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Lübeck Bürgerschaft will Schulze-Schlachthof
Lokales Lübeck Bürgerschaft will Schulze-Schlachthof
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10:05 02.02.2017
„Es ist noch ein langer Weg. Thorsten Schulze, Investor Quelle: Archiv
St. Lorenz Nord

 Mit einem Kaufhof, mit 130 Wohnungen und unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes. Das beschlossen CDU, BfL, Freie Wähler & Die Linke und FDP mit einer Stimme Mehrheit gegen SPD, GAL und Grüne. Die FDP spricht schon vom „Startschuss für die Bebauung des ehemaligen Schlachthof-Geländes“, und für die BfL „sind nun endlich die Würfel gefallen“. Dabei kam die Mehrheit von einer Stimme zufällig zustande – zwei Abgeordnete von SPD und GAL fehlten wegen Krankheit.

 

Seit über zehn Jahren verfällt der ehemalige Schlachthof. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Seit September ruhte der Antrag der bürgerlichen Fraktionen in der Stadtvertretung, wurde immer wieder verschoben. „Endlich geht es voran“, erklärt BfL-Fraktionschef Marcel Niewöhner, „wir schöpfen die Hoffnung auf ein Durchstarten des Projektes.“ FDP-Fraktionsvorsitzender Thomas Rathcke: „Wir sind guter Hoffnung, dass es auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände vorangeht.“ Das seit elf Jahren brachliegende Areal sei zu einem Schandfleck verkommen. Lübeck benötige dringend bezahlbaren Wohnraum, der hier geschaffen werden könne. Beide Fraktionen verbinden diese Hoffnung mit der neuen Bausenatorin Joanna Glogau.

Damit geben sie dem amtierenden Dezernenten Franz-Peter Boden (SPD), der Ende April aus dem Amt scheidet, noch einen mit. Denn Bodens Bauverwaltung will Schulze und seinen Kaufland dort nicht. Das Warenhaus sei mit 3800 Quadratmetern Verkaufsfläche zu groß für diesen Bereich. Um Alternativen zu den Schulze-Plänen vorzulegen, schlug die Bauverwaltung zwei andere Varianten vor – ohne einen großen Kaufland. Diese beiden Alternativvarianten habe die Bürgerschaftsmehrheit nun zurückgewiesen, erklärt Christopher Lötsch (CDU), Vorsitzender des Bauausschusses: „Es ist ein eindeutiges Votum gefallen, in welche Richtung es gehen soll. Die Bürgerschaft will nur noch die Lösung von Schulze.“

Der nordfriesische Projektentwickler, der das 31000 Quadratmeter große Gelände vom früheren Schlachthofbetreiber Vion erwarb, will an diesem Standort rund 25 Millionen Euro investieren. Schulze hat sein Konzept wieder und wieder nachgebessert, um die Zustimmung der Politiker zu erhalten. Im September wurde er auf dem falschen Fuß erwischt, als die Denkmalpflege das Gelände plötzlich unter Schutz stellte – als einzig erhaltener Seegrenzschlachthof und Zeuge des Industriezeitalters. Doch der Investor sieht Möglichkeiten, sein Projekt erneut so zu verändern, dass der Denkmalschutz gewahrt wird. „Wir werden einen Kompromiss erarbeiten.“ Froh ist Schulze jedenfalls, dass die alternativen Varianten vom Tisch sind.

Jörg Hundertmark, Wirtschaftspolitiker der SPD, hält es noch nicht für ausgemacht, „dass es automatisch zur Umsetzung von Schulzes Plänen kommt“. Die SPD setze weiterhin auf einen „verträglichen Discounter“, also einen deutlich kleineren Markt als den Kaufland. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, so SPD-Fraktionschef Jan Lindenau. Die Bauverwaltung verweist darauf, „dass die letztendliche Entscheidung über eine Modifizierung dem Bauausschuss obliegt“. Die aktuelle Beschlusslage im Bauausschuss sei, dass drei Varianten – und eben nicht nur der Schulze-Plan – verfolgt werden. Denn der Investor müsse die Auflagen des Denkmalschutzes einarbeiten. Die Bauverwaltung: „Falls die Variante des Investors nicht umgesetzt werden kann, muss in Alternativen gedacht werden.“

Auch für den Bauausschussvorsitzenden Lötsch ist der jetzige Beschluss nur eine Vorentscheidung. Den Aufstellungsbeschluss, den die Bürgerschaft bestellt hat, muss der Bauausschuss absegnen. Und ob da noch die gleichen Mehrheiten stehen? Investor Schulze ist klar: „Es ist noch ein langer Weg.“ Doch sowohl Kaufland als auch die Elmshorner Firma Semmelhaack, die die 130 Wohnungen bauen soll, seien dem Projekt weiterhin treu.

Brache seit 2006

1881 beschloss Lübeck den Bau eines städtischen Schlachthofes. Zwischen Schwartauer Allee und Katharinenstraße entstand auf einer Fläche von 1,7 Hektar eine neue Anlage, die 1884 den Betrieb aufnahm. 1974 wurde das Amt für Schlachthöfe und Marktwesen aufgehoben, seitdem führte der Vion-Konzern die Anlage privat.

2006 stellte Vion den Betrieb in Lübeck ein. Am 1. Juli 2006 war offiziell Schluss. Seitdem verfällt das Werk.

 Kai Dordowsky