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Lübeck Der Strandbahnhof verkommt: „Imageschaden“ für Travemünde
Lokales Lübeck Der Strandbahnhof verkommt: „Imageschaden“ für Travemünde
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20:10 13.06.2015
Reisende betreten vom Bahnsteig kommend die Empfangshalle des Strandbahnhofs. Derzeit werden sie vor allem von Vogelkot, einem penetranten Geruch, Schimmel und leeren Geschäften begrüßt.
Reisende betreten vom Bahnsteig kommend die Empfangshalle des Strandbahnhofs. Derzeit werden sie vor allem von Vogelkot, einem penetranten Geruch, Schimmel und leeren Geschäften begrüßt. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
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Travemünde

Weit ist es nicht vom Strandbahnhof zum Vogelpark Niendorf. „Wer aber glückliche Schwalben und Tauben sehen möchte, kann gleich hier bleiben. Denn auch diese Halle ist ein echtes Tierparadies“, merkt sarkastisch ein Bahnreisender an, der gerade angekommen ist und das Empfangsgebäude verlässt. Nicht nur die laut zwitschernden, ein- und ausfliegenden Vögel zeugen davon, sondern auch ihre reichlichen Hinterlassenschaften auf den Bodenfliesen im Gebäude.

Mit den Worten „furchtbar, dreckig, mistig, unappetitlich“, beschreiben Karin und Peter Niedermeyer den Zustand des Gebäudes. Das Urlauber-Ehepaar aus Berlin, regelmäßig zu Gast im Ostseebad, war gerade im Welcome Center, um sich mit aktuellen Informationen zu versorgen. Und mit dem Kommentar „Das wird ja immer schlimmer“ lässt sich Feriengast Barbara auf dem Kampe zitieren. Seit zehn Jahren ist sie Dauergast in Travemünde. Ihr Urteil: „Einfach desolat. Schimmel an den Wänden, geschlossene Toiletten, leere Geschäfte, offene Müllsäcke und dazu noch ein penetranter Geruch — ein unmöglicher Zustand.“

Das findet auch Doris Schütz, die für den letzten noch verbliebenen Dauermieter im Gebäude, die Lübeck-Travemünde Marketing GmbH (LTM), spricht: „Bei uns landen ständig Beschwerden von Gästen, die nicht mehr verstehen können, warum wir so eine verkommene Immobilie für unser hochwertiges ,Welcome Center‘ nutzen. So entsteht nicht nur Travemünde ein Imageschaden, sondern auch uns.“ Entsprechend suche man nach wie vor händeringend nach einer Ersatzfläche.

Verantwortlich für diesen erschreckenden Gebäudezustand ist die Deutsche Bahn AG (DB). Sie ist Eigentümerin des 103 Jahre alten Jugendstil-Denkmals, das von 2004 bis 2006 in großem Stile für insgesamt 2,3 Millionen Euro saniert worden ist. Neben der DB übernahmen die Renovierungskosten damals unter anderem die Hansestadt und die Possehl-Stiftung. Vor drei Monaten gab die Bahn allerdings bekannt, sich von der Immobilie trennen zu wollen. Nach LN- Informationen soll der Preis bei rund 900 000 Euro liegen.

Über konkrete Kaufinteressenten gebe es aber derzeit nichts Neues, so DB-Pressesprecherin Sabine Brunkhorst aus Hamburg, die zu weitergehenden Auskünften zum Zustand des Gebäudes nicht bereit war.

Dass die Stadt als Käufer einspringen könnte, weist Stadtsprecher Marc Langentepe zurück: „Ein Erwerb ist nicht geplant. Das ist weiterhin die Haltung der Fachbereiche Wirtschaft und Bauen.“

Auch Travemündes Kurdirektor Uwe Kirchhoff äußert inzwischen völliges Unverständnis über die Situation: „Das sieht nur noch schäbig aus. Und dieser Bahnhof ist mitnichten ein Aushängeschild für die Bahn und für Travemünde.“ Zudem strahle der schlechte Eindruck auf den Vorplatz und in die Bertlingstraße ab. „Eigentlich klingt Strandbahnhof nach Urlaub“, sagt Kirchhoff. „Und dann wird man so empfangen.“ Es müsse schleunigst etwas geschehen.

Schon vor längerer Zeit hat sich der Travemünder Ortsrat eingemischt. „Gerade in der letzten Zeit rufen mich immer mehr empörte Anwohner an und beschweren sich über diese ,Drecklauge‘“, sagt der erste Vorsitzende, Gerd Schröder (CDU). „Es riecht da, dass sie umfallen.“ Vorstandskollegin Sabine Haltern (SPD) ergänzt: „Wir haben schon an die Landesdenkmalschutzbehörde geschrieben und die Frage gestellt — ist die Bahn nicht wie jeder andere Privatier auch, der eine Immobilie besitzt, die unter Denkmalschutz steht, verantwortlich dafür, diese bestmöglichst zu erhalten?“

Taxifahrer Uwe Haack, der vor dem Bahnhof auf Gäste wartet, kommentiert: „Ich hätte nach der aufwendigen Sanierung 2006 nicht gedacht, dass dieses Schmuckstück jemals wieder so vor sich hinvegetieren könnte.“

Michael Hollinde

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