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Lübeck Deponie Ihlenberg soll bis 2035 im Müllgeschäft mitmischen
Lokales Lübeck Deponie Ihlenberg soll bis 2035 im Müllgeschäft mitmischen
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21:10 07.02.2013
Hier wird Müll sortiert und wiederverwertet: Die Restabfallbehandlungsanlage ist ebenfalls Teil der Deponie Ihlenberg.
Hier wird Müll sortiert und wiederverwertet: Die Restabfallbehandlungsanlage ist ebenfalls Teil der Deponie Ihlenberg. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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„Europas größte Müllkippe“ wird die Deponie Ihlenberg bei Schönberg (Nordwestmecklenburg) oft genannt — mit Sicherheit gehört sie mit ihren 115 Hektar zu den größten. Mehr als die Hälfte davon wurde noch zu DDR-Zeiten befüllt. 24 Millionen Tonnen Abfall türmen sich dort auf, für weitere zehn Millionen ist noch Platz. Heute rauschen täglich 100 Müll-Lastwagen die B 104 entlang und kippen ihre Fracht dort ab. 500 000 bis 600 000 Tonnen im Jahr. Bis 2035 soll das so weiter gehen — jedenfalls wenn es nach dem Land Mecklenburg-Vorpommern geht. Es ist der Eigentümer der Gesellschaft für Abfallwirtschaft und Altlasten Mecklenburg-Vorpommern mbH (GAA), die Deponie ist eine 100-prozentige Tochter.

Die Deponie schreibt schwarze Zahlen, fährt jährlich Millionengewinne ein — und hat 300 Millionen Euro an Geldvermögen. Das legt Deponie-Chef Dr. Berend Krüger auf die hohe Kante — für die Zeit nach der Deponie. Stand heute wird die Nachsorge der Deponie mindestens 35 Jahre dauern — bis 2070 — und 464 Millionen Euro kosten. Mindestens. Die Grünen im Schweriner Landtag würden die Deponie lieber heute als morgen schließen. 2016 ist das von ihnen ausgegebene Ziel. Für Krüger eine utopische Annahme. „Wenn man die Deponie sofort schließen würde, dann wäre das Geld schnell alle.“ Denn die Deponie muss noch ein paar Jahrzehnte Geld verdienen, um genügend davon für die Nachsorge zu haben. „Das Geld wird gebraucht“, sagt Krüger.

Und Nachsorge braucht nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Aktuell misst der höchste Punkt der Deponie 117 Meter. Als Krüger vor zwei Jahren als Deponiechef anfing, waren es noch 118,6 Meter. „Sie hat sich um 1,6 Meter gesetzt“, sagt Krüger. Dabei stammt der Müllberg noch aus der alten Zeit, aus den 80er Jahren. Dort lagert wohl hauptsächlich Hamburger Hausmüll, sagt Krüger. Er hat ihn damals als Chef der Stadtreinigung selbst dorthin fahren lassen. Heute muss sich Krüger wieder mit dem Hamburger Hausmüll befassen. Denn auf dem Altteil der Deponie ist dieser nicht so abgedeckt worden, wie man das heute tun würde. Deshalb wird eine Multifunktionsabdeckung mit zehn, elf Schichten dort aufgebracht, später wird es alles bepflanzt.

An anderer Stelle ist schon Gras über den Hamburger Hausmüll gewachsen. Doch auch das ist noch ein Provisorium. Bis sich alles richtig setzt, braucht es mindestens zehn Jahre, meint Krüger. Dann soll die endgültige Oberflächenabdeckung, wie es im Fachjargon heißt, darauf. Auf dem Hang in Richtung Schönberg will Krüger damit 2016 anfangen, und er hat noch weitere Pläne: Ab 2020 kann er sich auf zehn Hektar Photovoltaik-Anlagen vorstellen. Die Pläne hat er im Aufsichtsrat schon vorgestellt. Außerdem will er 2014 zwei Windräder am Rande der Deponie aufstellen — es wären die ersten. Der Strom soll ins Netz abgegeben werden — eine weitere Geldquelle für die Deponie Ihlenberg. Eine Genehmigung für dieses Projekt liegt allerdings noch nicht vor.

Krügers Ideen gehen noch weiter. Er kann sich auf dem Altteil der Deponie ein Pumpspeicherwerk vorstellen. „Ich finde, das ist sehr interessant“, sagt Krüger. Auch wenn es noch Jahrzehnte zur Verwirklichung braucht. Die Weichen, ob so ein Wasserbauwerk kommt oder nicht, müssen jetzt gestellt werden. Der Plan ist, auf der Anhöhe eine Wasserbecken zu bauen und eines unten am Hang. „Es gibt ein natürliches Gefälle.“ Dafür müsste aber der obere Teil als Mulde, nicht als Berg aufgeschüttet werden. „Das muss man jetzt entscheiden.“ Krüger hat ausrechnen lassen, dass sich mit dem Pumpspeicherwerk in sechs Stunden zehn Megawatt produzieren lassen.

Die Zukunft klingt nach Öko. Doch die Deponie ist für gefährliche Stoffe ausgelegt. Der zuletzt so umstrittene Bauschutt aus dem Kernkraftwerk Lubmin wurde hier hergefahren, verseuchte Schlämme, Asbest. Dazu ist die Deponie da — und daraus wird ihr immer noch ein Vorwurf gemacht. Die Bürgerinitiativen haben Schönberg im Visier. Sie beklagen mangelnde Transparenz. Auch heute noch werden Messwerte bezüglich des Grundwassers nicht veröffentlicht. Denn auch die Landesbehörden in Schwerin haben dabei ein Wörtchen mitzureden. Dabei ist klar: „Wasser ist das größte Problem jeder Deponie“, sagt Krüger. Gemeint ist das schwarze Wasser. Das Wasser, das direkt aus dem Müllberg kommt, das Sickerwasser. Es wird aufgefangen und im Osmoseverfahren gereinigt. 120 000 Kubikmeter sauberes Wasser kommen pro Jahr heraus, 63 000 Kubikmeter dreckiges. Das wird mit Aschekalk verdickt zu einer Art Zement und wieder eingelagert. Durch ein neues Verfahren soll das dreckige Konzentrat bis 2016 auf 8000 Kubikmeter reduziert werden. „Darin ist die Schadstoffkonzentration dann aber höher“, sagt Krüger. Deshalb kommt es dann nicht mehr in die Deponie Ihlenberg, sondern in ein unterirdisches Lager — das für noch gefährlichere Stoffe ausgelegt ist als die Deponie.

Josephine von Zastrow