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Lübeck Bilanz nach 25 Jahren: Die alte Grenzregion boomt
Lokales Lübeck Bilanz nach 25 Jahren: Die alte Grenzregion boomt
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13:17 09.11.2014
Der Tag, an dem die Trabis kamen. Quelle: LN-Archiv
Lübeck

Heute vor 25 Jahren öffnete sich nach fast drei Jahrzehnten die innerdeutsche Grenze. In Berlin fiel die Mauer. Und auch aus Mecklenburg kamen die Menschen endlich wieder nach Lübeck und ins Herzogtum Lauenburg herüber. An vielen Orten wird das Jubiläum der Grenzöffnung heute gefeiert. In Ratzeburg erinnern der Landtag und die Kirchen gemeinsam an das Jahrhundert-Ereignis.

Mehr zum Fall der Mauer auf unserer Spezialseite: Der Mauerfall am 9. November

Nach 25 Jahren fällt auch die volkswirtschaftliche Bilanz der Wiedervereinigung für den Norden sehr positiv aus. „Seit Mitte der 1990er Jahre ist das Bruttoinlandsprodukt in Westdeutschland an die zehn Prozent höher, als es ohne die Öffnung des Eisernen Vorhangs gewesen wäre“, sagt der Kieler Ökonom Professor Johannes Bröcker. Und: „Je näher man an der Grenze gewohnt hat, desto mehr hat man gewonnen.“

Lübeck zum Beispiel habe ein knapp 20 Prozent höheres BIP. Selbst wenn man die Transfers von Staat und Sozialversicherungen abziehe und in der Grenzregion den Wegfall der Zonenrandförderung einrechne, bleibe der klarer Gewinn bestehen. Grund: die Öffnung neuer Märkte im Osten. Der Wegfall von Grenzen tue der wirtschaftlichen Entwicklung gut, das sei die Lehre aus dem „historischen Experiment“ Mauerfall.

Dass es auch einzelne Verlierer gab, können Wirtschaftsförderer berichten. „Wir haben in Lübeck eine Reihe von Unternehmen durch Abwanderung ins neue Mecklenburger Umland verloren“, sagt KWL-Chef Dirk Gerdes. Die finanzielle Förderung sei dort einfach zu gut gewesen. Die Mitarbeiter hätten zwar meist pendeln können, die Stadt aber habe Millionen an Gewerbesteuer verloren. Sozial und politisch sei die Grenzöffnung uneingeschränkt positiv zu bewerten, sagt Gerdes, aber Lübeck habe dafür eben nicht einfach nur den Soli bezahlt. Aus Stormarn wechselte zum Beispiel die Großbäckerei Kamps nach Lüdersdorf, sagt WAS-Chef Norbert Leinius. 40 Prozent Förderquote dort seien nicht zu toppen gewesen.

Diese Konkurrenz gebe es nicht mehr, heute arbeite man über die Ländergrenze hinweg in der Metropolregion Hamburg eng zusammen. „Die eine oder andere Verlagerung aus dem südöstlichen Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern hat uns geschmerzt, aber letztlich ist es ja in unserem ureigenen Interesse, dass die Gesamtregion Lübeck und Umland sich gut entwickelt“, sagt Kiels Wirtschaftsstaatssekretär Frank Nägele (SPD).

Mittelbar führte der Fall des Eisernen Vorhangs im Norden auch zum Abzug vieler Bundeswehr-Einheiten. Lübeck verlor zwei Kasernen, dazu zwei vom Bundesgrenzschutz. Einwohner hat die Stadt dennoch hinzugewonnen. 1992 wurde laut Statistikamt der Höchststand von 217 500 gezählt, 1988 waren es erst 210 681. Allein 1991 zogen 8282 Mecklenburger nach Schleswig-Holstein. Auch der Tourismus boomte. Die Zahl der Übernachtungsgäste stieg 1992 auf 22,1 Millionen, 1988 waren es erst 17,1 Millionen. Durch den vielen zusätzlichen Verkehr auf den kaum ausgebauten Ost-West-Straßen nahm allerdings auch die Zahl der Verkehrsunfälle zu, von 87 658 im Jahr 1988 auf 90 721 im Jahr 1990. 1995 sank die Zahl auf 68 654.

Was bleibt, ist in jedem Fall auch die Erinnerung an ein großes Volksfest, das sich am 9. und 10. November an den Grenzübergängen ganz spontan abspielte. Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) bekommt noch heute ein „Gänsehaut-Gefühl“, wenn er daran zurückdenkt. Schlie: „Ein Vierteljahrhundert später wissen wir: Es war ein großartiges Ereignis, für ganz Deutschland und für Lübeck und das Herzogtum Lauenburg.“ 

Alte Kasernen wurden zu neuen Wohngebieten

Gleich nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze zog es viele Bürger nach Schleswig-Holstein. Allein Lübeck konnte zwischen 1989 und 1990 den Zuzug von rund 10 000 Neubürgern registrieren. Das führte allerdings zu einem akuten Wohnungsproblem. Neue Wohngebiete wurden geplant. Im Norden schnellte die Zahl der jährlich fertiggestellten Wohnungen in Mehrfamilienhäusern von 1988 an von 7522 über 8759, 10 498, 13 913, 15 143 und 20 740 auf 23 801 Wohnungen im Jahr 1995 in die Höhe. In Lübeck nutzte man auch die Gelände jetzt leerstehender Kasernen, um Wohnhäuser zu bauen. Auf dem Gelände der Waldersee-Kaserne entstanden 900 Wohnungen.

Von Wolfram Hammer