Cafés in der Lübecker Innenstadt: So überstehen sie die Krise
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Lübeck So kommen Lübecker Cafés durch harte Zeiten
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Cafés in der Lübecker Innenstadt: So überstehen sie die Krise

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09:00 05.09.2020
Jay (Jürgen) Wild bedient im Außenbereich unter dem Gerüst Melanie Zühlke, Beate Wichmann und Martina Mehr (v. l.). Dank einer kleinen Mietminderung und der treuen Stammgäste konnte das Café-Restaurant „Marae“ die Corona-Zeit glimpflich überstehen. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Innenstadt

Nach der Ankündigung, die Engelsbäckerei in der Großen Petersgrube zum Jahresende zu schließen, gibt es viel Zuspruch für Betreiberin Katharina Engelhard in den Sozialen Medien. Auf der Facebook-Seite von LN-Online beispielsweise schreiben vor allem Liebhaber des kleinen Cafés. „Das ist so schade! Eins der wenigen authentischen, persönlichen Cafés, wo noch richtig, richtig gut gebacken wird und der Service dazu noch erstklassig ist“, schreibt eine Leserin. Andere Kommentare lauten: „Hansestadt Lübeck, in vermeintlicher Schönheit sterben . . . „ oder „War doch schon immer so. Die Guten gehen zuerst.“

Kein Entgegenkommen, kaum Einnahmen

Katharina Engelhard hatte diverse Gründe für ihr Aufgeben genannt, unter anderem ging es um die Auflagen der Behörden – sie darf keine Sonnenschirme aufstellen, da es nicht ins historische Stadtbild passe. „Mir geht es um Gleichbehandlung, denn an vielen anderen Stellen in der Altstadt dürfen die Cafés Sonnenschirme aufstellen.“ Aufgrund von Corona, sagt Engelhard, „verbunden mit der mangelnden Bereitschaft des Vermieters, auf einen Teil der Miete zu verzichten, hätte ich ohnehin die Reißleine gezogen.“

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Kämpferisch durch die Krise

Auch andere Cafés haben in diesen Zeiten zu kämpfen. „Wir lassen uns nicht noch einmal unterkriegen“, sagt Dagmar Czudaj, Chefin des Cafés Czudaj am Klingenberg, das sie seit 2009 mit Tochter Nora führt. Sie und ihr Mann, Konditormeister Peter Czudaj, sind leidgeprüft: 2005 waren sie ins frisch sanierte Kanzleigebäude eingezogen, 2007 mussten sie Insolvenz anmelden: eine zu hohe Miete, zu wenig genehmigte Außenplätze im heißen Sommer 2006 – das brach den Czudajs damals das Genick.

„Wir können uns nicht beklagen“

„Wir hatten acht Wochen geschlossen“, sagt Nora Czudaj jetzt, „inzwischen haben wir zügig zu tun, dürfen aber deutlich weniger Gäste bewirten als sonst.“ Ein Drittel des Mobiliars aus dem Café musste aufgrund der Corona-Auflagen weichen, laut Nora Czudaj dürfen ohnehin nur 50 Gäste gleichzeitig bewirtet werden. Aber: „Wir können uns nicht beklagen, zum Beispiel haben wir für die ganzen vergangenen Monate die Sondernutzungsgebühr zurück erstattet bekommen.“ Und dass die Sonnenschirme weder Werbung tragen noch schwarz sein dürfen, stört die Familie ebenfalls nicht. „Es ist nicht einfach“, sagt Dagmar Czudaj über die Corona-Zeit und die Beschränkungen, „aber wir müssen damit leben“.

Das Café Czudaj am Klingenberg hat die Krise einigermaßen gut überstanden. Nach wie vor dürfen jedoch nur 50 Gäste gleichzeitig bewirtet werden. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Mietminderung ausgehandelt

Leben können damit auch Laura und Jay (Jürgen) Wild, die vor vier Jahren das vegan-vegetarisch-biologisch-kreative Café-Restaurant „Marae“ in der Engelsgrube eröffnet haben. Während des Shutdowns habe man sich mit dem Außer-Haus-Verkauf über Wasser gehalten, obschon das nur etwa zehn Prozent des normalen Umsatzes ausgemacht habe, sagt Jay. Aber: „Wir haben Soforthilfe bekommen und mit unserer Vermieterin eine Mietminderung ausgehandelt.“ Und weil das Café eine Nische bediene, „haben wir viele Stammgäste, die nach der Wiedereröffnung wieder zu uns kommen. Zwar habe das „Marae“ statt 13 Außentischen jetzt nur zehn und drinnen neun statt vor Corona 13. Das ganze Außenmobiliar müsse abends reingeräumt werden, eine Markise sei an dem denkmalgeschützten Haus nicht erlaubt. Doch momentan deckt ein Baugerüst die Außenfläche ab, „so dass unsere Gäste auf alle Fälle im Trockenen sitzen.“

Oft sind Probleme schon vorher da

Lübecks Dehoga-Chef Frank Denker deutet an, dass viele Gastronomen, die jetzt aufgeben müssten, auch vorher schon ihre Probleme gehabt hätten. „Viele denken, Gastronomie sei einfach – und gehen dann Verträge mit deutlich zu hohen Mieten ein.“ Zum Beispiel des Café „Marae“ sagt Denker: „Wenn man mit dem Vermieter und den Gästen ein Vertrauensverhältnis hat, wird man auch Krisen überstehen.“

Rücklagen und Präsenz halfen

Ähnlich wie Denker sieht es auch Anne-Marie Detlefsen, Betreiberin der Cafébar in der Hüxstraße, Ecke Balauerfohr. Bis zum 18. Mai war auch die Cafébar geschlossen, „jetzt sind alle aus der Kurzarbeit zurück, wir mussten sogar mehr Leute einstellen“, sagt sie. „Natürlich retten uns bei dem tollen Sommer die Außenplätze“ – acht für je zwei Personen. „Wir sind seit fünf Jahren hier, haben gut gewirtschaftet und Rücklagen. Außerdem haben wir Kurzarbeitergeld und Soforthilfe bekommen.“ Es habe aber auch geholfen, in der Krise durch die Sozialen Medien präsent zu bleiben.

Von Sabine Risch