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Lübeck Bangen um den Studienplatz
Lokales Lübeck Bangen um den Studienplatz
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21:33 17.08.2018
Auswahl der Mediziner an der Universität: Christina Post (20) aus Münster stellt sich der Jury mit Dr. Sebastian Fetscher (v. l.), Dr. Maria Raili Noftz und Student Benjamin Kluwe zum 30-minütigen Gespräch. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen, Wolfgang Maxwitat (3)
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Lübeck

Die Vergabe von Medizin-Studienplätzen folgt einem einfachen Prinzip, zumindest numerisch: 20 Prozent der Studienplätze werden nach der Abiturnote vergeben, weitere 20 Prozent nach Wartesemestern und 60 Prozent nach dem Auswahlverfahren der Hochschule. An der Universität zu Lübeck sind das Auswahlgespräche vor einem dreiköpfigen Jury-Komitee. Die Abiturnote spielt aber auch hier eine zentrale Rolle.

Die Bewerbung für den Medizin-Studienplatz ist kein Spaziergang. Zumindest für die, die keinen Schnitt jenseits der 1,0 mitbringen. Mehr als 1800 junge Leute haben sich dieses Jahr auf einen der begehrten Plätze in Lübeck beworben. Ein kleiner Teil wurde zu Auswahlgesprächen eingeladen.

„Ich habe einen Schnitt von 1,3 im Abi gehabt“, sagt Tabea Müller (20) aus Regensburg. Mithilfe des Medizinertests (TMS) aber konnte sie ihren Schnitt aufbessern, jetzt hat sie einen Numerus Clausus (NC) von 0,9. „Es gibt aber noch immer keine Garantie, dass ich einen Platz bekommen werde.“ Müller hatte sich bereits das Jahr zuvor beworben, war jedoch abgelehnt worden. Seitdem arbeitet sie im Krankenhaus. Dort hatte sie erst ein fünfmonatiges Pflegepraktikum absolviert. Nun ist sie seit einiger Zeit in der Urologischen Hochschulambulanz tätig. „Für mich steht 100-prozentig fest, dass ich das machen möchte“, sagt sie. „Der Studiengang ist wissenschaftlich geprägt, was mir liegt.“ Der Beruf bringe jeden Tag neue Herausforderungen mit sich.

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„Man hat viel mit Menschen zu tun und so viel Abwechslung. Ich muss das einfach unbedingt machen.“

Doch wie Tabea Müller geht es auch vielen anderen Bewerbern. Die Plätze sind hart umkämpft. Celine Hoene, Medizinstudentin im neunten Semester, hat das Prozedere selbst durchlaufen. Jetzt sitzt sie mit Prof. Dr. Jennifer Hundt und Privatdozent Dr. Mahdy Ranjbar im Jury-Komitee. „Ich finde es einerseits ein superschönes Erlebnis, hier in der Jury zu sein“, sagt sie. „Aber man hat natürlich auch eine große Verantwortung. Auf der anderen Seite ist es aber auch toll, diesen Spirit noch einmal zu erleben.“ Auch Hoene selbst hatte damals über das Auswahlgespräch einen Studienplatz angeboten bekommen. Jetzt, wo sie auf der anderen Seite des Tisches sitze, merke sie aber nur noch intensiver, wie unterschiedlich weit die Bewerber in ihrem Leben und auch ihrer Entwicklung seien.

„Heute hatten wir eine Bewerberin bei uns, die für ein Jahr in Uruguay war, um Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren zu betreuen, die Schlimmes durchgemacht haben“, erzählt Prof. Dr. Jennifer Hundt. „Sie hat erzählt, dass sie die ersten Monate, weil sie ja fast genauso alt war wie die Kinder, die sie betreuen sollte, gar nicht von denen ernst genommen wurde. Die haben ihr ins Gesicht gespuckt. Sie hat trotzdem weitergemacht, und es ist besser geworden.“ Wer sich durch derartige Situationen durchgebissen habe, bringe „natürlich ganz andere Lebenserfahrungen mit“.

Die Auswahlgespräche dauern je Bewerber gut eine halbe Stunde. Es geht vor allem darum, seine Motivationen zu begründen. Aber die angehenden Studenten sollen auch zeigen, dass sie in stressigen Situationen einen klaren Kopf behalten und über ein sicheres Auftreten verfügen. „Ein bisschen setzen wir die Bewerber schon unter Druck, auch um zu gucken, wie sie darauf reagieren“, erklärt Ranjbar. „Man merkt auch schnell, ob die Sachen im Lebenslauf einfach nur dahingeschrieben sind oder ob sich jemand tatsächlich mit etwas befasst.“ So sei ein Bewerber dagewesen, der in seinem Lebenslauf angegeben hatte zu tauchen. Prompt kam die Frage, ob er wisse, was die Taucherkrankheit sei. „In diesen Situationen merkt man, was hinter einem Lebenslauf steckt“, so Ranjbar. Übrigens:

Der Bewerber wusste die Antwort. Wer von den Bewerbern sich ab Oktober zu den glücklichen neuen Medizin-Studenten zählen darf, wird Anfang September bekanntgegeben. „Das war jetzt eine große Chance für mich“, sagt Tabea Müller. „Aber bis die Bescheide rausgeschickt werden, sitze ich auf heißen Kohlen.“

Von Josephine Andreoli

17.08.2018
17.08.2018