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Lübeck CSD in Lübeck: Gemeinsam anderen Mut machen
Lokales Lübeck CSD in Lübeck: Gemeinsam anderen Mut machen
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22:08 21.08.2015
Janick Seidel (24) hat sich mit 16 Jahren geoutet. Für ihn ist der Christopher Street Day mehr als nur eine bunte Party. Quelle: Lutz Roeßler
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Innenstadt

Er hat sich lange die richtigen Worte überlegt, um seiner Oma zu sagen, dass er einen Mann liebt. Völlig umsonst. „Das habe ich doch schon längst gemerkt“, hat sie gesagt und ihm zugezwinkert. Für Janick Seidel war sein Outing leicht. Seine Freunde und Familie haben keine große Sache daraus gemacht. Dabei hatte er sich Gedanken gemacht. Im Netz hatte er gelesen, wie junge Männer ihr komplettes soziales Umfeld verlieren. Umso wichtiger ist es für ihn, für seine Rechte zu kämpfen. Die kunterbunte Demo „Lübeck Pride“ zieht heute ausgelassen durch die Straßen der Hansestadt und zeigt Flagge mit ihren Regenbogenfarben. Und der 24-Jährige ist mittendrin.

Zum Gespräch hat er sich ein schickes Hemd in knalligem Rot ausgesucht. An seinem Handgelenk trägt er ein Bändchen vom vergangenen Christopher Street Day, und im linken Ohr hat er einen Ohrstecker.

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„Für viele sieht der CSD aus wie eine Party. Von außen wirkt das auch erstmal so. Aber ich würde nicht mitlaufen, wenn da nicht noch mehr dahinterstecken würde“, sagt Seidel. „Es geht schließlich um unsere Rechte.“

Wenn er daran denkt, dass Kanzlerin Angela Merkel sich immer noch gegen die Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern ausspricht, kann er nur den Kopf schütteln. „Da weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagt er. Das bekomme er einfach nicht in seinen Kopf rein, wieso ein Land wie Deutschland das nicht auf die Reihe kriegt. Während das selbst in den USA möglich sei. Er selbst kann sich vorstellen, mal zu heiraten. „Wenn der Richtige kommt.“ In Lübeck fühlt sich Seidel wohl. Vor zwei Jahren ist er aus Flensburg hergezogen. Über den CSD habe er viele Freunde gefunden.

Die Menschen hier seien tolerant. Nur ein paar mehr Bars und Clubs für die Szene wären toll. „Das ist in Hamburg schon besser.“ Der Angestellte bei der Post habe das Gefühl, dass die Menschen im Norden ziemlich locker sind. „Ich glaube, im erzkatholischen Bayern ist das schon schwieriger.“

Seidel war 16 Jahre alt, als er sich das erste Mal verliebte. In einen Praktikanten auf seiner Arbeit. Davor waren ihm seine Gefühle gar nicht so richtig bewusst. Wochenlang surfte er im Netz und las alles, was er zu dem Thema finden konnte. „Ich bin sehr weltoffen, alternativ und grün erzogen“, sagt Seidel und grinst. „Daher fiel es mir leicht, das einfach anzunehmen.“ Doch er kenne viele, die sich lange gequält hätten.

Seine beste Freundin war die Erste, der er sich öffnete. Er erzählte ihr von seinen Gefühlen für den Praktikanten. „Ich habe ihr gesagt, den finde ich ganz süß. Und sie hat völlig erstaunt ,Was?‘

gefragt“, erinnert er sich. „Aber Frauen freuen sich eigentlich immer, einen schwulen Freund zu haben. Meine Mutter fragte mich seitdem immer bevor sie ausgeht, ob ihr Outfit okay ist.“ Wenn er in seine Heimat nach Flensburg fährt, geht er die beiden besuchen. Seiner Klasse wollte er es damals aber trotzdem nicht erzählen. „Hätte ich mich in der Schule geoutet , hätte ich wechseln müssen“, sagt Seidel. Auch sein Vater hat es erst später erfahren. Mit Vätern sei das so eine Sache. Weil seine Mutter stolz eine Regenbogenfahne bei Schüler VZ, einem sozialen Netzwerk, postete, erfuhr der es über das Netz. „Ich habe ein tolles Verhältnis zu ihm “, erzählt Seidel. „Wir haben den gleichen blöden Humor.“

Auf den CSD freut sich Seidel schon seit Wochen. Viele seiner Freunde sind mit dabei. Gemeinsam mit ihnen will er anderen Mut machen, stolz zu sein auf alles, was sie ausmacht.

Warm-up vor der Demo
Von der Bühne erklingt Chill-Out-Musik aus den Lautsprechern, die bunten Regenbogenflaggen leuchten in der Sonne — mit entspannter Sommerstimmung begann gestern das Straßenfest des Christopher Street Days (CSD) an der Obertrave. Seit drei Jahren schon läutet das Fest als Warm-up das CSD-Wochenende ein, gestern gab es bereits ein buntes Abendprogramm mit DJ- und Konzerteinlagen, bis heute Abend informieren Parteien sowie Lesben- und Schwulenverbände vor Ort über ihre Arbeit.
So etwa die in Stuttgart ansässige, gemeinnützige Organisation „100 Prozent Mensch“, die an ihrem Stand T-Shirts, Buttons und Schlüsselanhänger verkaufte. Mit dem Erlös unterstützt der Verein unter anderem die Aufklärungsarbeit an Schulen, „außerdem sammeln wir gerade Unterschriften für die Erweiterung des Paragrafen 52 der Abgabenverordnung“, sagt Organisationsmitglied Matthias Ehm. „100 Prozent Mensch“ fordert damit die Anerkennung der Gemeinnützigkeit von Körperschaften, die sich gegen die Ausgrenzung lesbischer, schwuler, bisexueller und transsexueller Menschen engagieren.
Heute findet dann die „Lübeck Pride“, die große Demo-Parade des CSD durch die Straßen der Hansestadt, statt. Start ist ab 13 Uhr an der Obertrave, die Organisatoren rechnen mit mehreren Tausend Teilnehmern und Zuschauern. Abends feiern die CSD-Teilnehmer ihre Abschlussparty „Surpreme“ im Schuppen 6 an der Untertrave. Der Eintritt kostet zehn Euro an der Abendkasse, im Vorverkauf kosten die Karten acht Euro. kad

Alessandra Röder