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Lübeck DGB: 5860 Lübecker können nicht von ihrer Arbeit leben
Lokales Lübeck DGB: 5860 Lübecker können nicht von ihrer Arbeit leben
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00:00 18.03.2017
 5860 Bürger in Lübeck können nicht von ihrer Arbeit leben und müssen zusätzlich Hartz IV beziehen. Quelle: fotolia
Lübeck

Mehr Jobs

92500 Bürger in Lübeck sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Zahl steigt seit elf Jahren kontinuierlich an.

20000 Lübecker arbeiten nach Angaben der SPD-Bundestagsabgeordneten Gabriele Hiller-Ohm zu Mindestlöhnen. Die Einführung des Mindestlohns hat in Lübeck nach Einschätzung der Agentur für Arbeit nicht zu Jobverlusten geführt.

 „Das ist untragbar“, sagt die Vorsitzende des DGB-Stadtverbandes, Edda Wolter, „wir brauchen dringend mehr Engagement gegen Niedriglöhne.“ Das höre sich dramatischer an, als es ist, kontert Sebastian Schulze von der Vereinigung der Unternehmensverbände Hamburg und Schleswig- Holstein (UV Nord).

800 Vollzeitbeschäftigte und 2045 Teilzeitbeschäftigte erhalten so geringe Löhne, dass sie zusätzlich Leistungen beantragen müssten. Hartz IV trotz Arbeit brauchen auch 144 Azubis, 1916 Menschen in Mini-Jobs sowie 606 Selbstständige. Der DGB-Stadtverband zitiert aus den offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. „Ein besonderes Problem sind die Minijobs“, sagt Edda Wolter. „Sie sind keine Brücke in reguläre Beschäftigung, sondern ein Armutsrisiko.“ Insbesondere für Frauen, die nach der Familienphase wieder in den Job einsteigen, würden diese Minijobs zur Sackgasse. Das hat das Frauenbüro bereits 2014 im Bericht „Frauen in Lübeck“ festgestellt. In der Altersgruppe von 35 bis 60 Jahren stellen Frauen 70 Prozent der Minijobberinnen. Die Folgen seien Altersarmut und starke Einbußen für die Sozialkassen. Bei den Vollzeitbeschäftigten sei die Leiharbeit verantwortlich für geringe Löhne, erklärt der DGB.

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Ab wann wird ein Arbeitnehmer zum Aufstocker? Das hänge von vielen Umständen ab, sagt Joachim Tag, Geschäftsführer des Jobcenters – vom Einkommen, der Zahl der Familienmitglieder und der Höhe der Miete. Eine Faustregel besagt: Wer als Single weniger als 1500 Euro brutto im Monat hat, kann schon zum Aufstocker werden. „Selbst bei 15 Euro Stundenlohn werden Arbeitnehmer zu Aufstockern“, rechnet der UV Nord vor. „Das liegt an den Lebensumständen und nicht immer an einer existenzbedrohenden Entlohnung.“

Die Bruttolöhne in Lübeck liegen laut einer bundesweiten Statistik der Agentur für Arbeit deutlich über den Löhnen im Osten und deutlich unter denen in den Metropolen wie München, Hamburg und Frankfurt, vielen Städten im Südwesten und Süden der Republik sowie deutlich unter denen in Kommunen mit Großkonzernen wie Leverkusen und Wolfsburg.

Der Lübecker DGB will vor allem den Minijobs zu Leibe rücken. „Unser Ziel ist, dass mehr Minijobs in sozialversicherte Arbeit umgewandelt werden“, sagt Edda Wolter. Ein Vorschlag dazu: Die pauschale Summe für Steuern und Sozialabgaben soll stufenweise abgebaut werden, so dass Minijobber in vollem Umfang in die Sozialsysteme einzahlen. Auch das Lübecker Jobcenter versucht, Minijobs in richtige Arbeit umzuwandeln. Arbeitgeber erhalten eine Umwandlungsprämie. Nach Angaben von Geschäftsführer Tag sind das 100 Fälle pro Jahr.

Das reicht den Gewerkschaften nicht. Sie attackieren das Jobcenter. „Es ist dringend notwendig, dass das Jobcenter sich mehr für die Beschäftigten im Leistungsbezug engagiert“, sagt Edda Wolter. „Wer sich in einer beruflichen Einbahnstraße befindet, braucht Unterstützung statt mehr Druck und Sanktionen.“ Die berufliche Qualifizierung der Betroffenen müsse vorangebracht werden.

Peter Petereit (SPD), Mitglied der Bürgerschaft und Vorsitzender des Jobcenter-Beirates, kann die DGB-Kritik nicht nachvollziehen. „Das Jobcenter kann Menschen qualifizieren, aber keine Jobs schaffen“, sagt Petereit. Alles, was die Behörde unternehme, werde in der Trägerversammlung beraten und genehmigt. „Im Beirat ist der DGB vertreten“, sagt der Vorsitzende. Einig seien sich SPD und DGB darin, dass „lebensunterhaltssichernde Beschäftigungsverhältnisse“ das Ziel sein müssen. „In Lübeck hat die SPD mit der Forderung nach einer Beschäftigungsgesellschaft einen möglichen Weg aufgezeigt“, sagt Petereit. Der wird aber nicht gegangen. Diese Beschäftigungsgesellschaft würde die Stadt zu viel Geld kosten.

Durchschnittseinkommen im Vergleich

3084 Euro beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen bundesweit. Der sogenannte Medianwert wird von der Bundesagentur für Arbeit angewendet.

2931 Euro beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen in Lübeck. Frauen verdienen 2762, Männer 3033 Euro. Ein Berufsabschluss bedeutet 800 Euro mehr.

3190 Euro beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen in Kiel. In der Stadt sind Ministerien, Landesbehörden und große Arbeitgeber zu Hause.

 Kai Dordowsky