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Lübeck Bei Anruf Hamburg: Lübeck will Service-Center
Lokales Lübeck Bei Anruf Hamburg: Lübeck will Service-Center
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09:39 07.12.2015
Wer in Lübeck anruft, könnte bald in Hamburg landen.
Lübeck

Anschluss unter neuer Nummer: Die Stadtverwaltung will die Behördennummer 115 einführen. Für alle Nachfragen bei der Stadt sollen die Lübecker die Direktwahl 115 wählen. Das Bundesinnenministerium will diese Nummer seit 2009 deutschlandweit etablieren — wie die 110 für die Polizei und die 112 für Rettungsdienst und Feuerwehr. Konkret landen die Anrufer bei der 115 dann in einem Service-Center, das sich viele Kommunen und Städte teilen. Im Norden hat es seinen Sitz in Hamburg. Aus Schleswig-Holstein machen unter anderem Kiel, der Kreis Pinneberg sowie Hamburg mit. Pikant: Selbst wenn die Lübecker die Stadtzentrale 122-0 anrufen, sollen sie im Service-Center in Hamburg landen.

Finanziell lohnt sich die Behördennummer aber nicht: Denn Lübeck müsste für die 115 unterm Strich 300000 Euro pro Jahr zahlen. Denn: Das Mitmachen an dem 115-Verbund kostet 530000 Euro im Jahr, spart aber nur 230000 Euro. Allerdings würde der Service für den Bürger verbessert, heißt es im Bericht der Stadt. Die 115 ist montags bis freitags von 7 bis 19 Uhr besetzt. Zudem würden 15 Prozent der Besuche der Lübecker in der Verwaltung entfallen. Und: 65 Prozent der Bürgeranfragen würden beim ersten Anruf im Service- Center beantwortet werden. Vor allem: Die Mitarbeiter der Stadt könnten konzentrierter arbeiten und würden weniger gestört. Die Beschäftigten in der Telefonzentrale sollen versetzt werden.

Sehr kritisch bewerten Linke und Grüne die 115-Nummer. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Ragnar Lüttke (Linke). Das Ganze bedeute für Lübeck „mehr Geld für weniger Leistung“. Denn die fünf Stellen in der Telefonzentrale würden an anderer Stelle eingespart. Außerdem müssten die Lübecker in Hamburg anrufen, um Auskünfte der Lübecker Stadtverwaltung zu bekommen. „Die in Hamburg kennen sich doch gar nicht in Lübeck aus“, sagt Lüttke.

Auch Michelle Akyurt (Grüne) glaubt nicht an den Erfolg. „Das überzeugt so nicht.“ Das Projekt „kostet mehr Geld und bietet einen schlechteren Service“. Wenn die Lübecker in Hamburg anrufen, fehle der Ansprechpartner direkt vor Ort. Akyurt bezweifelt die Zahlen, die die Stadt vorlegt — und stützt sich dabei auf das Rechnungsprüfungsamt (RPA). Das bewertet die 115-Nummer ebenfalls kritisch.

„Wir halten die Betrachtung für mängelbehaftet“, schreiben die Kontrolleure der Stadt. Sie rechnen mit 760000 Euro Kosten, da die Mitarbeiter der Telefonzentrale bei der Stadt bleiben. Zudem sei das Sparpotenzial von 240 000 Euro virtuell. Wenn Mitarbeiter konzentrierter arbeiten, schlage sich das nicht in Zahlen im Haushalt nieder. Sie bezweifeln auch die anderen Berechnungen: Es würden lediglich 33 Prozent der Bürgeranfragen bereits beim ersten Anruf beantwortet werden — nicht 65 Prozent, so das RPA. Zudem glaube man nicht, dass 15 Prozent der Besuche der Lübecker in der Verwaltung wegfallen.

Zurückhaltend reagiert auch der Gesamtpersonalrat. Er wehrt sich vor allem gegen die Abgabe der 122-0 an das Hamburger Service-Center. „Das trifft die Beschäftigten in unserer Telefonzentrale“, kritisiert Edgar Hamerich, stellvertretender Vorsitzender. „Es werden erneut geringer vergütete Arbeitsplätze vernichtet“, so Hamerich. Außerdem: „Die Abgabe der Nummer 122-0 trägt nicht zur Bürgernähe bei.“ Er plädiert dafür, sich zwar der Behördennummer 115 anzuschließen, die Arbeit aber von den städtischen Mitarbeitern erledigen zu lassen — und nicht vom Hamburger Service-Center.

Die SPD sieht das ganz anders. „Der Bürgerservice verschlechtert sich nicht“, sagt Fraktionschef Jan Lindenau. Er habe Testanrufe gestartet — und hätte präzise Auskünfte erhalten, beispielsweise wo er einen Wohngeldantrag der Stadt Kiel finden könne. Für ihn ist die Behördennummer auch keine Privatisierung, weil eine Anstalt des öffentlichen Rechts die Aufgabe übernimmt. Die CDU ist noch unentschieden. Fraktionschef Andreas Zander:„Wir wollen erst Gespräche mit dem Personalrat führen.“

Josephine von Zastrow