Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Betreuer in Sorge: Keiner hilft Markus!
Lokales Lübeck Betreuer in Sorge: Keiner hilft Markus!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 19.04.2013
Anzeige
Lübeck

Einsam und traurig sitzt Markus (Name von der Redaktion geändert) auf seinem Bett. Der 15-Jährige lebt seit rund sechs Wochen allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Stockelsdorf. Das Gebäude ist eine ehemalige Seniorenunterkunft mit dunklen Fluren und kaputten Decken. Die Wohnung von Markus ist nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Eine einfache Küchenzeile, Bett und Regal sind die einzigen Möbel.

Persönliche Dinge sucht man hier vergeblich. Kein passender Ort für einen Jungen in seinem Alter. Die Wohnung wurde vom Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Lübeck (KJHV) angemietet, der vom Hamburger Jugendamt mit der Betreuung des 15-Jährigen beauftragt wurde.

Die Mutter hat

ihn verstoßen

„Ich habe eigentlich niemanden, der sich um mich kümmert“, erzählt Markus, wippt dabei mit dem Oberkörper hin und her und reibt sich immer wieder nervös die Hände. Er spricht leise, seine Sätze kommen dennoch klar rüber. „Meine Mutter will nichts mehr mit mir zu tun haben, sie interessiert sich nicht für mich, für sie bin ich tot“, sagt er.

Markus ist psychisch labil, bedarf dringender Betreuung und therapeutischer Hilfe — er ist ein sogenannter Borderliner. Wenn er sich überfordert fühlt, mit plötzlichen Veränderungen konfrontiert sieht, neigt er dazu, sich selbst zu verletzen. Das hat sein Betreuer Daniel Hettwich mehrfach miterlebt. Der Sozialarbeiter spricht von blutigen Nächten, in denen sich Markus Arme, Beine und das Gesicht zerkratzt hat. Daniel Hettwich erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen Arbeitgeber, den KJHV, und gegen das Hamburger Jugendamt.

„Markus wird in der Wohnung sich selbst überlassen. Eine intensive Betreuung, wie sie der Junge dringend benötigt, findet nicht statt“, sagt Hettwich. Einmal in der Woche kommt ein Mitarbeiter des KJHV vorbei und gibt Markus 35 Euro, damit er sich etwas zu essen kaufen kann. „Ich ernähre mich hauptsächlich von Dosengerichten aus dem Supermarkt, zu mehr reicht es nicht“, erzählt Markus. Er wünsche sich, dass Daniel Hettwich sich wieder um ihn kümmern darf — denn das ist ihm inzwischen nicht mehr erlaubt.

Rückblick: Im Sommer 2011 hatte Daniel Hettwich im Auftrag des KJHV die Intensivbetreuung des Jungen übernommen Das bedeutet: Beide zogen in eine Ferienwohnung, Hettwich war rund um die Uhr mit dem Jungen zusammen. Es gelang ihm, Vertrauen aufzubauen, einen geregelten Tagesablauf zu installieren. Markus besuchte regelmäßig die Schule. Seine Freizeit verbrachte er mit seiner Clique beim BMX-Fahren. Sein Wunsch ist es, einmal Zweiradmechaniker zu werden. Alles schien einen guten Verlauf zu nehmen. Versuche, den Jungen bei den getrennt lebenden Eltern zu integrieren, scheiterten. Auch bei der Tante klappte es nicht, sie gab entnervt auf. Daniel Hettwich war der einzige, zu dem Markus Vertrauen fassen konnte.

Doch der KJHV hat Daniel Hettwich die Betreuung entzogen. Im Januar hatte der Betreuer einen Hörsturz erlitten und war krankgeschrieben worden. Markus wurde in einer Jugendeinrichtung untergebracht.

Als seine Bezugsperson Hettwich ausfiel, brach für Markus eine Welt zusammen. Er reagierte mit Ablehnung und zog sich zurück, war für die Einrichtung nicht mehr tragbar.

Der Versuch, ihn bei der Mutter unterzubringen, scheiterte, weil deren neuer Lebenspartner mit Gewaltausbrüchen auf die Anwesenheit des Jungen reagierte. Nach zwei Tagen wurde er vor die Tür gesetzt, landete auf der Straße. Er schlief in U-Bahnhöfen oder kroch kurzzeitig bei Freunden unter. Und immer wieder rief er Daniel Hettwich an, bettelte um Hilfe. Der Sozialarbeiter wäre bereit, die Intensivbetreuung rund um die Uhr zu übernehmen, so wie er es schon einmal getan hat. Nachdem Hettwich nach eigener Darstellung vergeblich versucht hatte, seinen Arbeitgeber und das Jugendamt zum Eingreifen zu bewegen, brachte er den Jungen auf eigene Kosten in einem Hotel unter und drohte, die Presse zu informieren. Der KJHV untersagte Hettwich daraufhin den Kontakt zu Markus. Der Sozialpädagoge schaltete dennoch die LN ein und hat für diesen Schritt inzwischen die Kündigung erhalten.

„Ich musste etwas tun, damit der Junge nicht weiter sich selbst überlassen wird und vielleicht noch etwas Schlimmes passiert“, begründet er seinen Schritt. Mehrere Anläufe, mit dem Arbeitgeber zu sprechen und eine Lösung zu finden, seien gescheitert.

Jugendamt will den

Vorwürfen nachgehen

Zu den Vorwürfen, die Betreuung des Jungen nicht zu gewährleisten, wollten das Jugendamt Hamburg und der KJHV keine Stellungnahme abgeben. „Wir werden den Vorwürfen nachgehen, sind in Gesprächen mit dem KJHV“, sagte Jugendamtssprecher David Lause. Andrea Varner-Tümmler, Regionalleiterin des KJHV, sagte auf LN-Anfrage: „Wir arbeiten an einem Betreuungskonzept für den Jungen.“ Eine Gefahr für das Kind bestünde derzeit nicht.

Das Jugendamt Hamburg trägt die Betreuungskosten für Markus. Die hat der KJHV mit rund 115 000 Euro jährlich angesetzt. Darin enthalten sind tägliche pflegerische und pädagogische Aufwendungen wie die Kontrolle einer gesunden Ernährung und eines geregelten Tagesablaufs mit Aufstehen, Schulbesuch, Waschen, Putzen und Einkaufen. „All dies findet derzeit nicht statt“, sagt Hettwich.

„Meine Mutter will nichts mehr mit mir zu tun haben, für sie bin ich tot.“
Markus (15)

Heiko Pump

Rüdiger Jacob 25.11.2013
25.11.2013
25.11.2013