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Lübeck Die Gassigeherin vom Tierheim
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06:03 21.01.2019
Ursula Lorenz (78) beim Gassigehen mit „Samson“. Seit 20 Jahren hilft sie ehrenamtlich im Tierheim. Quelle: Cosima Künzel
Kücknitz

Zum resoluten Blick trägt sie eine schwarze Pudelmütze und roten Lippenstift. Ursula Lorenz (78) lässt sich nicht schnell einschüchtern. Auch nicht von Hunden, die einen Maulkorb tragen müssen. Seit 20 Jahren geht die Rentnerin ehrenamtlich mit Vierbeinern aus dem Lübecker Tierheim Gassi. Drei Mal die Woche, jedesmal mindestens vier Stunden.

Cocker Spaniel „Samson“ muss einen Maulkorb tragen. Ursula Lorenz (78) stört das beim Gassigehen nicht. Quelle: Cosima Künzel

„Ob klein, ob groß, ich nehme die, die es am nötigsten haben“, sagt sie und geht zum Auslauf. Dort sitzt Cocker Spaniel „Samson“ (8) und hebt in schnellem Rhythmus abwechselnd die Vorderpfoten. Vorfreude, Aufregung, Ungeduld. Mit lockigem Fell und sanftem Blick sieht er aus wie ein Kuschelbär. Aber der Kuschelbär hat ein Problem. Er ist schon zwei Mal vermittelt und beide Male zurückgebracht worden.

Tierpflegerin Elena Čujić (27) arbeitet im Tierheim Lübeck. Mit Hunden kennt sie sich aus. Quelle: Cosima Künzel

„Samson“ hat „ein Thema“, wie Tierpflegerin Elena Čujić (27) sagt. Das Thema von „Samson“ ist Ressourcen-Verteidigung. „Wenn er etwas für sich beansprucht, gibt er es nicht mehr her“, erklärt die Mitarbeiterin. „Nimmt man es weg, reagiert er aggressiv, fängt an zu beißen.“ Der Grund ist falsche oder fehlende Erziehung. „Der Hund kann nichts dafür“, betont die 27-Jährige, „er hat in jungen Jahren gelernt, dass er mit seiner Strategie durchkommt.“

Ursula Lorenz führt „Samson“ daher nur mit Maulkorb aus. „Wenn mir mein Handschuh runterfällt und er will ihn haben, könnte ich Probleme kriegen“, sagt sie, während sie auf die Straße geht. Sie hat einen einstündigen Fußmarsch vor sich. Je nachdem mit wie vielen Hunden sie geht, teilt sie sich die Strecken ein. Drei bis vier Gassirunden sind ihr Schnitt.

Ursula Lorenz (78) geht mit Cocker Spaniel „Samson“ eine Runde. Quelle: Cosima Künzel

Lorenz ist bei jedem Wetter zur Stelle – außer bei Glatteis. „Komm, mein Süßer“, ruft sie und stapft mit ihren blanken Gummistiefeln durch den Matsch voran. „Wir Gassigeher sind dafür da“, erzählt sie, „es den Hunden schön zu machen.“ Das ist die Motivation der Seniorin. „Hier im Tierheim kann ich so vielen Hunden helfen.“ Daher hat sie auch keinen eigenen zu Hause. „Nur“ eine Katze.

Schon als Kind hat sie Tiere lieben gelernt. „Meine Eltern hatten immer Schäferhunde und Katzen.“ Später kam ein Tier wegen Berufstätigkeit und vieler Reisen für sie nicht in Frage. Aber als sie nach 34 Jahren als Verkäuferin in Rente ging, suchte sie ein Ehrenamt. Im Tierheim kam sie auf den Hund. Heute sagt sie: „Hunde sind mein Ein und Alles. Was Menschen mit ihnen machen, sie quälen und schlagen, das verstehe ich nicht.“

Im Tierheim gibt es derzeit rund 50 Gassigeher. Voraussetzung ist ein Tagesseminar über das Verhalten der Tiere. Von den derzeit 55 Hunden dort müssen 45 einen Maulkorb tragen, weil sie gebissen haben. „Unser Riesen-Appell ist“, betont Tierpflegerin Čujić, „dass sich die Leute wirklich sehr genau überlegen, ob sie sich einen Hund anschaffen – und welchen.“

Sie schenkt den verstoßenen Hunden ihre Zeit

Das Team ist Ursula Lorenz sehr dankbar „für ihren unermüdlichen Einsatz, das offene Ohr und das große Verständnis“, das sie für die Hunde aufbringt. „Jeder noch so verhaltensauffällige Hund hat in Frau Lorenz eine Partnerin gefunden, die selbstlos und bedingungslos Gutes tut“, sagt Elena Čujić. Die Seniorin schenke den verstoßenen und abgeschobenen Hunden ihre Zeit, Liebe und Kraft. „Seit zwanzig Jahren, bei Wind und Wetter – auf Frau Lorenz ist Verlass. Mit ihrem Handeln setzt sie ein bedeutendes Zeichen für den Tierschutz.“

Das Tierheim Lübeck ist dankbar für die Hilfe der Ehrenamtlichen. Quelle: Cosima Künzel

Als Lorenz ihre Runde mit „Samson“ gedreht hat, fällt ihr noch ein Grund ein, warum sie die Tiere so liebt: „Hunde haben mich noch nie enttäuscht.“ Um ihre Schützlinge auszuführen, nimmt sie jedes Mal über eine Stunde Busfahrt und 20 Minuten Fußweg in Kauf. Zurück das Gleiche. Kein Grund, zu klagen. „Ich bin glücklich, wenn ich meine Hunde sehe“, sagt sie und marschiert mit dem nächsten Vierbeiner wieder los. Mit ihrer schwarzen Pudelmütze, den Gummistiefeln und einem Lächeln im Gesicht.

Cosima Künzel

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