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Lübeck Cybermobbing: Halbnackte Lübeckerin mit Video auf Facebook bloßgestellt
Lokales Lübeck Cybermobbing: Halbnackte Lübeckerin mit Video auf Facebook bloßgestellt
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21:30 05.03.2015
Quelle: dpa
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Lübeck/Köln

Halbnackt nur mit BH und Unterhose kniet sie neben einem Auto auf der Straße, das blonde Haar ist zerzaust — und die Wimperntusche zerläuft aufgrund der vielen Tränen: Auf Facebook ist ein etwa halbminütiges Filmchen gepostet worden, in dem eine 20-jährige Lübeckerin gedemütigt wird. Millionenfach wurde der Clip angeschaut und mehrere Tausend Mal geteilt. Inzwischen ermittelt die Polizei in diesem Cybermobbing- Fall, das Opfer erstattete Anzeige.

„Warum hast du mich beklaut?“, fragt ein unbekannter Mann in dem Clip. Die schluchzende Antwort der 20-Jährigen: „Weil ich eine Hure bin.“ Dann fragt er sie nach ihrem Namen und wo sie herkommt. Das Mobbing-Opfer gibt an, aus Lübeck zu sein. Der Halbminüter wurde auf Facebook mit dem Zusatz „Jungs überlegt euch das 2 mal ob ihr das Nächste mal eine abschleppt“ und drei lachenden Smileys hochgeladen. Die Kommentare unter dem Clip: viele amüsierte Äußerungen, aber auch Lob für die vermeintlich gerechte Strafe einer Diebin. Wieder andere kritisieren das Video als menschen- und frauenverachtend.

Die Polizei konnte den Ursprung des Filmchens bis nach Köln zurückverfolgen — dort wurde es zumindest ins Netz gestellt. „Die Wohnung des Facebook-Nutzers wurde auf Antrag der dortigen Staatsanwaltschaft durchsucht“, sagt Lübecks Polizeisprecherin Julia Engewald. Dabei sei ein Laptop sichergestellt worden. Gegen den Mann werde nun wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ ermittelt. Das Hochladen des Videos habe die Privatsphäre der jungen Frau erheblich verletzt. Dem Mann drohen eine Geldstrafe oder sogar ein Jahr Haft. Auf seiner Facebook-Seite wurde das Video inzwischen entfernt.

Gleichzeitig hat sich die 20-Jährige selbst an die Lübecker Polizei gewandt. Sie erstattete Anzeige unter anderem wegen Nötigung und Beleidigung. „Es besteht Tatverdacht gegen einen Mann“, sagt Engewald. Ob es sich dabei auch um denjenigen handelt, der den Clip bei Facebook online stellte, ist noch zu klären. Ebenso analysieren die Ermittler, wann und wo das Video entstand. Gestern wurde die 20-Jährige dazu genauer von der Kriminalpolizei vernommen.

Detlef Hardt von der Opferhilfe Weißer Ring kritisiert Cybermobbing massiv und bietet der 20-Jährige Hilfe an. „Es verletzt die Seele eines Menschen und zerstört Vertrauen.“ Das Thema gehe quer durch die Gesellschaft, betreffe aber vor allem die junge, online-affine Generation. Besonders im Gedächtnis ist ihm ein Fall vor ein paar Jahren, bei dem ein privates Sex-Video einer Frau im Internet auftauchte. Sie nahm sich letztlich das Leben, der Druck sei zu groß geworden. Hardt: „Die Folgen von Cybermobbing sind nicht abzuschätzen.“ Vor allem, weil das Internet nicht vergisst; ein einmal gelöschtes Filmchen kann im Netz weiter jahrelang zu finden sein.

Peer Hellerling