Busfahrer streiken in Lübeck: Chaos bleibt aus
Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Busfahrer streiken in Lübeck: Das große Chaos ist ausgeblieben
Lokales Lübeck

Busfahrer streiken in Lübeck: Chaos bleibt aus

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:25 29.09.2020
Wann kommt er denn? Ruth Kohn (85) hat am Dienstagmorgen vom Streik der Busfahrer erfahren und musste ein Taxi zum Arzt nehmen. Zurück ging es mit dem Bus – auf den sie lange gewartet hat.
Wann kommt er denn? Ruth Kohn (85) hat am Dienstagmorgen vom Streik der Busfahrer erfahren und musste ein Taxi zum Arzt nehmen. Zurück ging es mit dem Bus – auf den sie lange gewartet hat. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Anzeige
Lübeck

Sie hält Ausschau, aber da kommt nichts. Ruth Kohn sitzt auf einer Bank am Lübecker Zob und wartet auf einen Bus Richtung Buntekuh. Es ist etwa 9 Uhr morgens. „Ja, ich weiß, es ist Streik. Das habe ich heute Morgen gelesen. Deswegen musste ich ja auch ein Taxi nehmen, um zum Arzt zu kommen“, sagt die 85-Jährige. „Aber irgendwann werden die Busse ja wieder fahren, hoffe ich. Das ist alles sehr ärgerlich. “

Der LN-Newsletter aus der Hansestadt Lübeck

Alles, was Lübeck voranbringt: Sie bekommen diesen Newsletter jeden Montag gegen 18 Uhr kostenlos in Ihr Postfach. 

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Verdi-Warnstreik in Lübeck: Busse stehen von 3 bis 9 Uhr still

Ruth Kohn ist nicht die Einzige, die sich am Dienstagmorgen geärgert hat. Denn die Gewerkschaft Verdi hat Busfahrer des Lübecker Stadtverkehrs zu einem Warnstreik aufgerufen – und alle sind dem Aufruf gefolgt: Kein Schüler ist morgens mit dem Bus zur Schule gekommen, kein Arbeitnehmer zur Arbeit. Der Gewerkschaft geht es um bessere Arbeitsbedingungen, einheitliche Regelungen und einen Manteltarifvertrag für Busfahrer.

Das kann nicht jeder nachvollziehen. „Schon wieder Streik?“, fragt eine Frau, die gerade am Zob angekommen ist, ungläubig. „Das gibt es doch nicht, ich kann das nicht verstehen.“ Die blonde Frau ist flott unterwegs, arbeitet als Reinemachefrau. Mit ihrem ersten Job an diesem Morgen ist sie schon fertig, nun muss sie zum nächsten. „Was passiert, wenn ich einfach streiken würde? Genau, ich wäre arbeitslos. Man weiß doch bei der Vertragsunterschrift, auf welche Arbeitsbedingungen man sich einlässt.“

Taxifahrerin: „Kaum Geschäft, die Leute sind vorbereitet“

Arian Rexaepi hat mehr Verständnis für die Busfahrer – obwohl er auch selbst betroffen ist. „Ich wusste nichts von dem Streik und bin gerade aus Hamburg gekommen, weil ich zur Arbeit muss“, sagt der 19-jährige Fliesenleger, der in die Straße Große Altefähre will und sich bereits damit abgefunden hat, dass er zu spät kommt. „Ich kann die Busfahrer verstehen, es ist kein einfacher Job. Aber jetzt muss ich schnell los, sonst kann ich gleich wieder eine Bahn zurücknehmen.“

Vor dem Bahnhof steht seit den frühen Morgenstunden eine Reihe von Taxis. Die Fahrer hoffen auf Pendler, die mit der Bahn ankommen und vielleicht von dem Busstreik noch nichts gehört haben. „Kannste vergessen“, sagt eine Taxifahrerin, die einen der letzten Plätze in der Reihe hat. „Kaum Geschäft heute, die Leute haben sich alle vorbereitet und ihren Arbeitsweg anders organisiert. Ich habe heute um 5 Uhr angefangen, wie immer, und hatte bisher nur eine Tour. Enttäuschend!“

Der Verdi-Warnstreik der Busfahrer in Lübeck hat nicht zu Chaos in der Hansestadt geführt – die meisten Fahrgäste haben sich darauf vorbereitet. Aber einige kamen zu spät zur Arbeit.

Streik während Corona: Lübecker Stadtverkehr kritisiert Verdi

Um 9 Uhr haben die ersten Busse das Depot im Ratekauer Weg verlassen. Gerlinde Zielke vom Lübecker Stadtverkehr freut sich, dass der Streik vorbei ist – und übt Kritik an Verdi: „Dass gerade zu dieser Zeit, in der die Menschen durch Corona schon genug Schwierigkeiten haben, auch noch gestreikt wird, ist schwer zu verstehen“, sagt Zielke. „Wir bedauern die Situation für unsere Fahrgäste, die von dem Streik betroffen waren.“

Karl-Heinz Pliete von Verdi reagiert auf die Kritik vom Lübecker Stadtverkehr: „Klar, es ist eine schwierige Situation für alle. Aber die Busfahrer sind seit Corona durchgehend im Einsatz, die Arbeitsbelastung ist nicht weniger geworden – und wird nach wie vor nicht angemessen berücksichtigt“, sagt der Gewerkschafter. „Kein Bus in Lübeck ist heute Morgen rausgefahren: Wir sind zufrieden!“

Streik der Busfahrer: Um 9.30 Uhr kam der erste Bus zum Zob

Ruth Kohn ist nicht wirklich zufrieden – ihr Bus ist immer noch nicht da. Zuerst erreicht die Linie 1 gegen halb zehn den Zob, die anderen kommen später. „Na ja, nun kann es ja nicht mehr so lange dauern“, sagt Kohn in einem milden Ton. „Und ich finde es auch okay, dass die Busfahrer streiken: Sie stehen jeden Morgen so früh auf, das muss doch ordentlich entlohnt werden.“

Von Hannes Lintschnig