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Lübeck Die nackte Drehbrücke
Lokales Lübeck Die nackte Drehbrücke
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21:15 28.02.2015
Eine Brücke voller Planer: Bauleiter Frank Edenharter (v. l.), Bereichsleiter Verkehr Stefan Klotz und Projektleiterin Ulrike Schölkopf besprechen den weiteren Ablauf der Sanierung der 123 Jahre alten Querung.
Lübeck

Sanfte Kurven, stählernes Rückgrat, geschwungene Schönheit: Das ist die Drehbrücke. Derzeit ist sie auf Verjüngungskur in ihrem eigenen Sanatorium mitten auf dem LMG-Gelände. Das Gebäude wurde extra für sie errichtet. Wer dort eintritt, vor dem ragt direkt das mächtige Monstrum aus Stahl in die Höhe. Ein Ende ist nicht abzusehen, es verschwindet irgendwo da hinten, außerhalb des Sichtfeldes. In diesem Haus voller Brücke werken 20 Mann an der alten Lady von 1892. Wird auch Zeit — nach 123 Jahren zum ersten Mal. Die betagte Dame ist hier aber nicht auf Wellness-Urlaub: Es ist eher eine Komplett-Operation mit extra Reha.

Da diese denkmalgeschützte 320-Tonnen-Brücke etwas Besonderes ist, ist an ihrer Frischzellenkur auch alles besonders. Das fängt schon beim Haus an. Es wurde nur für die stählerne Lady errichtet — oder genauer: um sie herum gebaut. Nachdem die massige Drehbrücke im Oktober mit Schwimmkran „Enak“ über die Trave geschifft und an der Kaikante der LMG gegenüber der Hafenstraße abgestellt wurde, bekam sie eigens ein Haus. Es besteht aus 24 Seecontainern, die übereinander gestellt sind und ein Rechteck bilden mit einer Länge von 50 Metern. Neun Meter ragt es in die Höhe und ist mit einem Holzdach zugedeckt.

Innendrin ruht die Querung breit und entspannt auf einer riesigen rautenförmigen Traverse. Auch dieses 22 Tonnen schwere Stahlbauwerk ist extra für die Drehbrücke angefertigt worden. Zusätzlich wird sie abgestützt auf 24 Pallungen — das sind massive, dreibeinige Stützen. Man kann gerade eben unter dieser lübschen Lady stehen. Extra Strom wurde für sie verlegt, eine Heizung gibt es auch. Auch wenn man zugeben muss, das davon vor allem die Männer von Bauleiter Frank Edenharter profitieren. Sie arbeiten seit Ende Oktober in diesem Haus ohne Tageslicht.

Und diese Herren haben die stählerne Lady jetzt erstmal nackig gemacht. Sandgestrahlt. Da der Korrosionsschutz giftig ist, musste das Haus um sie herum errichtet werden. Die Arbeiter durften nur mit Schutzanzügen und Atemschutzmasken ins Innere und mussten vier Sicherheitsschleusen passieren. Pünktlich zur Weihnachtszeit hatte die nostalgische Brücke ihr dreckiges Kleid abgelegt. Das lagert nun 160 Tonnen schwer in Big Packs an den Kaikanten — und diese Reste des Korrosionsschutzes und Sandstrahlgemisches werden untersucht, wie giftig sie denn nun sind.

Während also der Dreck schon draußen ist, geht es drinnen ans Eingemachte. Es ist eine Operation, die satte zehn Wochen dauert. Denn jetzt sind sechs Schweißer am Werk. Sie erneuern die schlimmsten Stellen der stählernen Schönheit. Der Rost hat sich in sie hineingefressen — vor allem dort, wo unterhalb der Brücke die drei Längsstreben auf die 26 Querstreben treffen. Fachlich klingt das so: „Der Substanzverlust ist das überwiegende Problem“, sagt Projektleiterin Ulrike Schölkopf von der Stadt. Dafür haben Edenharters Leute 500 bis 700 Bleche passgenau zugeschnitten und eingeschweißt. Echte Handarbeit. Die Stücke sind zwischen zehn Zentimetern und zwei Metern lang — und vier bis 20 Zentimeter breit.

Außerdem haben die Arbeiter Risse im Stahl gefunden und zwar dort, wo die Eisenbahnschienen verlegt sind. Diese werden ausgebessert und verfüllt — wie auch die Schienen selbst. Sie verbleiben in der Fahrbahn der Querung, werden aber plan gemacht — und wie die gesamte Straße mit einem dünnen Belag überzogen. Doch es dauert noch etwas, bis die alte Lady ihr neues Kleid anlegt. Zuvor werden noch alte Schweißnähte glatt gemacht, damit der frische Korrosionsschutz auch hält. Der wird ab Mitte März aufgetragen — in vier Schichten. Die Erste ist auf einigen Teilen schon aufgebracht: Sie leuchten in Rot. Doch wenn die Drehbrücke sich komplett neu gewandet hat, wird sie wieder silbern glänzen.

Dann darf sie zurück an ihren angestammten Platz. Schwimmkran „Enak“ holt die Dame aus Stahl im Mai aus ihrem Sanatorium wieder ab. Dann wird sie vor Ort zusammengebaut. Denn auch der König- stuhl, der die Brücke hebt, zur Seite dreht und ihre Last trägt, ist bis dahin runderneuert wie der Hauptträger. Er ist zwischen Königstuhl und Drehbrücke platziert. Schwierig: Diese Brückenteile haben sich all die Jahre so aneinander gewöhnt, dass sie schief mit der geschwungenen Schönheit verbunden sind. Schölkopf: „So schief müssen wir sie jetzt wieder zusammensetzen.“

Nostalgische Querung
350 Tonnen schwer ist die Drehbrücke insgesamt. 27 Tonnen davon wiegt der Hauptträger. Der Königstuhl ist satte 22 Tonnen schwer und von außen nicht sichtbar. Er ist unterhalb der Drehbrücke auf der Wallhalbinsel-Seite. Er hebt, dreht und senkt die stählerne Brücken-Schönheit und trägt deren volle Last.
4 Millionen Euro kostet die Sanierung der Drehbrücke. Am 21. Mai soll sie wieder offen sein. Nach Aussage von Bereichsleiter Stefan Klotz werden sowohl die Kosten als auch der Zeitplan gehalten. Gesperrt ist sie seit dem 21. Oktober 2014.

Josephine von Zastrow