priwall-Krankenhaus zu Hause, das ebenfalls abgerissen wird. „Der Standort war gefährdet, daher haben wir uns für die Schließung entschieden“, sagt Diakoniepastorin Dörte Eitel, Geschäftsführerin des Kitawerks. Alle Kinder seien aber in anderen Einrichtungen untergekommen.

Der Altersdurchschnitt auf dem Priwall wird damit noch weiter steigen, nur 10,9 Prozent aller Einwohner waren 2013 jünger als 45 Jahre. Seit mehr als einem Jahrzehnt sinkt die Einwohnerzahl, 2013 gab es keine einzige Geburt. Selbst in der „Arche Noah“ spielte zuletzt bloß ein Kind, das auch wirklich auf dem Priwall lebte — alle anderen kamen aus Travemünde oder Mecklenburg-Vorpommern. „Wir würden gerne hier leben“, sagt die 29-jährige Mutter Christiane Lewenhardt. Ihr Sohn John (6) ging immer in die „Arche Noah“, jetzt wird er eingeschult. Die Familie aus Pötenitz suchte nach etwas Passendem auf der Halbinsel. „Aber hier gibt es keine Drei-Zimmer-Wohnungen.“ Entweder waren es große Häuser oder Ferienwohnungen. Hinzu kommt, „dass auf dem Priwall kaum etwas los ist“. So blieb nur Travemünde, auch wenn der Mann im Rosenhof arbeitet und nun pendeln muss.

Gudrun Lempe, die seit 51 Jahren auf dem Priwall lebt und am Hafen eine kleine Bierbude besitzt, erinnert sich an bessere Zeiten:„Früher war hier wesentlich mehr Leben.“ Doch es fehle an allem:

Supermarkt, Busverbindungen, Wohnungen „und jetzt auch noch keine Kita mehr“. Von der teuren Fähre ganz zu schweigen. „Im Winter liegt hier alles im Halbschlaf.“

Genau diese Ruhe schätzt Birthe Dietrich (40). „Für Kinder ist es das Beste.“ Sohn Tim (10) ging schon in die „Arche Noah“, Lea (6) hatte jetzt ihren letzten Kita-Tag. Die Mutter hat eine Vermutung, warum der Priwall so unattraktiv ist: „Es wird zu sehr auf Tourismus gesetzt.“ In der Vergangenheit seien viele Spielplätze verschwunden und stattdessen Ferienhäuser gebaut worden. Deshalb steht die 40-Jährige auch Waterfront skeptisch gegenüber. „Ich möchte, dass der Priwall urig bleibt.“ Gudrun Lempe dagegen setzt große Stücke auf das Bauprojekt und alles, was es an Pendlern, Arbeitsplätzen und Wohnungen mit sich bringen könnte. „Ich hoffe, dass es dann endlich wieder aufwärts geht.“

Kein Stadtbezirk ist älter
1448 Menschen haben im vergangenen Jahr auf dem Priwall gelebt, das geht aus dem Statistischen Jahrbuch 2014 hervor. Das sind 23 Personen oder 0,7 Prozent weniger als noch 2013. Zum Vergleich: 2005 lebten noch 1567 Priwall-Bewohner auf der Halbinsel, seitdem gingen die Zahlen kontinuierlich nach unten. Aus dem Statistischen Jahrbuch geht auch hervor, dass es 2013 keine einzige Geburt auf dem Priwall gegeben hat. Gleiches gilt für die Stadtbezirke Beidendorf, Blankensee, Brodten, Oberbüssau, Pöppendorf, Reecke, Teutendorf und Vorrade.
89,1 Prozent der 1471 Priwall-Bewohner (Stand 2013) waren älter als 45 Jahre. Damit steht die Halbinsel auf dem 35. und letzten Platz beim Durchschnittsalter aller Bezirke der Hansestadt. Doch der Priwall fällt in der Statistik auch positiv auf: Er ist mit nur 14 Prozent der Bezirk mit den wenigsten Single-Haushalten. Vorzugsweise Paare suchen sich demnach den Priwall als Wohnort aus.

Peer Hellerling

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